Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229201--71367-3283703- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
270 Grausamkeiten man sich nicht die richtige Vorstellung macht, und wenn ich früher gesagt habe, daß die Zerstörung jüdischen Lebens und jüdischen Gutes sich wie eine verheerende Welle durch ganz Polen wälzte, so soll Ihnen und i>er Welt dieser dritte Brief, der eine Auswahl aus dem mir vorliegenden Material, meinen Beobachtungen und Erfahrungen darstellt, zeigen, daß ich damals nicht zu viel gesagt habe. Ich war vor kurzem in. K i e r n ie cia. Man führte mich dort in einen kleinen Gartein Es war der Garten des Ortsrabbiners. Jetzt ist er zum Friedhof geworden. Dreizehn frische Gräber sind dort aufgeworfen, Gräber von erschlagenen Juden, die von den Russen niedergemacht und in Löchern verscharrt worden waren; nach dem Einrücken der Deutschen wurden sie exhumiert und in Kierniecia beigesetzt, wo ihre Gräber in ihrer stummen Sprache erschütternde Anklage erheben gegen russisches Barbarentum. In Lenczyca zogen in einer Novembernacht die russischen Soldaten raubend und plündernd durch die Straßen der Stadt. Als sie sich dem Hause einer Familie Blum näherten, verriegelte deren t8jährige Tochter die Tür, um die Eindringlinge fernzuhalten. Ein Soldat schoß durch die Tür und zerschmetterte dem jungen Mädchen den Arm, der später abgenommen werden mußte. Ein in demselben Hause wohnender Feldscher Abram So lue eilte zum Arzt, um schnell Hilfe zu holen, und das sollte ihm zum Verhängnis werden. Er wurde, obgleich er, als Mitglied des russischen Roten Kreuzes, die weiße Binde trug, von den Kosaken verhaftet m\b unter Anklage der Spionage gestellt. In seiner Wohnung wurden unterdessen viel Geld, Gold, Silber und Kostbarkeiten geraubt, seine Frau und, Kinder, auch ein jüngerer Bruder mißhandelt. Auf der Kommandantur sollte er seine Schuld durch Unterschreiben eines ihm vorgelegten Schriftstücks bekennen, und als er sich weigerte, wurde er geprügelt und eingesperrt. Am dritten Tage brachte man ihn, an Händen und Füßen gefesselt, nach Lodz, wo sein vom Kutnoer Etappenkommandanten verhängtes Todesurteil bestätigt und vollstreckt werden sollte. In der Umgebung des Lodzer Ortskommandanten befand sich aber eine Dame, eine Französin, von der bekannt war, daß sie auf den Offizier großen Einfluß besaß. Die zum'Wahnsinn verzweifelte Frau des Verurteilten wandte sich an diese, und mit Bitten und Beschwören und einer Summe von 1000 Rubeln gelang es ihr, das Herz der Dame zu rühren und der Feldscher wurde nach entsetzlich qualvollen Stunden wieder frei gegeben. In K u t n o wurden drei Juden, Isak und Abram Domanowicz und der 40jähige Witkowski, vom Landrat verhaftet, weil sie die Deutschen bewirtet hatten. Nach Lowicz gebracht, wurden sie zu 50 Knutenhieben verurteilt. Einer der beiden Brüder wurde im Anschluß an die Exekution so schwer mit Stöcken mißhandelt, daß er am anderer! Tage starb. Die beiden anderen entgingen diesem Schicksal dadurch, daß sie unangekleidet vom Nichtplatz flüchteten. In der Nacht vom 11. zum 12. Oktober drangen fünf Kosaken in das dortige Beth- Hamidrasch ein, lvo die Juden zum Gebet versammelt waren, schlugen die Scheiben entzwei und bedrohten die Juden, die entsetzt durch die Fenster flüchteten. Ein alter 60jähriger Lehrer konnte nicht schnell genug entkommen und erhielt einen Säbelhieb über den Kops, der ihn für längere Zeit aufs Krankenlager warf. Am 11. Oktober kamen die Kosaken in die Wohnung des einige 50 Jahre alten Meilich Hirschberg, verwundeten ihn mit ihren Lanzen, und der Jude wäre getötet worden, wenn er nicht mit 75 Rubeln sein Leben freigekauft hätte. Au einen: Sonntag im November war in Kutno ein Pogrom unter dem Beistand der Kosaken vorbereitet und sollte seinen programmäßigen Verlauf nehmen. Die jüdischen Soldaten der in Kutno liegenden Truppen stellten sich aber den Kosaken entgegen, es kan: zu einer Schlägerei, in deren Verlauf in die Luft geschossen wurde. Jetzt erst griff der Kommandant ein und schickte die Soldaten in die Kaserne. Die Juden schützten sich nun in Zukunft dadurch gegen Gewalttätigkeiten, daß sie jüdische Soldaten bei sich ins Quartier nahmen, und in der Tat blieben sie auch unbehelligt, so lange die russischen Truppen in Kutno lagen. Ihre Beschützer nannten die Juden dankbar „die Soldaten von Messias Bataillon". In G l o w n o wurden im November alle jüdischen Läden geplündert, die Juden mißhandelt und der Feldscher Abram Rosenberg mit seinen beiden Söhnen verhaftet. Der Rabbiner begab sich mit den: polnischen Ortsgeistlichen