Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- Seite 274 (sequence 10)
- Language
- German
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274 ist der Versuch eines sozialistischen Senators, eine antisemitische Agitation in Belgien zu entfalten, ohne Erfolg geblieben, und seine Agitation fand keinen Anhang, weil der günstige Boden für diesen Jdeengang gefehlt hat. Tie Juden erfreuten sich in Belgien bis auf diesen Tag einer! völligen Gleichberechtigung. Die Gemeinden waren nach französischem Muster organisiert, mit dem Zentralkonsistorium in Brüssel, an dessen Spitze bedeutende gelehrte Rabbiner standen, darunter Carmoly, der viele Beiträge zur Geschichte der belgischen Juden geliefert hat, Astruc, Loeb und andere. j Bei der in Belgien schon lange durchgeführten Trennung von Staat und Kirche hat das jüdische Konsistorium eine volle; Selbständigkeit und freie Entwicklung gehabt. Wie dem christlichen Kultus werden auch dem jüdischen Konsistorium vom Staate und von den kommunalen Verwaltungen Zuschüsse gewährt (1897 beivilligte der Senat 25 000 Franken). Reben liberalen Gemeinden existieren auch streng orthodoxe, welche besonders in den letzten Jahren durch die eingewanderten osteuropäischen Juden eine bedeutende Verstärkung finden. Die bedeutendsten Gemeinden waren in Antwerpen und Brüssel, auch in Lüttich, Gent und Namur gab es wohlorganisierte Gemeinden. Als Ende der siebziger Jahre in Belgien allgemeine Friedhöfe für alle Konfessionen eingeführt wurden, trat bei einem Teil der Judenheit eine Unzufriedenheit mit dieser Institution hervor, und sie verlangten ihre Abschaffung; jedoch der Oberrabbiner Astruc erklärte sich für die allgemeinen Friedhöfe und hat die ihm unterstehenden Rabbiner und Kultusbeamten angewiesen, die Beerdigungen auf diesen Friedhöfen nach dem Ritus im Talar usw. vorzunehmen. Dabei ist es auch geblieben, und die orthodoxen Proteste hatten keinen Erfolg, besonders da die liberalen nichtjüdischeu Elemente überall für die allgemeinen Friedhöfe sich ausgesprochen haben. — In den ^letzten Jahren des vergangenen Jahrhunderts begann nach Belgien eine immer stärker werdende Immigration aus Osteuropa, wo die Pogrome, Verfolgungen und die wirtschaftliche Rot Zehntausende aus ihren Heimatländern getrieben haben. Sie haben in Belgien wohlwollende Aufnahme und sichere Eristenz gesunden. Besonders haben Diamantenindustrie und Handel viele Juden, hauptsächlich aus Galizien, beschäftigt. Auch in kultureller Beziehung entwickelten sie sich sehr gut. In der allerletzten Zeit begann aus dem Osten nach Belgien eine neue Einwanderung ganz besonderer Art. Es waren keine Brotsnchenden, sondern Lernbeflissene und Wissensdurstige — jüdische Studenten, die in Rußland wegen der vielen Begrenzungen nicht studieren können und vor denen in den letzten Jahren auch die deutschen und schweizerischen Hochschulen ihre Tore zu schließen beginnen. Der Studentenstrom suchte sich einen neuen Weg, und er ergoß sich über Belgien, wo die Studierenden eine Zufluchtsstätte fanden und die Hochschulen überfüllten. Allein in Brüssel und Lüttich haben vielt Tausende (nicht übertrieben!) ihre Ausbildung erhalten. I , den letzten Jahren zählte Belgien zirka 5000 rufsisch-jüdiscl e Studenten. Vor dem Weltkriege war die Gesamtzahl der Juden Belgien über 40 000. Der Krieg zerstörte die Gemeinden gründlich. Wahrer r in den ersten Tagen des Krieges die galizischen Diamantei.- schleifer von der belgischen Regierung ausgewiesen wurde,! (die vielen „Oesterreicher", von denen die Zeitungen bericht l haben), erreichte nach der deutschen Okkupation dasselbe Schi, sal die russischen Juden, von denen viele, besonders von du, Studenten, als Kriegsgefangene in verschiedenen Kouzentr tionslagern in Deutschland inte niert worden sind. Die Enthüllung des Denkmals kür Krok.Dr Klein in Stockholm. m 16. Mai wurde der Den, stein für den am 6. Ajn 1914 verstorbenen Professor T Gottlieb Klein, Rabbiner in Stoa Holm, enthüllt. Wir erhalten darüber folgent Schilderung: „Rach einem Gesänge des Syne, gogenchores trat der erste Voi steher, Herr Ingenieur O s k a H i r s ch, auf eine Tribüne uu sprach einige warme Worte üb, die Wirksamkeit des Verstorbene und die Trauer seiner Gemeind um den schweren Verlust. Dan wurde die Hülle entfernt und da aus Porphyr gemeißelte Monumen kam zum Vorschein. Herr Hirs,. verlas dann die hebräische Jnschris aus Maleachi II, 6 und schloß sein, Ansprache mit den Worten: „Mög, dieser Stein Zeuge sein von de, Liebe, Anerkennung und Dankbar keit deiner Gemeinde für alles, wa du warst, gewollt, gewirkt und er reicht hast! Gesegnet sei dein An denken unter uns! Friede deine, Asche!" Darauf legte er einen herrlichen Kranz im Namen de Gemeinde nieder. Dann bestieg Tr. Ehrenpreis dieTribün und sprach seinerseits die Befriedigung aus, der Nachfolge, der hochverdienten Mannes geworden zu sein, und legte al- Zeichen der Verehrung in seinem Namen einen wundervolle! Strauß weißer Lilien auf das Grab. Mit einem Chorgesaii schloß die würdige Feier. Die schwedische Inschrift, die an dem Sockel steht, lautet in deutscher Uebersetzung: „Die jüdisch Gemeinde errichtete dieses Denkmal zur Erinnerung in Taut barkeit!" Indem wir von dieser schlichten Feier unseren Lesern Be richt erstatten, verweisen wir auf den Artikel Jahrgang 191, Nr. 16, der unter dem frischen Eindruck des Todes des ausgezeichneten Mannes geschrieben war. Nun, nach fast fünf viertel Jahren, ist die Trauer um den Vortrefflichen noch die selbe wie unmittelbar nach seinem Heimgang. Unsere Leser kannten ihn durch viele bedeutende Artikel mit denen er unsere Zeitung bereichert hat. Für mich war er Grabdenkmal des Prof. Dr. Gottlieb Rlein in Stockholm. litt ä „<jg f -