Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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271 ihnen das Grab, in welchem ein Jude bestattet w-ar, und erzählten: | Die Russen hätten aus ihrem Rückzug diesen Juden mitgeschleppt und! beim Dorfe aufgehängt. Die Leiche ist jetzt auf den Friedhof in; Lowicz übergeführt worden. Mitte September trafen die Russen den 25jährigen Salomoxx Wilczhnski aus Soinpolno auf einem Rad fahrend. Radfahren eines Juden ist bei den Russen erwiesener Spionageversuch. Wilczhnski wird festgenommen, mit Säbelhieben erschlagen und in einen Wassergraben geworfen. Auf dem Wege voll P >i o t r k o w nach S o m p o l n o wurde der Jude Radziejewski, Vater von sechs Kindern, lebendig begraben. In Dombie war der Jude Altschul eines Tages spurlos verschwunden; man wußte nicht, wo er war und was mit ihm geschehen ist. Nach dem Einrücken der deutschen Truppen kam eine christliche Frau zu den Juden und meldete ihnen, ein Jude sei von den Russen lebendig begraben worden. Man ließ sich an die von ihr bezeichnete stelle führen, öffnete das Grab und fand dort die Leiche des Altschul. Tie Augen waren ausgestochen, die Nasenlöcher zugestopft, der Körper vertreten und in einen Sack gesteckt. In Dombie hat jetzt Altschul ein ehrenvolles Märthrergrab gefunden. Einen Kommentar diesen Tatsachen hinzuzufügen, erscheint mir überslüffig; sie reden ihre eigene Sprache, die keinen Widerspruch Duldet, sie geben eine Ahnung voll der furchtbaren und allgemeineu Katastrophe, die die Juden in Polerl getroffen hat und die sie überall Dort noch trifft, wo russische Truppen stehen und ihre schlvere Faust in der blutigsten Weise die Juden fühlen lassen. Lodz, den 16. Mai 1915. Feldrabbiner Dr. A. Le vH. Dir Gkneraloerlammluns des hilksoereins der deutschen luden. ui Sonntag, den 30. Mai, fauben die Sitzungen des Zentralkomitees und der Gexxeralver s a m nx lung des Hilfs - ve re i n s de r de u t s che u Iirde n statt. Es waren zahlreiche Mitglieder erschienen, auch von auslvärts, so aus Königsberg, Tilsit, Lstrowo, Königshütte, Lissa, Posen, Breslau, Dresden, München. In der Sitzung des Zentralkomitees hielt Herr Tr. James 3 i m o ll vor Eintritt in die Tagesordllung einen warmen Nachruf auf die seit der letztexx Generalversammlung dahixxgefchiedexxen Mitglieder des Zeutralkolnitees. Herr Dr. Ja m e s Simo ll führte daxxxx aus, daß auch in den schweren Zeiten einer Katastrophe, wie sie die Welt bisher nicht erlebt hat, der Hilssverein es für seine Ehrenpflicht hielt, seinen Ausgaben treu zu bleiben und feine Arbeit nach wie vor dem Wöhle der ausländischen Glaubensgenossen seinexn Programme gexnüß zu widmen. Es erschiexl auch geradezu als eine Pflicht gegen das Vaterland, das Liebeswerk llicht fallen zu lassen. Die Tätigkeit hat sich in mancher Beziehung anders gestalten ntüffen als vorher. Ein Hauptteil der Arbeit, die sich auf die Auswandererfürsorge erstreckte, mußte seit Ansbruch des Krieges fortsallen, dagegell ist die kultureue Tätigkeit in den Balkanländern und im türkischen Orient im großen Umfange, soweit es die Verhältnisse irgend znließen, ausrechterhalten worden. Zur lebhaften Genugtuung der Versanlmlung teilt er mit, daß das Interesse der deutschen Glaubensgenossen denl Hilfsverein unvermindert erhalten geblieben ist. Sogar aus denr Felde haben die Mitglieder wie die Vertrauensleute des Vereins ihre Mitarbeit in erfreulicher Weise betätigt, und er gibt der Hoffnung Ausdruck, daß, gestützt aus die Mitwirkung der deuffchen Judenheit, die Entwicklung des Hilssvereins auch weiterhin wie bisher fortschreiten werde. Daraus gibt Herr Dr. Nathan in großen Zügen einen Ueberblick über die Tätigkeit des Hilfsvereins. Das Schulwerk des Hilfsvereins konnte im verflossenen Schuljahr, wenn auch durch die Kriegswirren zum Teil im einzelnen in Mitleidenschaft gezogen, weitergeführt werden. Besonders in der europäischen Türkei blühte unser Schulwerk gerade jetzt neu aus. In Palästina sind die meisten Schulen gleichfalls in bestem Gange. Im ganzen unterhielt und subventionierte der Hilfsverein auch in diesem Kriegsjahr 35 Anstalten in Osteuropa und im Orient mit rund 5000 Zöglingen, Kindergärten, Knaben- und Mädchenschulen, Kolonieschllle, Talmud-Thora-Schule, Handwerkerschule, Haushaltungsschule,! Handelsrealschule, Mädchenheim, Kindergärtnerinnenkursus, Rabbinerkursus, Lehrerseminar. Die Aufwendungen für diese kulturelle Tätigkeit betrugen