Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- Seite 273 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229201--71370-3283706- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
27 s Einst als die russischen Polen ebenfalls unter der Knute eufzten, da kam ihnen die wahre Erleuchtung über Recht und Zilligkeit. Sie wußten es zu schätzen, daß ein Regiment junger Mischer Freiwilligen im Jahre 1794, als Kosciuszko sich an die Spitze des Aufstandes gegen die russische Tyrannei stellte, in beherzter Weise und Brüderlichkeit mit ihnen kämpfte. Und im Mhre 1861, als die Russen in Warschau auf die kniende Nenge, welche die Volkshymne anstimmte, zu schießen begannen, folgten die Rabbiner den Einwohnern in die katholichen Kirchen, und die Katholiken besuchten die Synagogen, mmer wieder das patriotische „Zdymen posarow" singend. Ein ähnliches Schauspiel hat Luzzatti als Jüngling in den .fahren 1848/49 im alten Tempel von Venedig, der nicht mehr riskiert, erlebt. Einige der nicht genug bekannten Schrecknisse neuesten Datums, die in dem zitierten Artikel berichtet werden, möchte ch in wörtlicher Uebersetzung wiedergeben: „Als die Oesterreicher sich aus Lamosch zurückziehen mißten, wurden die Juden des geheimen Einverständnisses mit en Invasoren beschuldigt. Die Unglücklichen protestierten, eugneten; jedoch mit größter Ungerechtigkeit wurden 5 gelängt, 12 gefangengesetzt. Die, welche dasselbe Schicksal erj varteten, erhielten durch einen herbeigeeilten russischen Popen ' Interstützung, denn der Pope beteuerte unter seinem Eide, daß r beweisen könne, die Juden hätten keinerlei Rapport mit den 'esterreichern gehabt, im Gegenteil, einige von ihnen seien tzolen, die ein heimliches Telephon eingerichtet hätten ..." Auf dieses Zeugnis hin erhielten sie ihre Freiheit. Mit Pathos fährt der Referent fort: „Ich vergieße heute dieselben bitteren Tränen) die ich ge-; ueint, als die russischen Polen wegen ihres katholischen Glauens verfolgt wurden, als man den Jünglingen Deutsch-; llvlens verbot, das Abendmahl in ihrer Muttersprache entegenzunehmen. Wenn es wirklich einen Gott gibt, der sich j uit dem Elend, mit der Ruchlosigkeit seiner Geschöpfe bc- ■ chüftigt, so müßte er diese menschlichen Bestien, die in so böser; Weise vorgeben, zu ihm zu beten und ihn zu verehren, mit! simmlischer Rache treffen." Die Episode eines jüdischen Soldaten, der in heroischer! Weise in Galizien im russischen Heere gekämpft, bildet den Schluß der traurigen Chronik: „Der junge Mann wurde schwer verwundet in ein Hospital n Moskau eingeliefert. Bei der Amputation eines Beines ernannte man den Juden in ihm. Darauf wurde er aus dem Asyl des Leidens und aus der Stadt vertrieben, denn er hatte lein Recht, außerhalb des ihm angewiesenen Territoriums zu leben. Der Aermste wagte zu bemerken, daß der betreffende Sri, dem er angehörte, von den Oesterreichern okkupiert sei, j und daß man ihn bei seiner Rückkehr zuin Gefangenen machen > unirde. Aber die grausamen Handhaber einer eisernen Gej wohnheit meinten, daß er, der ein Bein verloren habe, nun ein l nutzloses Individuum, ungefährlich auch in den Händen der > Feinde, geworden sei. J Es heißt, daß die liberale russische Presse sich der finsteren! Geschichte angenommen und mit lautem Protest der tragischen l Reise des unbekannten Helden ein Ziel gesetzt habe."