Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- Seite 275 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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, icht nur Mitarbeiter, sondern einer der Leser, deren Zuj immung mich stärkte und erhob. Er war einer der Treuesten, ne ich im Leben gefunden habe. Für mich bleibt er unersetzlich. L. G. Der lange Kock. Roman von Anna Goldschmidt. (4. Fortsetzung.) 3osua spricht mehr von der Mutter als vom Vater. Sie muß eine energische Frau sein. Ihr Wort gilt noch heute bei den erwachsenen Kindern. Sie hat sie stramm * Halten bei aller aufopfernden Liebe. Sie arbeitet noch heute hwer und mühselig, obgleich -- „es nicht mehr so nötig raire". Hier errötet er leicht. „Mutter ist so komisch darin", sagt er und wird noch röter, wir haben von ihr alles bekommen, aber sie nimmt nichts on uns." Sie fährt noch heute viermal die Woche mit Fischen über die >renze zum Wochenmarkt. Hierher kommt sie auch Montags iid Donnerstags. Die Nacht fährt sie, bei jedem Wetter, ‘•ei Morgengrauen ist sie dann am Platz und sitzt in Kälte und Lind. Ihr Mittagsmahl besteht aus einem Salzhering, denn ui ganzen Ort ist kein Haus, in dem es so koscher zuginge, daß llutter Riske da äße. „Und — und — darin läßt sie sich nichts sagen." Er sagt? mit tiefer besorgter Liebe. „Und was sagt Ihr Vater dazu?" „Ach Gott, Vater," sagt er, und über sein Gesicht huscht ein ächeln, kindlich, gütig und ohne Vorwurf, „der kümmert sich och darum nicht." Ich sehe den alten Vater sitzen, alt von Jugend an, denn üe trieben ihn junge Wünsche von diesem einen Platz über inen Büchern. Die Frau arbeitet. Ihr Körper ist schwer nd ungefügig geworden vor der Zeit, weil sie allzu schwere asten hob, allzu große Strapazen ertrug — er sieht es nicht, er rat Sie hat ihre Not, die sechs Kinder satt zu machen, sie zu ziehen — da ist eins krank, da will eins nicht so, wie es soll und ae es richtig ist — er kümmert sich nicht darum, er lernt. Sie eicht bald zusammen unter der Last, aber eins hebt sie, eins ilft ihr tragen und gibt ihr übermenschliche Kräfte: die Liebe t den Kindern und — der Stolz auf den Mann. Sie kann ie spazierengehen, nie sich einmal gut kleiden wie die anderen rauen in der Gasse, aber sie trägt eine Krone: sie hat einen Gelehrten"! Sie ist vornehmer als alle die Frauen, denen >re Männer Goldsachen kaufen und schöne Kleider. Sie hat men König zum Mann und zeigt ihn ihren Kindern als König, 'inen König, dessen Reich nicht von ihrer und ihrer Kinder kielt ist. Nur ein paarmal im Jahr, da tut sich ihnen die .'forte auf, da nimmt er sie mit hinein und setzt sie neben sich uf seinen Thron. Das ist, wenn die Frau sich zuschanden gerbeitet hat mit Scheuern und Putzen, wenn sie die Leuchter nif den sauberen Jomtauftisch gestellt hat und den selbstebackenen Barches, wenn — Vater — erklärt. Da kommen >e Schätze hervor, die er in wohlgehüteter Ungestörtheit einleheimst hat, daß es nur so glitzert und gleißt um die kleine andächtige Schar, daß sie in lauter, lichter Festesherrlichkeit itzt. Das ganze Jahr muß die Mutter reden, lehren, trösten, rmahnen; heute ist sie stumm, in Andacht, Stolz und Rührung nimm. Sie schaut dem Mann auf die Lippen und dann blickt iie die Kinder der Reihe nach an, früher die kleinen, jetzt die großen: „Hört ihr auch, wie schön Vater redet? Entgeht euch auch keins