Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-06-04 · Heft 23 (4.6.1915) · p. Seite 267

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 23 (4.6.1915)
Date
1915-06-04
Page
Seite 267 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229201--71364-3283700
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

267 ljunberten 'feine hohe Kultur dem „barbarischen" Deutschland gegenüber rühmt, beweist einen bedauernswerten Tiefstand moralischen Wesens. Man muß nur wünschen, daß diesem Bolke ein Denkzettel gegeben wird, von dem es sich Jahrzehnte licht erholen kann. Die Operationen gegen Italien 'haben kaum begonnen. Auf xm übrigen Schlachtfeldern gehen sie günstig 'fort. Unsere Unterseeboote sind auch in den Dardanellen mit Erfolg tätig, :ne Befreiung Galiziens schreitet fort, obgleich die Russen trotz illgeheuerer Verluste zähen Widerstand leisten; im Westen bewahren die deutschen Truppen ihre Stellungen und machen hie ind da kleine Fortschritte; zuletzt ist ein glänzender Ernfg bei A rras gegen die Franzosen errungen vorden. Die Westmächte fangen an zu erkennen und u bekennen, daß ihre Angriffe auf die Dardanellen bisher völlig vergeblich waren, daß die Hoffnungen, die sie auf Rußland gesetzt, sie vollständig getrogen haben und daß sie trotz üles Prahlens, trotz aller pomphaft angekündigten Offensive ^en Deutschen ihre Stellungen nicht entreißen können. Jetzt etzen sie ihre ganze Erwartung auf Italien und sind groß in Zerbrüderungsfesten, in Schmähungen gegen Deutschland und n gemeinen Luftangriffen gegen wehrlose deutsche Städte Ludwigshafen). Die Mächtigen, die die ganze Schwäche ihrer Lage kennen, wiegen ihre Völker in Unwissenheit, lassen keine chlimme Nachrichten durchdringen und bauschen winzige Erfolge maßlos auf. Das erbärmliche Italien hat von seinen unten Verbündeten alle diese Jämmerlichkeiten rasch erlernt. Der D e u t s ch e R e i ch s t a g hat sich aufs neue versammelt.?er Reichskanzler hat in einer wuchtigen Rede das Verfahren Italiens gebrandmarkt. Bei uns bedarf es keines Anschlags 'olcher Reden, jeder Deutsche jubelt den mannhaften Worten zu md läßt nicht ab von dem felsenfesten Vertrauen auf den Sieg der gerechten Sache. W. Rußland wütet weiter, nicht gegen machtvolle Feinde, sondern gegen wehrlose Juden. Solch unmenschliches Verfahren wird durch die drei folgenden Zeitungsnotizen bekundet: A u s w eisung der I u d c tt a u s K u r l a n d. Ein amtlicher Befehl des russischen Generalgouverneurs der Ostseenovinzen verfügt, wie die „B. Z." aus Petersburg berichtet, daß -amtliche Juden in Kurland mit ihren Frauen und Kindern sofort die Provinz zu verlassen haben. Innerhalb fünf Tagen muß die jüdische Bevölkerung auch den Festungsrayon von Dwinsk verlassen. Ko sake n g r eitel ge g en Iud e n. Wien, 21. Mai. Aus dein Kriegspressequartier wird gemeldet: In den letzten Kämpfen an der südöstlichen Front haben die Nüssen unen Akt besonderer Grausamkeit verübt. In Szipenitz (Bukowina) laben die donischen Kosaken die jüdische Bevölkerung, die sie aus dem Bezirke eingefangen hatten, vor ihre eigene Front postiert und gegen -ursere Stellungen getrieben. 2 5 0 0 0 Inden aus W a r s chan a u sg ewi e se n. Stockholm, 22. Mai. (T. tt.) 25 000 jüdische Einwohner von Warschau sind nach russischen Meldungen aus Warschau vertrieben worden. Auf Anordnung der Militärbehörde wurde ihnen verboten, in den benachbarten Gouvernements Kowno, Grobno, Wilna ihren Wohnsitz zu nehmen. Sie sollen ins Innere Rußlands gebracht werden. 