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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-06-04 · Heft 23 (4.6.1915) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 23 (4.6.1915)
Date
1915-06-04
Page
Seite 268 (sequence 4)
Language
German
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268 mit Tränen füllten. Vergebens wollte er dem jüdischen Hotelbesitzei für die vornehme Wohnung lmd Verpflegung bezahlen, aber jener wollte es durchaus nicht annehmen. Er verwahrte sich dagegen, von ungarischen Seelsorgern Geld anzunehmen. „Eljen a maghar!" Mit diesem Zuruf drückte er uns die Hand beim Abschied. Ich erinnere mich ganz genau, daß Generalmajor Weeber, Kommandant der Kaschauer 97. Landsturminfanteriedivision, welcher ich zugeteilt war, meinen Offizierskameraden mit der größten Anerkennung von dem seitens der galizischen Juden beobachteten Patriotismus und Opfermut erzählte. Ich sah, wie das ganze Ofsizierkorps förmlich überrascht war, daß wir bei den bei uns zu Hause so sehr verachteten galizischen Pahesjuden nie geahnte Treue erfahren haben: Es wurde auch — wie ich gehört habe — bei anderen Truppenkörpern der Befehl ausgegeben, daß in Galizien jeder vorsichtig bei Annahme von Speise und Trank sei. Bei den Juden hingegen, hieß es im Befehl, kann jeder unbesorgt essen und trinken, denn der Jude ist verläßlich. Und so war es auch. In Galizien wurde von der Bevölkerung überhaupt nichts angenommen, und wenn ja, so mußte es der Geber selbst erst kosten, während den Juden gegenüber unsere Soldaten das vollste Vertrauen an den Tag legten. Sie hatten es auch nicht zu bereuen. . Die Zeit meiner russischen Gefangenschaft verbrachte ich in Lemberg, bis Kuropatkin, der Sohn des aus dem Russisch-J-apanifchen Kriege berühmten russischen Heerführers, mir durch den Raaber Advokaten, Reserveleutnant Dr. Eugen Halasz, den ich als Verwundeten häufig in Lemberg besuchte, mir sagen ließ, daß, wenn ich noch weiter mir die Heimatsadressen der ungarischen und öfter-- reichischen Verwundeten notiere, er dafür sorgen werde, daß ich nach Tomsk gelange, wo ich hierzu kaum Zeit haben würde. Da ich in Lemberg unsere in russische Gefangenschaft geratenen Soldaten täglich besuchte, hatte ich Gelegenheit genug zu beobachten, was die dortige Judenschaft für unsere Soldaten getan hat. So oft die Russen einen Transport ungarischer oder österreichischer Verwundeten einbrachten, wurden die Transportwagen von Judenhänden, wie mit Manna, mit Brot, Gebäck, Fleischspeisen, Obst und anderen Lebensmitteln überschüttet. Ich bemerkte oft, daß auf dem Körper manches unserer Soldaten das Hemd schon lange nicht weiß gewesen sein mochte, denn seine reine Leibwäsche wurde ihm von irgendeinem Kosaken geraubt. Geld besaßen diese Jungen nicht, denn die erste Arbeit des russischen Soldaten war, den Unsrigen den letzten Heller abzuknöpfen, wenn sie in ihre Hände gerieten. Es war für mich ein furchtbarer Anblick, meine Brüder und Leidensgen-ossen mit intelligenten Gesichtern in schmutzigen Hemden zu sehen. Ich organisierte also ein aus jüdischen Damen bestehendes Komitee. Es gab ein Komitee für Wäsche, für Brot, Tee, Kaffee und Zigaretten. Manchem unserer Leute ließ ich auch einige Groschen zukommen. Wir gaben ihnen russisches Geld, damit sie sich unterwegs das Allernotwendigste anschaffen konnten. Als wir es aus eigener Kraft nicht mehr tun konnten — ich selbst war ja auch ein armer Bettler—, aber meine Wirtin, Frau Samuel Feder, und ihr Sohn (Gott segne jeden ihrer Schritte) sagten stets: ,,Bitte, wir borgen ihnen Geld, wieviel Sie nur wünschen; unsere Brieftasche steht Ihnen immer zur Verfügung." Da baten wir gutherzige Familien und diese opferten stets gern. Dabei haben die Armen selbst auch unter dem russischen Joche geseufzt. Hätten sie bloß die Gunst der Russen erwerben wollen, so hätten sie auch dasselbe getan, was die Masse der Lemberger Bevölkerung tat, sie hätten sich Passiv verhalten. Aber meine jüdischen Damen — jawohl, jene gewisse „Rüfkes", wie man sie bei uns zu Hause gern spöttisch nennt — schlugen sich mit n:ir zusammen, beladen mit den beschafften Wäsche- und Speise- Vorräten, durch die sausenden Knutenhiebe der russischen Gendarmen und der wachthabenden Kosaken bis zum Gefangenenlager; niemals fragend, in