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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-28 · Heft 22 (28.5.1915) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 22 (28.5.1915)
Date
1915-05-28
Page
Seite 261 (sequence 9)
Language
German
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261 Vielleicht war Hosea unverheiratet wie Jeremia, mit dem r so viel Aehnlichkeit in der Gemütsrichtung hat, und auch die sauren der Kinder sind nur im Gleichnisspiel gegeben. Aber I) will natürlich nicht bestreiten, datz Hosea auch verheiratet?>vesen sein mag und drei Kinder hatte. Vielleicht hatte er men Namen gegeben, die seine Gedanken und Wünsche für in Volk umschrieben, Jisreel, Ruchama und Ammi. Die egationen zu den beiden letzten Namen hat er vielleicht nur im ienste der prophetischen Rede verwandt. Rießler („Die kleinen ropheten", Rotenburg 1911, S. 8) meint, daß der ursprüngche Text nur lautete: „Geh, nimm dir ein Weib!" — so auch Allerdings Peiser — und die Worte „eine. Dirne und Dirneniider" usw. stammten von einem Späteren, der das eherecherische Weib in Kap. 2, 4 (sicherlich Symbol sür das un- . eue Land) sür das Eheweib des Propheten hielt. Damit Ult natürlich die ganze Ehegeschichte zusammen. Ich will nicht erschweigen, daß doch auch bereits eine populäre Darstellung lesen Standpunkt vertritt (Gustav Pfannmüller, „Die Prosteten" 1913, Protestant. Schriftenvertrieb, Berlin-Schöneberg, :. 39). Von der Wellhausenschen Ehedeutung meint Pf. sehr ichtig: „Davon steht aber kein Wort in diesem Kapitel." Kap. 3 aber handelt gar nicht von dem Weibe des Propheten »d ist überhaupt ein nachexilischer Nachtrag." — „So erfahren str also von Hoseas Weib nichts weiter als den Namen." Ja, dieser Name ist allerdings von der größten Wichtigkeit, loch Hölscher (S. 210) sagt, daß die allegorische Deutung der rzählung an dem jeder solchen Erklärung spottenden Namen er Frau wie an den konkreten, sür eine Allegorie unnötigen inzelzügen der Erzählung scheitert. So auch Nowack, der noch esonders betont, daß „dieser Name nach seiner Bildung durchaus anderer Art ist als die durchsichtigen Namen der Kinder o Ruchama und Lo Ammi. Und sollte es von ungefähr sein, aß der Prophet, der den Namen der Kinder verwertet, niemals uch nur den leisesten Versuch macht, den des Weibes zu deuten? üer bleibt nur eine Möglichkeit: Der Name Gomer bat Diblailu t ein dem Propheten gegebener, es ist der Name seines Weibes, er für die eigentliche prophetische Predigt völlig bedeutungsos ist. Hätten wir es lediglich mit einer Allegorie zu tun, wäre ns Auftreten dieses Namens völlig rätselhaft." Es ist richtig, daß der Name der Kinder anders gebildet ist ls der Name der Frau. Aber ist das ausfallend? Man gibt einen Kindern Namen, und der Prophet tut es in ganz bestürmter Tendenz, aber man nimmt die Frau mit ihrem Namen. Venn er ihn in der Art der Kindernamen ausdeutete, zerstörte r ja den Schein der Wirklichkeit in der Allegorie. Die Alleorie spielte alsdann wie der Löwe im Sommernachtstraum: rschreckt nicht, ich bin kein wirklicher Löwe, sondern Schnock er Schreiner. Der Schein muß in der Allegorie gewahrt leiben, dazu dienen auch einige konkrete Einzelheiten. Ich ivchte im Gegenteil behaupten: Diese Einzelheiten sind so spar- :iin und konventionell gegeben, daß man daraus schon auf eine lllegorie schließen könnte. Was soll man dazu sagen, wenn Vellhausen („Skizzen und Vorarbeiten", 5. Heft S. 97) wörtlich chreibt: „Die Angabe, daß erst nach der Entwöhnung der rochter, das ist etwa drei Jahre nach ihrer Geburt, der zweite?ohn geboren wurde, hat nur Sinn, wenn die Sache wirklich o geschah." Man wird fast an die Stelle im Märchen er- »uert: Es muß wahr sein, sonst könnte man's ja nicht erzählen. Wenn nun auch der Name nicht in der Art der Kinderlamen vom Propheten ausgedeutet werden kann, so darf er doch vielleicht eine allegorische Bedeutung haben, die jedem Zuivrer sofort verständlich war. Es ist denn doch ein sehr geäugter Schluß zu sagen: Weil wir die Bedeutung nicht kennen, lat er überhaupt