Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
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272 Juden einen Aufruf zugunsten der notleidenden Juden Polens, Galiziens und der Türkei, insbesondere Palästinas, der trotz der schweren Zeiten einen erfreulichen Erfolg hatte. Eine Kommission wurde in die erreichbaren Gebiete Polens cutsandt mit dem Aufträge, an Ort und Stelle die Verhältnisse zu prüfen. Die Kommission hat in der Zeit vom 17. Februar bis zum 17. April vier Reisen nach Polen unternommen. Die Juden machen über 13 Prozent der gesamten Bevölkerung dort aus. Da sie zu annähernd 70 Prozent in den Städten wohnen unb naturgemäß die Not, in die der Krieg das Land gestürzt hat, sich am allerstärksten in den Städten fühlbar macht, so lastet das Schicksal mit bejonderer Schwere auf der jüdischen Bevölkerung Polens. Am traurigsten ist die Lage in den Industriegebieten, da die Fabriken dort fast ausnahmslos stillstehen; so in Lodz, so im Dombroloa-Becken und im Fabrikbezirk von Ezenstochau. In diesen Gebieten sind an 1 200 000 Menschen, die mit Lebensmitteln raschesteus versorgt werden müssen, davon 750 000 unterstützungsbedürftig und hiervon an 200 000 Juden. Das jüdische Hilfskomitee arbeitet harmonisch zusammen mit dem interkonfessionellen Komitee für Polen und auch mit dem speziell . polnischen Komitee. Zu den Leiden, die die Gesamtheit der polnischen Bevölkerung zu ertragen hatte, kamen bei den Juden noch ganz besondere. Bei allen Kriegsrvendungen, namentlich bei Rückzügen, wurden sie von den Russen nusgeplündert, viele wurden gemordet, weggeschleppt, Frauen wurden geschändet. Auf dem Lande ging es am furchtbarsten zu. Die Kommission hat sich bemüht, Aufnahmen über die Greueltaten zu machell, die begangen worden sind, und es lvird erwogen, das bezügliche Material zu veröffentlichen, und zlvar nicht nur in Deutschland, sondern auch im neutralen Ausland. Es lourden voll der Kommission zur Allsführung des Hilsslverks in Polen lokale Komitees eingesetzt; zur Hilfeleistung über die Grenze hinaus auch ein deutsches Komitee in Schlesien, das für seine Tätigkeit den größten Dank verdient. Die deutschen Zivil- und Militärbehörden in den besetzten Gebieten haben der Komnlission bei ihren Arbeiteil, die nach verschiedenell Richtungen Hill auch im Interesse des Deutschen Reiches liegen, jedes Entgegenkommen bewiesen unb ihren Borschlä gell Berücksichtigung 31tgesagt. Aus deil Mitteln der Hilfsfonds ist des lweiteren eine größere Aktioil für Galizien in Aussicht genommen, die jetzt mit so notwendiger ist, als nach deur erfolgreichen Vordrillgen der deutschen und österreichischen Truppen ein großer Teil Galiziens wieder vom Feinde befreit ist. Das Hilfswerk während der Kriegszeit konnte nur geleistet werden dank der Mitwirkung der deutschell Judeuheit, und bei der Größe und der Tauer der Not ist nachhaltige Unterstützung seitens derselben in weitestem Maße erforderlich. — Die Ausführungen des Herrn Tr. Nathan fanden lebhaften Beifall. Herr Tr. S i nl o n geht noch des näheren auf die in Palästina erfolgte Hilfeleistung ein. Es sind zunächst 40 000 Mark dorthin überlvlesen worden. Herr I n st i z r a t B e r g e r - Königshütte weist darauf hin, daß das schlesische Hilfskomitee dailk den ihnl zur Verfügung gestellten Mitteln eine sehr segensreiche Wirksamkeit in den russisch-polnischen Grenzgebieten zu entfalten in der Lage sei. Herr R a b b i ll e r T r. Werner- Münchell hebt hervor, daß im speziellen die hingebende Arbeit des Hilfsvereius für das interkonfessionelle Hilfsloerk all beit vielen Tausendeil in Deutschland befindlichen Russen, insbesondere auch ihre Rückbeförderung nach Rußland, größten Tallk verdiene ulld dem ganzen deutschen Judentum Ehre und Anerkennung gebracht habe. Herr R a b b i n e r D r. N e n h aus- Ostrowo übermittelt den Dank der Gemeinde und des Konlitees in