von seinen Worten? Goldperlen sind es, und wer eine davon verliert, ist ein Verschwender." Nein, Mutter Riske, du erziehst keine Verschwender. In deinen Augen leuchtet ein so tiefer, andächtiger, dankbarer Glanz, daß sich Strahlen davon in den Kinderaugen ringsum fangen. Wie eine Mutter den Vater sieht, so sehen ihn die Kinder. Von deinem Mutterantlitz geht er aus, dieser Strahl der Anbetung für den redenden Mann, und er leuchtet in deiner Kinder Herz hinein und macht es warm und empfänglich und ehrerbietig für den Mann, den du ihnen als König zeigst. Mama, Mama, warum muß Papa seine Gebetbücher unten im Kontor verstecken? Warum gerätst du außer dich, wenn sie dir unter unseren Büchern in die Hände kommen? Papa hängt doch daran? Warum geht er so gedrückt, fast heimlich, wie zu Unrechten Wegen, ins Schlafzimmer, wenn er sich nur an höchsten Feiertagen für den Tempelgang sertigmacht? Warum wird der Tisch so wenig für ihn vorbereitet, wird Papa so wenig, gepflegt und so überlegen, so tadelnd ausgespottet, wenn er Jomkippur heimkommt, schwach von dem schweren Tag? Mama, Mama, warum ist das alles so bei uns? Sieh mal, unser Papa hat sich für uns gequält und gesorgt, er hat allein gearbeitet, und wir haben es nur immer, immer gut gehabt und nichts getan — anders, umgekehrt als bei Djaloszynskis. Warum hast du uns durch deine Art gelehrt, daß man sich Papa gegenüber gehen lassen darf?! Wir haben doch ein vornehmes Haus, Mama? Du hast es mir doch svundsooft gesagt, daß wir zum ersten Kreis (das heißt bei den Juden; bei den Christen stiegen wir immer gern drei Stufen nieder) gehörten? Mama, ist nicht alles so bei uns, wie es — sein — muß?! Den.13. Ich weiß jetzt, warum sich Josua so sonderbar kleidet. Max sagte es mir. „Um die Zugehörigkeit zu den Seinen auch äußerlich zu markieren, um den Juden zu betonen." Du bist ein närrisches Kind, Josua. Hast du das nötig? Bei deinen Augen? Augen, in denen die Leiden von Jahrtausenden klagen und das Erbarmen mit Jahrtausenden. Solche Augen findet man nur bei Juden. Etwas von dieser rührenden Klage sehe ich jetzt manchmal bei den armen Galiziern wieder, die mit schweren Säcken beladen hier zum Wochenmarkt kommen. Ich sehe sie mir jetzt alle daraufhin au und verstehe die Trauer ihrer Augen, die Leiden eines Volkes, dessen Geschichte ich jetzt lese und zu dem ich gehöre. Den.18. Mein guter Max freut sich über meinen Eifer, aber wie instinktiv, ohne Verabredung, sprechen wir von Josua und meinen Studien nur, wenn Mama nicht im Zimmer ist. Mein Max weiß viel von jüdischen Dingen. Das hätte ich nie gedacht. Und da muß er oft erklären, wenn ich etwas nicht begreife. Er erzählt hübsch und lebhaft und weiß einem alles so klar zu machen, daß es einem eingeht wie eine wohl zugerichtete Frucht. Wenn sein Freund über etwas spricht, fühlt man die Schwere, sei sie nun freudvoll oder traurig; immer ist es Schwere, die von ihm ausgeht. Ich kann stundenlang über etwas nachgrübeln, was er sagt, und werde doch nicht damit fertig. So kommt es, daß ich noch immer nicht bei meiner Mission bin. Und ich will doch nicht vergessen, was so wichtig ist. Wir leben doch in der Welt. Wenn ich persönlich auch vergesse, uiibegreiflicherweise vergesse, daß Josua in einer unmöglichen, verachteten Tracht umherläuft, er soll auch vor der übrigen Welt bestehen, er soll nicht ausgespvttet werden.