welchem Gotteshause der Betreffende zu unserem Allvater betet, teilten wir in aller Eile, um unsere Arbeit um den Preis möglichst weniger Knutenhiebe zu verrichten lind um nicht von dem russischen Kommandanten erwischt zu werden, die mitgebrachten Gaben aus. Wie glücklich waren doch diese guten Damen, als ihre Schürzen und Körbe sich geleert hatten." Nach einer eindringlichen Mahnung an die Ungarn jeden Glaubens, gegen die galizischen Juden, welche auch jetzt noch die ungarischen Soldaten in den von Russen besetzten Städten und noch! mehr in den in unserem Besitz befindlichen Ortschaften unterstützen,! gerechter 31t sein, schließt Feldrabbiner Kertesz seine Ausführung! gen wie folgt: > „Die galizischen Juden sind eine der treuesten Gruppen der Bewohner Oesterreichs. Sie haben sehr viele Opfer gebracht, haben aul j meisten verloren und am meisten gelitten in diesem Kriege. Sie > verdienen es, daß wir wenigstens Mitleid mit ihnen haben imb an | ihrem Schicksal Anteil nehmen." Simon Kirchheim. 011 dem Tode des trefflichen Frankfurter Arztes Simon Kirchheim ist schon in der Beilage dieser Blätter kurz die Rede gewesen. Wenn ich noch einmal auf den Verstorbenen zurückkomme, so geschieht es nicht, weil ich mich gelegentlich? seiner ärztlichen Sorgfalt rühmen durfte, auch nicht mir, weil er mit den Meinen eng befreundet war, sondern noch aus j einem allgemeinen Grunde.! Die hervorragenden jüdischen Männer der jetzt lebenden 1 älteren Generation sind mit geringen Ausnahmen solche, die! sich ihre Stellung und ihren Ruf selbst erworben haben, die mi§ kleinen Verhältnissen entstammen und wenn sie auch mit Achtung auf ihre Eltern blicken, doch die eigentlichen, alleinigen Begründer ihres Ansehens sind. Simon Kirchheim bildete eine der glücklicherweise vorkommenden Ausnahmen. Sein Vater Raphael Kirchheim, geboren in Frankfurt a. M. 1804, war ein eigenartiger, bedeutender Mensch: die wenigsten unter den jetzt Lebenden, außer einem kleinen Kreise von Gelehrten, wissen etwas von ihm; über ihn zu sprechen, ist schon deshalb Recht und Pflicht, weil der Sohn dem Vater, dessen er sich ungewöhnlich lange erfreuen konnte «Raphael Kirchheim starb erst ain 5. September 1899), eine außerordentliche Pietät widmete. Kirchheim war der Typus der Gelehrten der älteren Generation, ein Mann, der alles das, was man Feinheit, gesellschaftliche Rücksicht nennt, wenig beachtete oder überhaupt nicht kannte. Nicht etwa daß er unsauber oder verwahrlost war, nur legte er auf Aenßerlichkeiten nicht den geringsten Wert. Ein hochgewachsener Herr, der sich bis in sein hohes Alter stramm und aufrecht hielt, selbst in seinen hohen Jahren lief er mehr als er ging, und erfrischte sich an körperlichen Arbeiten. Er hielt seinen Garten — denn er hatte sich in einer der zahlreichen Villenstraßen, die die Stadt Frankfurt umgeben, ein hübsches Grundstück mit einem bequemen Hause erworben — bis zuletzt selbst in Ordnung. Man könnte sagen, wenn man dem Wort nicht seine schiefe und häßliche Bedeutung geben will, er führte ein Doppelleben. Der Geistesarbeiter erlabte sich an körperlichen Uebungen; der Kaufmann fand seine Muße in geistiger Anstrengung. Denn er war jahrzehntelang Kaufmann und hatte sich das ansehnliche Vermögen das er besaß, durch eigene Anstrengung erworben, erst in den letzten Jahrzehnten seines Lebens zog er sich von den Geschäften zurück. Und ein sehr merkwürdiges Doppelleben zeigt sich auch darin, daß er von orthodoxen Eltern erzogen, ursprünglich selbst der strenggläubigen Richtung angehörig, allmählich zu einem Gegner der Orthodoxie wurde und deren Führer heftig angriff. Im Jahre 1844 nahm er an dem Protest der 77 orthodoxen Rabbiner gegen die Beschlüsse der Rabbinerversammlung in Braunschweig teil, veröffentlichte Rappoports hebräisches Sendschreiben an die Rabbinerversammlung zu Frankfurt a. M. und gab ihm eine deutsche Uebersetzung bei und richtete einen heftigen Angriff gegen den Wormser Rabbiner A. Adler, einen der Führer der Liberalen. «845. Und derselbe Mann kritisierte später mit äußerster Strenge S. R. Hirschs Pentateuch in der Flugschrift: „Die neue Exegetenschule, eine kritische Dornenlese", Breslau 1867. Was Kirchheim sonst schrieb, sind gelehrte Anmerkungen, Editionen,

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