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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-06-04 · Heft 23 (4.6.1915) · p. Seite 266

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 23 (4.6.1915)
Date
1915-06-04
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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Jahren seines Bestehens durch Zusammenwirken schon so glänzende Erfolge zu verzeichnen hat. Den bedürftigen Mitschwestern die weitgehendste Anteilnahme angedeihen zu lassen, ihnen Erwerbsmöglichkeiten zu geben, den Müttern durch Fürsorge für deren Kinder, insbesondere die schulpflichtigen, Erleichterung zu schaffen, den schulentlassenen Knaben und Mädchen bei der Berufswahl ratend und helfend zur Seite zu stehen, diesen Ausbildungsmöglichkeiten zu praktischer Berufstätigkeit zu bieten. Stellungen zu besorgen und wo ein Talent sich regt, es zu unterstützen und zu fördern, unentwegt den Schützlingen Interesse bewahrend, wurden die Hauptaufgaben der vereinigten sozialen Hilfsarbeit, die immer mehr Ausdehnung gewinnt. Um auch Freude und Belehrung in das Leben der in Berufstätigkeit wirkenden fangen Glaubensschivestern zu bringen, sind schon in mehreren deutschen Großstädten ..Jüdische Mädchenklubs" begründet worden. Wir können unseren Töchtern nicht genug das Herz weit und warm machen für die Not der Zeit, besonders in den Großstädten. Soziale Hilfsarbeit ist eine Pflicht unserer Zeit, sie ist eine Lebensaufgabe für die Töchter unserer begüterten Kreise. Unsere Zeit ist überfüllt von sozialen Gedanken, und so modern diese auch erscheinen, sie sind uralt. Die Fortschritte und Errungenschaften unserer Zeit, deren wir uns erfreuen dürfen, und die so viel Lebenserleichterung bringen, haben jedoch andererseits viel Lebensentsagung, Not, Vereinsamung zur Folge gehabt. Hier müssen wir durch Erfüllung sozialer Pflichten ausgleichend wirken: mehr und mehr wird man sich der Pflichten bewußt, die das Zusammenleben der Menschen in Staat und Gesellschaft dem Glücklichen gegenüber dem Unglücklichen, dem Besitzenden gegenüber dem Besitzlosen auferlegt. Unsere Töchter sind noch begeisterungsfähig und an den jüdischen Müttern ist es, das Gefühl der Verantwortlichkeit zu wecken, ihnen klarzumachen, daß durch Ausübung sozialer Hilfsarbeit, die keine Zuschauer hat. keine Bewunderung erregt, nur eine Verpflichtring gelöst wird, die ihr eigenes glückliches Los gegen die vom Geschick minder Begünstigten ihnen auferlegt. An den jüdischen Müttern ist es. ihre Töchter anzuspornen. armen Kindern eine Stätte zu erschließen, wo dann und wann einmal einige Strahlen jenes Lichtes leuchten, das ihrer eigenen Kindheit und Jugend so hellen Glanz verlieh, ihnen in Kinderhorten und Jugendheimen ein Stück reiner, ungetrübter Kinderfröhlichkeit zu verschaffen. Hieran sollen unsere Töchter ihre Kraft setzen, aber nicht nur heute und morgen, sondern mit andauernder Treue! Ebenso gilt es. in den Armen- und Krankenhäusern, in Blindenanstalten vorzulesen, in Krüppel- und Säuglingsheimen die unscheinbarsten Hilfeleistungen zu verrichten. Die Arbeit und Aufopferungsfähigkeit des einzelnen dient dem Ganzen und wird in unseren Töchtern das Bewußtsein erhöhen, daß sie Aufgaben für die Gesamtheit erfüllen; Schaffensfreudigkeit und Idealismus wird ihnen nicht verloren gehen, wenn auch die Arbeit nicht leicht ist. Und was die Hauptsache ist. sie werden immermehr zum Nachdenken über die sozialen Zusammenhänge ihres Lebens gelangen, sie werden alles Schöne und Gute, von fürsorglicher Elternliebe geboten, nicht mehr als selbstverständlich betrachten, sondern voll tiefer, inniger Dankbarkeit gegen die Gunst des Schicksals, das ihnen eine so große Bevorzugung vor vielen ihrer Altersgenossiunen gewährte, um so mehr bemüht sein, das traurige Los der „Enterbten des Glücks" nach besten Kräften zu erleichtern! Aber mögen unsere Töchter auch das, was sie anderen geben, wirklich mit der Seele geben; was sie aus diesem kleinen