keine. So mutig sollten wir aus unserer Unwissenheit nicht schließen, zumal bei einem Propheten, dessen rext fast auf jeder Seite unlösbare Rätsel bietet. Man muß ja bei Hosea bei dieser allgemeinen Mobilisierung der Kottjekturalkritik geradezu Mitleid haben mit der Wehrlosigkeit des Textes, der sich diese gehäuften Angriffe gefallen lassen muß?) Oder wäre, fragt Kleinert (in seinem schönen Buche über „Die Propheten Israels in sozialer Beziehung", Leipzig 1995, S. 143), weil die Deutungen des ebenfalls von Hosea gemünzten und für den König von Assyrien gebrauchten Namens Jareb (5, 13; 10, 6) ebenso erheblichen Bedenken unterliegen wie die von Hengstenberg („Christologie" 12 Bd. S. 216 f.) sür die Gomer bath Diblajim vorgetragene, daraus die Folgerung zu ziehen, daß ein Jareb wirklich auf dem assyrischen Throne gesessen? Wenn die Israeliten ihres Opferkultes wegen als Liebhaber von Trüubenkuchen (Hos. 3,1) bezeichnet werden, so scheint doch in der Tat der Name diblajim (— Feigenkuchen) nicht beziehungslos zu sein. Aber wenn man auch die Wortanspielnng nicht gelten lassen will, so ist es doch sehr leicht möglich, daß die Zuhörer einen ganz bestimmten Begriff mit diesem Namen verknüpften; vielleicht war es eine bekannte Kedescha oder, wie Greßmann („Die Schriften des Alten Testaments" 2, 1, S. 363) meint: eine sagenhafte Gestalt wie Semiramis, vielleicht eine berüchtigte Dirne seiner Zeit. Daß Hosea nicht aus irgendeiner künstlerischen Neigung die Geschichte seiner Ehe erzählt, wird sicher allgemein zugestanden. Die religiös-ethische Tendenz ist doch auf jeden Fall die Hauptsache. Konnte diese nun erfolgreicher wirken, wenn Tatsachen der Geschichte zugrunde lagen? Es will mir nicht in den Sinn, daß ein Prophet, dessen Lebensaufgabe es ist, den ruach snunim zu bekämpfen, durch seine moralischen Experimente inr Zusammenleben mit einer escheth snunim diese Aufgabe 31t erfüllen sucht, und ich kann nicht verstehen, daß diese etwa über einen Zeitraum von 10 Jahren sich erstreckende Eheangelegenheit wirkungsvolle Abschreckungsmomente enthielte. Eher scheint die Gefahr nahe zu liegen, daß ein naives Volk, dem theologische Spitzfindigkeiten fernliegen, den Eindruck empfängt, daß der Prophet in seinem eigenen Leben dem ruach snunim eine etwas weitgehende Toleranz entgegenbringe. Soll aber das Erlebnis von solch gewaltigem Einfluß auf das Entstehen des prophetischen Grundgedankens bei Hosea sein, so nimmt es wunder, daß wir iit den übrigen Kapiteln dieses Propheten auch nicht eine einzige Anspielung auf seine eigenen Liebeserfahrungen finden. Gerade der Blick auf das ganze Schriftwerk des Hosea hat mir seit langem die starke Abneigung gegen die moderne Erklärung begründet. Nicht nur der wichtigste Inhalt dieser Aeußerungen, auch die Form, in der sie gegeben werden, scheint mir unvereinbar mit der Annahme der Tatsächlichkeit des Erlebnisses. Es ist hier eine Weichheit des Empfindens, eine Feinheit des Gefühls in der Wahl des Wortes und Bildes, Eigenschaften, die mir die notwendige Derbheit zu solchen Möglichkeiten des Erlebens auszuschließen scheinen. Dabei hat dieser Prophet so eindringendes Verständnis für die Forderungen des priesterlichen Standes, kennt so genau die Geschichte seines Volkes und die geschriebene Lehre göttlichen Willens, daß man nicht mit Unrecht in ihm einen Priester selbst vermutet hat. In diesem Falle wäre eine solche Ehe ganz ausgeschlossen. (Lev. 21, 13 ff.) Es ist eigentlich seltsam, daß in einer kritisch gerichteten Forschungsweise die Neigung vorhanden ist, aus Andeutungen und Angaben zweifelhafter Natur das fest umrissene Bild eines bestimmten Erlebnisses zu gestalten, wobei durchaus nicht damit *) Der Ton ist nicht immer sanft. Zu 2, 18 bemerkt Duhm, daß er den Vers früher durch eine andere Lesnng zu halten gesucht habe, aber auch da stoße er sich noch mit V. 19, der V. 18 direkt fvrtseht. „Ich überlasse also diesen sehr törichten Vers sich selbst, muß ihn dann aber mit Wellhausen ausstoßeu."

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