Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1915)
- Date
- 1915-05-28
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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362 gerechnet wird, daß das Leben mit all seinen Möglichkeiten so! unendlich vielgestaltig ist, daß man nicht eine einzige willkürlich gewissermaßen kanonisieren darf. Der eigenwillige Reichtum des Lebens spottet solcher papiernen Konstruktionen. Der dogmatisierende Hang, in dem so gut wie gar nicht begründete Annahmen, z. B. jene Herbst-Bethel-Szene im Amos, in populär-wissenschaftlichen Darstellungen immer wiederkehren, läßt wirklich manchmal auf alles andere eher als auf Kritik schließen. Wenn nun Hölscher (S. 210) meint, daß mit Recht fast alle Forscher einig seien in der Ablehnung der allegorischen Deutung der Erzählung, und wenn er (S. 225) zu Wellhausens psychologischer Hypothese die Worte fügt: „Dies ist die gegenwärtig meist angenommene Deutung der Geschichte", so bringt er doch selbst S. 425—429 so viel Bedenken gegen die Echtheit des Textes, der diese Auffassung begründet, daß ihm wirklich nichts anderes übrigbleibt, als zu sagen: „ Die Pointe der Ehegeschichte (1, 3—4, 6—8) besteht in den symbolischen Namen, die Hosea seinen drei Kindern auf göttliches Geheiß gegeben hat." Wenn aber die Sache sich so verhält, so schrumpft unser Wissen von der Geschichte des Hosea, von ihrem Unglück und Leid, von ihrem Einfluß auf die Gedankenwelt des Propheten bis zu einem Grade zusammen, daß man auf meine Frage: Was wissen wir nun von den bis ins einzelne genau charakterisierten Eheverhältnissen des Propheten Hosea, antworten sollte: „Nichts, so gut wie nichts." Sie gslstilchen Juden im Exil. ndlich ist man in der Lage, über die Zahl und die Verteilung der unglücklichen galizischen Juden, welche durch die russische Invasion gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen und in Westösterreich Zuflucht zu suchen, sowie iiber die ihnen von staatlicher Seite und von den jüdischen Organisationen gewährten Mittel ein einigermaßen zuverlässiges Bild zu gewinnen. Die Bewegung hatte derartige Dimensionen angenommen, daß man, was die Zahl der heimatlos gewordenen Juden betrifft, die galizischen Flüchtlinge den Vertriebenen aus Spanien an die Seite stellen konnte. Genaue Angaben konnten während des Winters über die Größe der an sehr zahlreichen Orten in säst allen westlichen Kronländern Oesterreichs und zu einem kleinen Teile auch in Ungarn untergebrachten Flüchtlingsgruppen nicht erlangt werden, da fortwährende Verschiebungen stattfanden. Bis Ende November 1914 waren die Flüchtlinge hauptsächlich in Wien und in drei Konzentrationslagern in Mähren (Nikolsburg, Pohrlitz und Gaya) untergebracht. Infolge der Kriegsereignisse im November kamen neue Zehntausende von Flüchtlingen auS Westgalizien hauptsächlich nach Böhmen. Viele Juden im mittleren und westlichen Galizien, ebenso auch in der Bukowina, welche bei der ersten russischen Okkupation sich in ihr Schicksal ergeben hatten und in der Heimat auch unter feindlicher Verwaltung auszuharren sich entschlossen, haben nach den Bestialitäten und Henkerstaten, die sie unter dem russischen Regime kennengelernt, es beim wiederholten Herannahen vorgezogen, alles preiszugeben, um wenigstens ihr Leben durch die Flucht nach dem Westen zu retten. Nun liegt ein ausführlicher Bericht der „Israelitischen Allianz zu Wien" vor, welche bereits seit Anfang September v. I. eine großzügige Hilfsaktion für die Flüchtlinge leitet. Dem Berichte ist neben einer Darstellung der Entwicklung der Bewegung und der von staatlicher Seite getroffenen Maßnahmen eine Uebersicht über die Verteilung der Flüchtlingsgruppen in ganz Oesterreich, der Sammlungsergebnisse der lokalen Hilfskomitees und der von der Allianz gewährten Subventionen