rund 270 000 Mark. So besteht, von den Bedürfnissen der Kindheit angefangen bis zu der Ausbildung von Lehrkräften für die Schulanstalten aller Gattungen, ein geschlossenes, wohlgeordnetes System. Der Hilfsverein war in hervorragendem Maße auch an der Schöpfung des Technikums in Palästina beteiligt, das eine selbständige Gründung gewesen ist. Durch Unbequemlichkeiten aller Art, seit Ausbruch des Krieges auch durch finanzielle Schwierigkeiten, war cs nicht möglich, das Institut wie gewollt fortzuführen. Die einzige Möglichkeit zur Sanierung bestand darin, daß die alte Gesellschaft, die es in der Hand hatte, den Konkurs anmeldete, und daß der Hilssverein der Deutschen Juden nach sehr eingehenden Beratungerx dieses große Unternehmen übernommen hat. In diesem Augenblick wird es nicht betrieben und kann es nicht betrieben lverden. Man inuß den Frieden abwarteu, um definitiven Beschluß darüber zu sassexx, nach welcher Seite hin die weitere Entwicklung des Werkes stattsinden kann. Bis zum Ausbruch des Krieges war die Auswanderung gegen die entsprechende Zeit des Vorjahres bedeutend erhöht. Mehr als 10 000 Auswanderern nmßten wir unsere Hilfe angedeihen lassen. Tie Ausgaben, die hierzu notwendig waren, beliefen sich auf 144 000 Mark. Dann freilich hörte eixxe Auswanderung über Deutschland völlig auf. Der Krieg brachte barm dem Hilfsverein eine Reihe neuer Aufgaben. In erster Linie galt es, in Uebereinstimmung xnit den Zivil- und Militärbehörden eine uxnfassende Hilsstätigkeit ins Werk zu setzen für die in Deutschland befindlichen Angehörigen des russischen Reiches, die der Kriegsausbruch hier überraschte. Schon kxxrz nach Ansbruch des Krieges, axu 14. August vorigen Jahres, trat der Hilfsverein der Deutschen Juden auf Grund eines Memorandums mit dexx Staatsbehörden, dem Neichsaxut des Innern xxnd dexxx stellvertretenden Gexleralstab in Verbindung, mit die Interessen der 60 060 bis 30 000 Rxxssexx - abgesehen voxx den Saxsoxxarbeiterxx, die der Fürsorge des Koxnitees xxicht xxnterliegexx - - nach allen Richtungen hin wahrzmiehmen. Es haxxdelte sich um die zahlreichen Rxxssexx, die sich bei Ausbruch des Krieges in Bädern befanden, um entlassene Arbeiter uxxd Angestellte, uxn die ixx Deutschland wegen nxilitärpflichtigen Alters Zurnckgehaltenexx uxxd deren Familien, uxn die dauernd ixx Deutschland Ansässigexx, die alle ixx große wirtschaftliche Bedrängnis oder auch ixx Xvirtschastlichexx Verfall geratexx xoarexx. In einem Erlaß hat der Reichskanzler darauf allen Behördexx des Reiches dexx „Hilfsverein der Deutschen Inden" als die offizielle Fnrsorgestelle fl'xr diese Aufgabe, an die die Behördexx sich xvexxden xnögexx, bezeichxxet. Diese Hilfsaktion xnxxßte nach Lage der Dixxge -- um generell wirten zxx können und um die nötigen Mittel hierzu zu erhalten, aber auch ans politischen Erwägungen — eixxe interkonfessionelle fein. Es xvxxrde dexxn auch ein interkonfessionelles „Uuterstützxlxxgskoxnitee für bedürftige Russexx" unter Protektion der Akilitär- und Zivilbehördexx begründet. Das Konxitee arbeitet unter dem Vorsitz von Herrxx Justizrat Breslaxxer. Die Tätigkeit Xvird ausgeübt ixn Bureau des Hilfsvereins der deutschen Inden. Dxxrch das Komitee xvxxrde zxxxxächst die Abreise einer großen Anzahl voxx Russen organisiert. Insgesamt belief sich der Abtransport axxf etxva 25 000 Persoxxen, davon Xvar die Hälfte mittellos. Dxcrch Verxnitteluxxg der spanischen Botschaft haben die Hexxnatbehörden die Mittel ft'xr das Hilfswerk zur Verfügung gestellt. Es sixxd für die Abreisenden und für die Unterstützung derjenigen, die ixx Deutschland und Berlin geblieben sind, bisher 2% Atillioxxen Mark ansgegeben Xvorden, und zwar in rund 60O00 Einzelfällen. Noch ixnxxxer werden im Deutschen Reiche ungefähr 10 000 Russen unterstützt, von denen zwei Drittel in Berlin ansässig sind. Die monatlichen Aufwendungen hierfür betragen 200 000 Mark. Das humanitäre Wirken des Hilssvereins xvandte sich auch denjenigen unserer Glaubensgenossen zu, die durch die Schrecken des Krieges ganz unmittelbar betroffen xvorden sind. Es sind das unsere Glaubensgenossen in den von den kriegerischen Ereignissen axn schxverstexx heimgesuchten, von deutschen Truppen besetzten Teilen Polens, ixx Galizien und in den Ländern der Türkei, besonders in Palästina. Es erließ der Hilfsverein gemeinsaxn mit der Großloge für Deutschland U. O. B. B. und dem Frankfxxrter Komitee für die osterxropäischexx