Kalisch für die erwiesene Hilfeleistung, die direkt eine Rettung für den Ort bedeutet habe. All Stelle des Schatzmeisters, der sich ans einer Reise befindet, erstattete Herr D r. I a nl es S i m 0 ll den Kassenbericht. Die Auswanderersürsorge in der ersten Hälfte des Jahres hat rund 144 000 Mark erfordert, das allgemeine Subventionskonto und das Schnlwerk rund 280 000 Mark. Die Einnahmen aus Mitgliederbeiträgen und einmaligen Zusendungen beliefen sich einschließlich eines Beitrages der Jewish Colonisation Association auf über eine halb' Million Mark. Dr. Simon teilt darauf mit, daß durch die Herren Kvminerzienra S i e g ln u n d P i n c u s und Georg T i e tz Bücher und Bilan; des Hilssvereins geprüft und in Ordnung befunden seien. Darauf wird der Verloaltung einstimmig Entlastung erteilt. Die Revisoren Herr Kommerzienrat Pincus und Georg Tietz wei den loiedergewählt. Lussstti und die Juden in Nutzland. Von Margarete Marasse. uigi Luzzatti, der ehemalige italienische Ministerpräsident ,, mosaischen Glaubens, hat lange vor Beginn des Kriege« auf die bedrohliche Bewölkung des politischen Horizonts i-, Wort und Schrift aufmerksam gemacht. Als weitsichtige Staatsmann sprach er schon in den ersten Tagen des Juli von der Gefahr, welche das kampfdurchtoste Europa vom Osten un Westen, von den Vereinigten Staaten und Japan, zu erwarten hätte. Es betrübte ihn tief, sein Vaterland — auch in finanzielle Beziehung — nicht ausreichend auf das unabwendbare Geschu vorbereitet zu sehen. Ruhig, sachlich und gemäßigt wies er a» den nahenden Augenblick schwerwiegender Entscheidungen hi» Seine Ruhe verließ ihn auch nicht, als das Unwetter mi überraschender Gewalt losgebrochen — sein ungetrübtes Ur teil hat er sich leider nicht zu bewahren verstanden. Blieb e ailch, in seiner ganzen Wesensart schwer getroffen, dem Lärm fern, als ein Teil seiner leicht entzündbaren Landsleute, dürr! die Elemente der zum Kriege treibenden Presse gänzlich vcr wirrt, auf falsche Bahn geriet, so war er doch sehr geneigt, de» bisher bewunderten Deutschland die Verantwortung für da maßlose Unglück zuzuschreiben. Einlenkend möchte Luzzatti nun wirken, da er von den Ver folgungcn seiner Glaubensgenossen in Rllßland zu berichte! weiß, dem Rußland, dem er als „Befreier der Slawen, bürge leistend für die Autonomie des alten polnischen Staates' seine Sympathie bisher nie versagte. In einem Artikel des „Corriere della Sera": „Die religiöse! Verfolgungen in Rußland", sieht er sich gezwungen, die Jntvlr ranz der russischen Regierung in Sachen des Glaubens festz» nageln; er nimmt früheres Lob zurück, da ein Volk, das sich so grober Verletzungen schuldig macht, weder die Verzeihung bi» Zeitgenossen noch jene der Historie verdient. Das Verbrechen der Unduldsamkeit wurde im Verla» dieses furchtbaren Krieges an den römischen Katholiken Pole» und an den Juden des Zarenreiches begangen. Während enun den Papstbekennern nie an glühenden Verteidigern gefehl'. hat, sucht das unterdrückte Volk Israels seit Jahrhunderte» in Ländern mit nur aufgetünchter Kultur den starken Schutz dessen es leider bedarf, mit vergeblicher, aber nie erlöschende: Hoffnungsseligkeit. Luzzatti, der für die Idee der politischen Rekonstruktion ver wandter Stämme kämpft, gerät ins Feuer, wenn er ans da: Unheil zil sprechen kommt, das solch ein Streben in Rußland z> zeitigen vermag. Stolz auf das aufflammende Nationalgefühl in dem König reich von einem — bis vor kurzem — progressiven Typus, rnfi er aus: „Uns Italienern erscheint es unbegreiflich, daß aus dem Kultus der Nationalität, der dasselbe ist wie die Religion für die Familie, ein Kultus, für den man leidet, arbeitet, freudig stirbt, der die Quelle des Heroismus, des Märtyrertums, aller heiligen bürgerlichen und männlichen Tugenden ist, der böse Geist der religiösen Verfolgung, der Unterdrückung der Minorität entstehen kann."