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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-06-04 · Heft 23 (4.6.1915) · p. Seite 269

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 23 (4.6.1915)
Date
1915-06-04
Page
Seite 269 (sequence 5)
Language
German
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269 Kommentare, vielfach hebräisch geschrieben, von 1847 bis 1874. Ein großes selbständiges Werk rührt von ihm nicht her, er erachtete es mehr für sein Amt, dem von anderen Herausgegebenen kritische Noten beizufügen und sein reiches Wissen in Berichtigungen zu bekunden. Gerade in solchen Notizen zeigte er einen außerordentlichen Scharfsinn, wenn auch seine Konjekturen und Kombinationen manchmal das Methodische verinissen ließen und die Eigenschaften des Autodidakten, nicht des fachmäßig Entwickelten darboten. All meinem Vater stand er in ganz eigenartigem Verhältnis. Ich weiß nicht, ob sich beide in ihrer gemeinsamen in Frankfurt verbrachten Jugend kennenlernten, in den 40er Jahren lvaren sie erbitterte Gegner, wie schon aus dem Auftreten Kirchheims gegen die Rabbinerversammlung in Braunschweig und Frankfurt hervorgeht; ich erinnere mich, daß in den Briefen meines Vaters aus den 40er und '»Oer Jahren sich manch heftiges Wort gegen Kirchheims Standpunkt und die hämische Art findet, mit der er diesen Standpunkt vertrat. Am Ende der 50er Jahre, vielleicht nach Erscheinen der „Urschrift" meines Vaters, muß eine Annäherung beider Männer stattgefunden haben, so daß mein Vater >802 in Frankfurt bei einem kurzen Aufenthalt daselbst traulich mit ihm verkehrte. Während der kllrzen Zeit, die mein Vater in Frankfurt lebte, 1864 bis 1870, war Kirchheim einer seiner Getreuesten. Er wurde sein Mitarbeiter bei dem Plan eines neuen Gebetbuches, nahm teil an den Vorbereitungen zu dem „Verein für jüdische Angelegenheiten" 1868. Von einem gesellschaftlichen Verkehr war bei der ganzen Art Kirchheims nicht die -Rebe, aber er kam sehr oft zu meiilem Vater herangesprringen und bezeugte dem ehemalig Bekämpften iverktätige und dauernde Freundschaft. Als mein Vater nach Berlin kam, schrieb er bei allem Behagen, das er an diesem neuen Wohnorte fand, „Kirchheim ist mir hier nicht ersetzt". Ich glaube, dieses Wort dient am besten zur Charakteristik des merkwürdigen Mannes. Er war trotz seiner Vielseitigkeit und trotz der zahlreichen Arbeiten, die er veröffentlichte, nicht eben ein Schriftsteller, ein großer schaffender Gelehrter, sondern ein Helfer, ein Anreger, dessen ganzes Wesen es mit sich brachte, zu den Arbeiten anderer Zusätze zu nrachen, ihnen Material zu gewähren, ihnen Kleinigkeiten zu bessern liild scharfsinnig zu kritisieren. Die Nachwelt wird solchen Männern jetten gerecht, weil sie nichts Bleibendes geschaffen haben; nur fv mehr haben diejenigen, denen das Glück zuteil geworden ist, derartige Persönlichkeiten kennenzulernen, von ihrer Bedeutung zu reden. Dieses Vaters würdiger Sohn war Simon Kirchheim, geboren in Frankfurt am 5. Juni 1843. Er besuchte das dortige Gymnasium, die Universitäten Marburg und Würzburg, promovierte 1864, machte sein Staatsexamen im Jahre 1865. Nachdem er 1866 Assistent im Militärhospital geworden war, leitete er im Jahre 1870 die Blattern- und Choleraabteilung j und wurde 1877 Chefarzt des Königswerter Spitals, eine Stellung, die er bis zu seiner Erkrankung 1908 innehatte. Um die Entwicklung dieses Krankenhauses hatte er sich außerordentliche Verdienste erworben. Ihm ist die Einfügung eines Operationszimmers, einer Infektionsabteilung, eines Laboratoriums und einer Poliklinik zuzuschreiben. Er verstand es, eine große Anzahl junger Aerzte zu tüchtigen Männern auszubilden. Vor allem ist auf ihn die Erziehung von jüdischen Krankenpflegerinnen zurückzuführen. Er gründete einen Verein für diese und leitete mit einer außerordentlichen Arbeitskraft, Tätigkeit und Umsicht zwei Jahrzehnte hindurch diesen Verein. Er verhandelte mit vielen auswärtigen Behörden bei der Gründung von Filialen, z. B. in Hamburg, Köln, Straßburg, Hannover. Der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen war ihm die liebste Schöpfung: er kannte jede Schwester und wirkte durch seine Persönlichkeit auf jede ein. Trotz dieser ungeheuren Beschäftigung — denn er hatte auch eine außerordentlich ausgedehnte Privatpraxis — war er 30 Jahre lang von 1878—1908 Stadtverordneter und nahm in dem letztgenannten Jahre die Stelle eines unbesoldeten Stadtrats an. Er war besonders in dem Organisationsausschllß für die Entwicklung des Krankenhauses tätig, das den Grundstock der neuen klinischen Universitätsanstalt bildet. Kirchheim war ein allgemein gebildeter, dnrch große Reisen, die ihn nach den meisten Ländern Europas, auch nach Aegypten und zweimal nach Nordamerika geführt hatten, ungemein unterrichteter, sprachkundiger Mann, arbeitsam und pflichttreu, klug und bedächtig, seinen freisinnigen politischen Grundsätzen treu ergeben, pietätvoll der Religion zugetan, der er durch Geburt angehörte. Dabei ein Manu von großer Herzensgüte, mildtätig gegen die Arnicn, I liebevoll gegen die Kranken. Möge es uns nie an so treffj lichen Männern fehlen. L. G. j! Dritter offener Lriek an „The Ameriran hrbrrw" Aew Hork. s ist eine geraume Zeit, daß ich Ihnen meinen letzten Brief schrieben habe. Ich hatte eigentlich die Absicht, nicht über j die in Ihrer Zeitung erschienenen Veröffentlichungen hinauszugehen. Mir dünkte, es wäre genug des Grauenhaften berichtet, und für den, , der hören und scheu will, ist der Beineis für die ungeheure Schuld j des russischen Blntregimentes zur Gvidenz gebracht; es. steht fest, daß j die russische Soldateska, auf die wehrlosen Juden gehetzt, an diesen Grausamkeiten verübt hat, die an Vertiertheit und Raserei grenzen, daß das russische Reich sich mit dem unschuldigen Blut zahlloser Juden befleckt und den ganzen Tiefstand seiner Kultur durch die Greueltaten plündernder Kosaken und blindwütiger Horden vor den entsetzten! Augen der Mitwelt aufgedeckt hat. Das ist eine Tatsache und gehört! der Geschichte an, und keine Verdrehungskunst vermag an ihr zu! rütteln. Allein es scheint, daß über den Umfang der geschilderten Dr. med. Simon Rirchheim.

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