Opfer des Gebens zurücknehmen in ihr Sein und Heim, das ist inneres Wachstum an dem Besten, was in ihnen ist! Ungeachtet der größeren Freiheit, die das weibliche Geschlecht in unseren Tagen genießt, begegnet man noch vielfach einer gewissen Scheu, die Töchter aus dem Kreise des Hauses und der Familie durch Ausübung sozialer Hilfsarbeit in die Oeffenklichkeit treten zu lassen, ja man wundert sich über jene, die sich ihr widmen. Allmählich beginnt das Vorurteil mehr und mehr zu schwinden. In verschiedenen Großstädten sind Jugendgruppen für soziale Hilfsarbeit begründet worden, denen sich die aus den Ortsgruppen des „Jüdischen Frauenbundes" hervorgegangenen würdig anreihen, und die Frauenschulen führen unsere jungen Mädchen in diese ein. Je tiefer und gründlicher ihre Ausbildung, desto mehr werden sie die ihnen erwachsenden Verpflichtungen zu erkennen vermögen, und die Zeit ist sicherlich nicht fern, daß die Erfüllung sozialer Pflichten unseren Töchtern Ehren- und Herzenssache sein wird, daß sie sich begeistert als „Freiwillige" in den Dienst der barmherzigen jüdischen Nächstenliebe stellen werden. Dieses Wirken kann, wie Goethe sagt, „dem Augenblick Dauer verleihen". Ohne daß ihr Jugendfrohsein beeinträchtigt werden soll, wird die, Ausübung sozialer Hilfsarbeit unseren Töchtern reichen Gewinn eintragen. Sie wird ihnen zu einem wichtigen Faktor ihrer Entwicklung werden, indem sie Selbstverleugnung üben und manches Schwere, Niederdrückende, das die Erfüllung sozialer Pflichten mit sich führt, mutig überwinden lernen. Unsere jüdischen Mütter und Töchter werden durch Ausübung sozialer Hilfsarbeit gleichermaßen neue reichere Beziehungen, tiefere Innerlichkeit davontragen, aus denen sich auch ihre eigenen Beziehungen bereichern und vertiefen werden. Die in glücklicher Friedensarbeit angestrebte Erziehung unserer Töchter zu sozialer Hilfsarbeit sollte nur allzu schnell die schönsten Blüten und Früchte zeitigen. Seit zehn Monate» tobt das furchtbare Völkerringen. Und in dieser ernsten und doch erhebenden Zeit sehen wir, wohin unser Blick sich richtet, jüdische Frauen und Jungfrauen selbstlos und aufopfernd im Dienste der Liebe arbeiten. Als Krankenschwestern und Helferinnen auf den Kriegsschauplätzen wie daheim in de» Lazaretten und Hospitälern, in der Kriegsfürsvrge, in zahlreichen vermehrten Volksküchen und Kindervolksküchen, i» Speiseanstalten für Notleidende gebildeter Stände, in der Fürsorge für Mütter und Kinder in unzähligen Nähuud Strickstuben, in Schreibstuben und Auskunftsstellen, als Korrespvndentinnen und Vorleserinnen in den Lazaretten und Krankenhäusern, überall finden wir bis zur Stunde unzählige Jüdinnen. Ein Wunsch, ein Wille, ein sehnliches Begehren, eine unbegrenzte Gebefreudigkeit beseelt alle, zu helfen und zu schenken und nicht zuletzt Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. In der Geschichte dieses Weltkrieges wird die Liebestätigkeit der jüdischen Frauenwelt dereinst mit goldenen Lettern eingezeichnet werden. Sie Woche. Berlin, den 1. Juni!!>!,">. er elfte Kriegsmonat beginnt und noch ist kein Ende abzusehen. Durch das schnöde Eingreifen Italiens wird die Kriegsdauer naturgemäß verlängert. Hoffentlich findet das jammervolle Verfahren des „Bundesfreundes" keine Nachahmung bei anderen neutralen Staaten. Einstweilen zeigt Italien, dessen Bischöfe sich in großer Majorität gegen de» Krieg erklärt haben, dessen Sozialdemokraten Kriegsgegner sind, dessen ernste Politiker den Krieg kaum begreifen — so daß nur ein schwacher, für sein Haus fürchtender König, bestochene Minister und eine bezahlte Presse als Kriegshetzer und als Schuldige an einem verbrecherischen und wahnsinnigen Kriege übrigbleiben — seinen Mut nur in Pöbelausschreitungen gegen Hotels in Venedig und gegen Firmen in Mailand, die dem raublustigen Gesindel als Deutsche erscheinen. Das Volk, das sich gern mit Vorliebe als das ritterliche bezeichnete und seit Jahr-

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