Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1915)
- Date
- 1915-06-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 4. Juni 1915 79. Jahrgang Nr. 23 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese. Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements-pr eis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verrrtebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324- Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson > Zus.ndm.gen *» Unter Leitung des Expedition sind an die Adresse: Verlag der Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger _ . . _ Verlag von Nudolf rNosse, Berlin. Verlag: Rudolf Mossc, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 I___ ffftfmft» Erziehung unserer Töchter zu sozialer Hilfsarbeit. Bon tßrTLlUTK. Regina Reißer. — Die Woche. — Simon Kirchheim. Von L. G. — Dritter offener Brief an „He American Hebrcw", New Vork. Von Feldrabbiner Dr. 2l. Levy. — Die Generalversammlung des Gilfsvereins der deutschen Juden. — Luzzatti und die Juden in Rußand. Von Margarete Marasse. — Die Juden in Belgien. Von Dr. M. Sachs. — Die Enthüllung des Denkmals für Professor Klein in Stockholm. Von L. G. — Feuilleton: Der lange Rock. Roman von Anna Goldschmidt. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. Der Gernein-ebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Hamburg, Annaberg i. Erzgeb., München, Nürnberg, Stuttgart, Wien, Budapest, New Port. — Von Nah und Fern. Die Lrziehung unterer Tächter?u lo-isler tzilksarbeit. Von R e g i » a Reiste r. us dein vollen und tiefen Bewußtsein, daß statt der spielerischen, oberflächlichen Beschäftigung ernste, lohnende Arbeit der Lebensinhalt der Frauen- und Mädchenwelt werden müsse, war vor einem halben Jahrhundert die deutsche Frauenbewegung entstanden. Eine ihrer ersten und bedentendten Vorkämpferinnen, Luise Otto-Peters, hatte ihren Mitchwestern zugerufen, Arbeit solle und müsse eine Pflicht und zugleich eine Ehre für jede Frau sein! Dieser Weckruf fand begeisterten Widerhall in den Herzen dreier ihrer Gesinnungszenvssinnen und Mitkämpferinnen: Lina Morgenstern und hennh Hirsch gesegneten Andenkens, Henriette Goldschmidt, oeren Besitzes wir uns noch erfreuen dürfen. Ohne jemals ihre Eigenart als Jüdinnen aufzngeben, ohne jemals ihr Judentum zu verleugnen, wurde dieses Dreigestirn, ausgezeichnet durch die Großen der Erde, bekannt und berühmt über die Grenzen des Vaterlandes hinaus als Trägerinnen und Führeinnen der neuen Bewegung, für deren Ideen die Glaubens- 'chwestern zu entflammen suchend, denen es bis zur Stunde Ehrensache ist, in den Bahnen der verehrungswürdigen Vorbilder bescheiden nachznwirken. Die Frauenbewegung hat den großen Erfolg gehabt, daß ue eine Reform der Mädchenerziehung angestrebt und erreicht hat. Neue Ziele, eine Fülle von Lebensmöglichkeiten, eine stille von Eindrücken bietet unsere Zeit den jungen Mädchen und gestattet ihnen, sich einen Lebensreichtum zu schaffen, wie niemals zuvor. Das erste Erfordernis ist die Ausbildung des weiblichen Körpers zu voller, gesunder Kraftentfaltung, damit der gesunde Geist in einem gesunden Körper wohne. Aber auch in geistiger Beziehung stellt unsere Zeit die höchsten Ansprüche gleichermaßen, ob das Ziel der Erziehung unsere Töch-!er im Schutze des Hauses noch sicherstellt vor dem Kampfe um das Dasein oder ob für sie die Notwendigkeit einer erwerbenden Tätigkeit als ein bitteres Muß ins Auge gefaßt wird. Wir haben die Reform der Mädchenschulen, die Begründung der Frauenschulen wie der Hochschulen für Frauen mit hoher Befriedigung begrüßt. Unsere Töchter mit einem Schatze gründlicher Kenntnisse auszurüsten, sie an ernstes Denken zu gewöhnen, das Tändeln und Spielen zu vermeiden, das die oft beklagte und getadelte Oberflächlichkeit zur Folge hatte, das sind die Hauptaufgaben der Mädchenerziehung geworden. Diejenigen unserer Töchter, die, vom Glück begünstigt, in sorgenfreiem Elternhause leben und in die Ehe treten, werden das hohe Ideal der jüdischen Frau erfüllen und werden nicht minder edle Hüterinnen und Pflegerinnen des eigenen Heims als Helferinnen in dem sozialen Elend unserer Zeit sein. Diejenigen jedoch, die, vom Schicksal minder begünstigt, von Jugend an wissen, daß sie einst auf sich selbst gestellt sein werden, sollen und müssen insbesondere eine ernste, tiefe Durchbildung für den künftigen Berus und Erwerb erhalten. Der Begriff „weibliche Bildung" soll und muß, als der Vergangenheit angehörend, betrachtet und für unsere jungen Mädchen eine gleich ernste Vorbildung für ihren dereinstigen Berns wie für die Knaben erstrebt und gefordert werden. Und der jungen Mädchen, die nicht gezwungen sind, einen Beruf zu ergreifen, harren, nachdem sie die Schule verlassen haben, große Aufgaben. Diele wollen nur im häuslichen Kreise beglücken und ihrem Leben durch treue Pflichterfüllung im Hanse und in der Familie Inhalt geben?) Unbeirrbar in allen Wissensgebieten, alles Bedeutende für sich zu erwerben, iverden sie, indem sic sich selbst verfeinern und vertiefen, durch ihren Einfluß zu Kulturarbeiterinnen in ihrer Umgebung iverden. Und für diejenigen unserer Töchter, die, ohne Berufsarbeit ausüben zu müssen, ihre Kräfte nach außen hin betätigen wollen, kann soziale Hilfsarbeit hohe Lebensfreude bringen. Den jüdischen Frauen und Müttern unserer Tage, die, selbst schon durch Erfahrung tüchtig vorgebildet, soziale Hilfsarbeit üben, ist nun die neue hohe Aufgabe erwachsen, sich in ihren Töchtern Jüngerinnen, Helferinnen und Mitarbeiterinnen heranzubilden. Das uralte herrliche Gotteswort „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" ist eines der vornehmsten Gebote unserer heiligen Religion und ist als solches auch in die Tochterreligion ausgenommen worden; zu allen Zeiten haben Andersgläubige der unbegrenzten jüdischen Nächstenliebe uneingeschränkte Anerkennung, neidlose Bewunderung gezollt. Wohin wir blicken, überall begegnen rurs geistig und seelisch gleich hochstehende jüdische Frauen, die ihr reiches Sein und Können in den Dienst sozialer Hilfsarbeit gestellt haben, mächtig von dem Drange beseelt, nicht nur Not und Elend ihrer Glaubensgenossen zu lindern, sondern viel mehr noch Notständen vorznbeugen, Kräfte zn heben und 31t wecken. „Einigkeit macht stark!" „Wir wollen sein ein einig Volk von Schwestern", hat den hochsinnigen Frauen vorgeschwebt, die den „Jüdischen Frauenbund" ins Leben gerufen haben, der in den wenigen *) Leitartikel Nr. 13 vom 27. März 1914.