beigegeben. Danach sind, um zunächst die Hauptstädte zu erwähnen, in Wien ca. 100 000 jüdische Flüchtling im Kataster der staatlichen Zentralstelle als im Genüsse dg staatlichen Unterstützung stehend eingetragen, in Prag zir'g 13 000, in B r ü n n 6540, in Graz 1200. In B u d a p e 1 beträgt die Zahl der Flüchtlinge bis Anfang April 20 000 m o ist diese Zahl durch Ausweisungen aus Ungarn reduzie t worden. Von den drei bereits erwähnten Konzentration - lagern in Mähren, welche vorübergehend einen Stand vr i 600 bis 7000 Flüchtlingen hatten, die zu einem große , Teile in Baracken untergebracht waren, sind viele Flüchtling e behufs besserer Unterbringung nach anderen Gemeinden dirigiert worden, so daß gegenwärtig in Nikolsburg nur 41 j j Flüchtlinge sind, davon 3102 in Baracken; in Pohrlitz nur 4281 Flüchtlinge, davon 2500 in Baracken; in Gaya und Uu - gebung (in 13 Ortschaften) zusammen 3997 Flüchtlinge. In Bö hmen sind größere Flüchtlingsgruppen: in den politischen Bezirken um Budweis 5042, in den Bezirken mi Pilsen ca. 12 000, in Karlsbad und Umgebung 4500, u Saaz und Umgebung 2700, in Marienbad 1364, ii Reichenberg 2400 und weitere Gruppen von je etwa 100: Flüchtlingen und darüber in Aussig, Bilin, Boden bach, Brüx, Chrudim, Dux, Falkenau, El bogen, Franzenbad, Kaaden, Kol in, K o m v tau, Rumburg und Teplitz. Insgesamt sind in Böhmen etwa 6 0 00 0, in Mähren 2 2 000 galizische Jude, untergebracht, so daß die Gesamtzahl der unterstützten jüdischen Flüchtlinge auf 2 00 00 0 berechnet werden kan: Der Schwerpunkt der Hilfsaktion liegt selbstverständlich in der staatlichen Fürsorge. Erst nachdem es gelungen war, bn den Staatsbehörden zu erwirken, daß sämtliche arme Fluch linge ohne Unterschied, nicht nur die aus militärischen Gründe., evakuierten Personen, eine Subvention von mindesten 70 Heller pro Kopf und Tag erhalten, war für die privat Wohltätigkeit eine Grundlage geschaffen, deren vereinigt Leistungen, wie der Bericht bemerkt, für die Linderung de Riesenelends nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein g: wirkt hätte. Es ist ferner gelungen, die von überaus hoch herzigen Intentionen geleitete Regierung dafür zu gewinne: daß Kleider, Wäsche und Schuhe den armen Flüchtlingen sü staatliche Rechnung geliefert werden. Der Ministerialerlaß von 13. April 1915 an alle in Betracht kommenden Landeschefs i: Oesterreich über die Flüchtlingsfürsorge wird ein unvergäng liches Denkmal der Humanität der österreichischen Regierun bleiben. In diesem Erlaß wird in formaler Hinsicht darauf hin gewiesen, daß die Flüchtlingsfürsorge, wie alle anderen mit den Kriege zusammenhängenden Fragen, eine besondere Behänd lung erheischt. „Größte Raschheit der Erledigung, Vermeidung jeder aktenmäßigen Weitwendigkeit, Zurückstellung etwaige formaler Bedenken gegenüber den zwingenden sachlichen Not Wendigkeiten und Wünschen wären als oberste Grundsätze an zusehen." Es wird ferner im Erlaß darauf hingewiesen, dar die Flüchtlinge, die mit den Lebensverhältnissen und mit de Sprache der Bevölkerung, in deren Mitte sie beherbergt werde:: nicht vertraut sind, in besonderem Maße des Schutzes und de Fürsorge der Behörden bedürfen. „Sie können um so meh: darauf rechnen, als die Notwendigkeit der Wahrung heiliger Rechte des Gesamtstaates ihnen all diese Opfer auferlegt unt sie dieselben in diesem Gefühl auf sich nehmen. Es ist daher eine ernste Pflicht der Verwaltungsbehörden, den Flüchtlinge:, beratend zur Seite zu stehen und über den Rahmen der rei: administrierenden Tätigkeit hinaus als schützender Anwalt der Flüchtlinge zu handeln." Die Behörden werden zu einem besonders freundlichen Entgegenkommen gegenüber den Flüchtlingen ohne Unterschied der Nationalität und Konfession aufgefordert, damit in ihnen das Bewußtsein wacherhalten werde,