! Luzzatti ruft die gesamte zivilisierte Welt an, ein Veto! gegen solch unerhörte, mittelalterliche Unbarmherzigkeit einzulegen, und er setzt ein Wort des Neuen Testaments, gegen dessen ilvhe Menschlichkeit niemand etwas einzuwenden haben wird, an das Ende seiner Betrachtungen: „Ihr seid alle Kinder eures Vaters im Himmel. Denn er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte." Die AuÄm in Leigten. Von Tr. AI. Sachs. Bchon im Altertum waren Juden in den Gebieten deS jetzigen Belgiens ansässig. Mit den römischen Legionen sind auch jüdische Söldner nach Gallien gekommen. In den Hafenstädten und Kastells haben sich später auch jüdische Kanfleute und Handwerker niedergelassen. Von den ersten christlichen Herrschern wurden die Juden ziemlich tolerant behandelt. „Wie überall lebten sie mit der Bevölkerung in gutem Einvernehmen, so daß es auch zu Ehen zwischen Juden und Christen kam. Die Juden verstanden auch die Waffen zu führen und nahmen lebhaften Anteil an den Kriegen zwischen Chlodwig und den Feldherren der Westgoten bei der Belagerung von Arles" (Graetz). Während des Mittelalters teilten die Juden Belgiens, das unter verschiedene Herrscher kam, die traurigen Schicksale der übrigen Juden Europas. Sie wurden geduldet, ausgewiesen, wieder zugelassen und wieder geplündert und ausgewiesen und hatten viel zu leiden unter dem fanatischen Druck. Auch in der neuen Zeit, nach der Befreiung Hollands vom spanischen Joch, verblieben die belgischen Provinzen noch lange unter Spanien. Erst unter der österreichischen und französischen Herrschaft besserte sich allmählich ihre Lage, und am Ende des 18. Jahrhunderts erlangten sie eine gewisse Emanzipation. Als der Wiener Kongreß Belgien mit Holland unter Wilhelm dem Ersten vonOranien zum Königreich der Niederlande vereinigt hatte, erhielten auch die belgischen Juden volle Gleichberechtigung und sie machten auch Gebrauch von allen bürgerlichen und politischen Rechten. In dem Maße wie ihre Lage sich besserte und ihr Wohlstand wuchs, vergrößerte sich ihre Zahl durch Zuzug aus den Nachbarländern. Nach der Unabhängigkeitserklärung im Jahre 18 3 0 genossen die Juden im klerikalen Belgien ungeschmälert die volle Freiheit wie vorher im toleranten Holland. Dies haben die politischen Verhältnisse der Trennung von Holland mit sich gebracht. Denn die politische Unabhängigkeit Belgiens ist ja aus Grund der Religions- und Gewissensfreiheit erreicht worden. Das katholische Belgien verlangte seine Trennung vom protestantischen Holland, und nach der vollzogenen Separation und der im Namen der Religionsfreiheit erreichten Selbständigkeit war es auch den reaktionärsten Elementen unmöglich, wieder Ausnahmegesetze für die Juden einzuführen oder sie als Bürger zweiter Klasse zu behandeln. Auf religiösem Boden war es in Belgien unmöglich, etivas gegen die Juden zu unternehmen und sie zu bekämpfen. Die Judenhetzer mußten hier unter einer anderen Flagge ihre dunklen Ueberfülle wagen, aber auch diese Judenhetze konnte in Belgien keine Wurzel fassen. Und so blieb Belgien trotz der klerikalen Herrschaft und des mächtigen Einflusses der Geistlichkeit ein Land der religiösen Toleranz auch für die Juden. Es fehlte auch hier nicht an Versuchen seitens der Reaktionäre, den Antisemitismus in Belgien einzuführen und ihm auf die Beine zu helfen, sie blieben aber vereinzelt und ohne Einfluß auf die jüdische Gleichberechtigung. Diese Versuche sind besonders interessant, weil sie eine ganz neue Erscheinung, bei welcher der Ultramontanismus im Gewände der Finanz auftritt und unter wirtschaftlicher Maske seine Kämpfe auszufechten und seine Ziele zu erreichen sucht. Als später, in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, der Antisemitismus in Deutschland ausgetreten war, konnte er auf Belgien nicht leicht übergehen. Die Leiter der Regierung haben sich gegen ihn ausgesprochen mit der Erklärung, daß die Zeiten der religiösen Intoleranz für Belgien schon für immer vorüber sind. Auch in den neunziger Jahren