140 Juden und 40 Polen wurden nach Sibirien verschickt, weil sie des Einverständnisses mit >>en Deutschen verdächtigt wurden. * Wir werden um Aufnahme folgenden Artikels ersucht: Bedenkliche Umtriebe. Durch eine Reihe jüdischer und nichtjüdischer Zeitungen geht die Nachricht von einer „hebräischen Legion", die in Alexandrien gebildet worden fein soll, imt abenteuerliche Unternehmungen betreffs Palästinas ins Werk zu setzen. Seit einiger Zeit werden ferner in die Presse Mitteilungen über eine neue Strömung lanciert, die die zionistischen Ziele auf „wirksamere" Weise zu verwirklichen bezwecke und einen Ingenieur Rutenberg zum Urheber haben soll. Wir lassen es dahingestellt, ob die beiden Unternehmungen in j entern unmittelbaren Zusammenhänge stehen, sehen tms aber verauj laßt, festzustellen, daß derartige Unternehmungen unverantwortlich! kindisch und gefährlich sind, und daß sie viel Unheil stiften könnten, wenn ihnen nicht rechtzeitig entgegengetreten wird. Das ilidische Volk ist leider noch nicht genügend organisiert, so daß sich Personen ohne > Namen und Mandat, besonders in einer Zeit, wie der gegenwärtigen, zu Volksbeglückertt aufwerfen, im Namen der Juden sprechen, dem jüdischen Leben fernstehende Kreise irreführen und durch unverantwortliche Umtriebe die Interessen der Iudenheit schädigen können. Indem nur konstatieren, das; keine verantwortliche jüdische Körperschaft hinter den erwähnten Plänen steht, geben wir der zuversichtlichen Erwartung Atlsdrnck, daß ernste Kreise sich nicht von unberufenen Elementen zum Schaden des jüdischen Volkes mißbrauchen lassen werden. Allweltlicher jüdischer sozialistischer Arbeiterverband „Poale Zion".! * Der „Oesterreichischen Wochenschrift" entnehmen wir nachj stehenden Aufsatz: O, diese galizischen Juden!! Die Mainnmmer der ungarisch-jüdischen Monatsrevue „Mullas : Jövö" enthält unter diesem Titel interessante Auszeichnungen des! bei der 17. Landsturmdivision als Feldrabbiner in Dienst gestan-! denen Anton K e r t e s z, welcher an dem galizischen Feldzug teilnahm , und über zwei Monate lang in russischer Gefangenschaft in Lemberg j war, von wo er am 10. November entfloh und unter großen Ge-! fahren nach Ungarn zurückkehrte. j „Ich halte es für meine Gewissenspflicht," so schreibt der viel-! erfahrene Feldrabbiner, „über unsere galizischen Glaubensgenossen | einiges zu erzählen. Dieses Thema ist jetzt, wo sie, die in diesem! gegenwärtig tobenden Weltkrieg schon bisher die am härtesten ge-! troffenen Opfer sind, abermals zum Wanderstab greifen müssen,! sehr aktuell. Ihr Los wird noch härter dadurch, daß gegenüber! den galizischen Juden nicht nur Christen, sondern auch — wozu es leugnen — ein Teil unserer Glaubensgenossen eine gewisse Ant- ■ mosität bekundet. Dieser Teil unserer Glaubensgenossen kennt sie; nämlich nicht. Er sieht bloß, daß der galizische Jude lange Pahes, i langen Bart und Kaftan trägt, und auch seine Jargonsprache ist seinem Ohre ungewohnt. Als Feldrabbiner hatte ich reichlich Gelegenheit, sie gründlich kennen zu lernen. Ich befand mich vom Beginn des Krieges an auf dem nördlichen Kriegsschauplatz in Galizien. Die ganze Zeit meiner russischen Gefangenschaft, vorn 3. September bis zum 10. November, habe ich sozusagen unter ihnen verbracht. Ich kann von ihnen sagen, daß sie vollständig rehabilitiert sind. Nicht nur behaupte ich dies von ihnen, sondern es können dies auch die während des Krieges in Galizien gewesenen christlichen Offiziere, vom General angefangen, und auch die Mannschaft bestätigen. Als wir noch am Anfang des Krieges nach Przemysl zogen,! wurden wir bei jeder Eisenbahnstation von den Payes- und Kaftan-! juden mit ihren Frauen und Mädchen erwartet. Sie brachten Blumen, Sirup, Milch, Kaffee, Obst und Zigaretten mit sich, und mit von patriotischer Glückseligkeit strahlenden Gesichtern boten sie, ja zwangen sie uns auch all das Gute auf und mit den übrigen- Andersgläubigen zusammen riefen sie uns mit gleicher Begeisterung zu: „Eljen a magyar!" und sangen die schöne Hymne der Polen. In Moseiska verkündete Oberrabbiner Chajim H a l b e r st a m m am Freitagabend in der Synagoge, daßes Pflicht jedes guten Juden sei, seine für den Sabbat hergerichteten Speisen mit den gerade damals in diesem Städtchen angekommenen ungarischen Soldaten zu teilen. Unsere Honved haben sich damals tatsächlich an dem feinen Schälet der Juden von Mosciska, von welchen sie förmlich bestürmt wurden, sattgegessen. Nikolaus Batta, mein reformierter Kollege, der mit mir war, war von der patriotischen Haltung der Juden so überrascht, daß sich seine Augen vor Rührung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.