zum Kommandanten, um sich für die Verhafteten zu verwenden. Dieser wies ihn ab mit den Worten: „Wir nässen, was ihr Inden mit den Deutschen tut; ihr geht ihnen entgegen und behandelt sie wie Gäste." Nach einer halben stunde war der 49 Jahre alte Rosenberg tot, was aber mit seinen Söhnen geschehen ist, weiß man nicht. Am 6. Dezember kam in diesen Ort während einer Kanonade eine Abteilung Tscherkessen, holte die in die Keller geflüchteten Juden nebst Frauen und Kindern hervor und stellte sie zum Erschießen in Reih und Glied auf. Mit viel Mühe und Geld gelang es den Juden, schließlich das Unheil abzuwenden. In G o u: b i n, wo;ber Kommandant sich mit den Worten rühmte, „mein Gericht ist nicht gerecht, aber schnell," wurde Ende November ein junger Mann namens Zelonka in bet Stadt erschossen, drei andere, der 30jährige Klempner Holzmann, der 22jährige Schneidergeselle Wvidislawski und der 40jährige Lastträger Weingroß, wurden verhaftet, auf dem Rückzug witgeschleppt und unterwegs getötet. Ein 22jähriger Poznanski wurde festgenommen und weggeführt, sein Schicksal ist bis zur Stunde unbekannt. Ein junges Mädchen wurde geschändet. In S a n i k i wurden zwei Juden sestgenommen und sortgeschleppt. Was mit ihnen geschehen ist, weiß man nicht. Auf der Straße von P l o c k nach B o z a n o w fuhren zwei Juden. Unterwegs begegnen ihnen die Russen, sie werden verhaftet, drei Tage hindurch mißhandelt und schließlich bei Bozanow aufgehängt. Auf dem Wege von B o l k o w nach Sloczew wurden ein jüdischer Handlungsgehilfe und ein Selig Lachs aus Bolkow aufgegriffen und getötet. Sechs jüdische Kaufleute aus Sulejo w hatten in Dobrzyliu Zucker gekauft, wollten ihn auf ihren Wagen nach Hause fahren. Sie sind nicht zurückgekehrt, auf dem Friedhof in Lowicz liegen sie begraben. Die Russen haben sie unterwegs getötet. In Sloczew wurde der Jude Helfant auf dem Hofe des Hausbesitzers Kempinskh aufgehängt, weil er den Deutschen Proviant geliefert hatte. Seinen: Sohne sollte dasselbe Schicksal bereitet werden, es gelang ihm aber zu entkommen. Aus demselben Grunde sollte auch ein Heinrich Kohnaus Sloczew getötet werden; er entzog sich der Verfolgung, indem er sich in Frauenkleider steckte. In Lodz wurde Abram Simche Kohan an einen: Freitagabend vom Tisch weggeholt, aus dem Kreise seiner Frau und zehn Kinder sortgeschleppt und getötet. In derselben Zeit wurde der Klempner Meier Blechmann getötet, angeblich weil er das Telephon beschädigt hatte. Ein dritter Jude, Meilich Ellenberg, ein harmloser Stubengelehrter, wurde wegen Spionageverdacht eingesteckt, der auf die in seiner Wohnung gefundenen deutschen Zigarren gestützt wurde. Er wurde zum Tode verurteilt, gefesselt an einen Baum gebunden und mußte dort in bitterkalter Dezembernacht ohne Mantel und warme Kleider 14 Stunden lang stehenbleiben, gepeinigt vom blutigen Hohn russischer Soldaten. Ein Offizier trat an ihn heran, faßte ihn an die Kehle und bemerkte kalt lächelnd: „Die wird den Strick schon aushalten." Mit großer Mühe gelang es noch in letzter Stunde einer Lodzer angesehenen Persönlichkeit, den Unschuldigen von: Tode zu erretten. In K i e l c e legte der Kommandant eines dort eingerückten Kosakenreaiments den Juden eine Kontribution von 100 000 Rubeln auf und, als zur festgelegten Stunde die geforderte Summe nicht vollzählig hinterlegt war, bestimmte er für jeden weiteren Tag eine Extrastrafe von je 5000 Rubel. Derselbe Kommandant hielt in der ganzen Umgegend aufrührerische Reden gegen die Juden. So forderte er in der Kirche von I a r n o w die Anwesenden zu Gewalttätigkeiten gegen die Juden auf, nach den: Krieg würden sie auch vor: der Regierung für diese Taten belohnt werden. Nur durch das Eintreten des dortige:: polnischen Pfarrers wurde ein Blutvergießen verhindert. In Ierzo-w wurden Mordachaj Ianuschewitsch und Meilich Herschenberg aufgehüngt, zwei Juden werde:: vermißt. In Przesucha drangen die Anziehenden Truppen in die Wohnungen der Juden ein, schlugen entzwei, was sie nicht rauben konnten, und schändeten Frauen und Mädchen. An: 20. Oktober kamen die Russen nach Sochaczew, neun Tage haben sie geplündert und mißhandelt, und kein Jude durfte sich aus der Straße sehen lassen. Der Keller des Rabbiners wurde nach dort versteckten Maschinengewehren untersucht. In Lowicz wurde ein ILjähriger junger Mann namens Salz am 11. Oktober auf dem Wege vom Gottesdienst nach seiner Wohnung verhaftet. Später fand man ihn als Leiche außerhalb der Stadt. Die Russen hatten ihm den Schädel gespalten. Bor kurzen: kamen jüdische Händler in das Dorf Iamny bei Lowicz. Die Bauern zeigten