Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-28 · Heft 22 (28.5.1915) · p. Seite 260

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 22 (28.5.1915)
Date
1915-05-28
Page
Seite 260 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229200--71352-3283687
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

260 die sittliche Macht ehelicher Liebe deutlich genug hervortritt, in denen ein Geist waltet, aus dem sich die sog. Ehegeschichte des Hosea wirklich nicht erklären läßt. Dieser Prophet redet wiederholt von der Thora Gottes und von ausgeschriebenen Lehren (4, 6; 8, 1; 8, 12). Und wenn die Kritik unter dieser Thora nicht die uns erhaltene verstanden wissen will, so wird doch niemand bestreiten dürfen, daß sich hier mindestens die Treue zum Ueberlieserten ausspricht. Und wenn eine Ueberkritik den Ursprung jener gesetzlichen Bestimmungen, die doch durchaus zum Geist der ganz alten Erzählungen stimmen, in eine spätere Zeit verlegen möchte, so wird doch jeder historisch Denkende zugeben müssen, daß derartige Gesetze nicht von heute auf morgen entstehen, sondern das; ihnen eine Sitte von vielen Jahrhunderten zugrunde liegt. Von solch uralten Sitten und Gesetzen gab es keine Dispense, die Volksjustiz machte keine Ausnahmen, und es wirkt eigentlich erheiternd, wenn Nowack in seiner Archäologie meint, daß die Praxis wohl zuweilen auch milder gewesen sei. Woher weiß das Nowack? Natürlich weist er nur auf diese Hoseastellen hin, — wie e r sie versteht. Und wie denkt Hosea selbst über Ehebruch? Gibt es denn überhaupt einen Propheten, der mit stärkerem Zorn gerade über dieses sittliche Vergehen urteilt? Es ist keine Treue, keine Liebe, keine Gvtteserkenntnis im Lande, und alles Uebels Kern ist der sstuach snunim (4, 12), der ehebrecherische Geist, der Geist der Untreue, der alle beherrscht. So auch 5, 4: „Ihre Handlungen geben's nicht zu, daß sie zu ihrem Gotte zurückkehren; denn der Geist der Buhlerei ist in ihrem Innern, und den Ewigen erkennen sie nicht." Falsch schwören, Morden, Stehlen und Ehebrechen (4, 2) stellt dieser Prophet, wie der Dekalog, in eineReihe. SeinAbscheu gegen den unsittlichen Tempelkult ist so stark, daß er einmal sagt: Die Töchter lind Schwiegertöchter sind eigentlich zu entschuldigen, tvenn sie ehebrechen, denn die Väter und Männer gehen mit den Buhlerinnen und opfern mit den Tempeldirnen (Hvs. 4, 14). Und dieser Prophet, der mit den Gefühlen tiefster Verachtung das Wort Ehebrecherin und Dirne gebraucht, sollte aus göttliches Geheiß mit einem solchen Weibe Zusammenleben und gar noch einmal in Liebe zu ihr entbrennen, nachdem sie von ihm gegangen war? Hosea 12, 11 heißt es: „Und ich redete zu den Propheten, und ich häufte die Gesichte und gab durch Propheten „Gleichnisse" (adammeh)." Ein solches Gleichnis liegt hier vor. Die alten jüdischen Erklärer (das Targum, Jbn Esra und Krimchi), and) christliche Exegeten von Hieronymus bis Hengstenberg, die die realistische Auffassung nicht billigten — sie wurde schon von Theodor von Mvpsuestia vertreten, neuerdings von Ewald und durch Wellhausen psychologisiert — meinten, daß der Darstellung in den drei ersten Kapiteln eine Vision zugrunde läge. Gegen diese Auffassung spricht allerdings der Ton der Rede des Propheten. Bei der rein sachlichen Beurteilung dieser Hosea-Kapitel muß man selbstverständlich von theologischen Vorurteilen, welcher Art sie auch sein mögen, sich fernhalten. Wenn auf der einen Seite die wörtliche Auffassung der ausdrücklich erwähnten göttlichen Aufforderung zur Eheschließung den Notausweg der Annahme einer Vision gerade noch zuläßi, so scheint man auf der Gegenseite nicht immer frei von dem Bestreben zu sein, die sittlichen Anschauungen zur Zeit des Prophetentums nach Möglichkeit niedrig erscheinen zu lassen, wie man denn auch oft den Fehler begeht, polemische Uebertreibungen volkserzieherischer Tendenz als Schilderungen wirklicher Zustände aufzufassen. Es ist nun notwendig, die Gründe, die gegen die bildliche Auffassung der Ehegeschichte und für die geschichtliche Wahrheit ins Feld geführt werden, zu widerlegen. Nowack, der neuerdings am eingehendsten die realistische Auffassung dargestellt hat, findet Simsons Bemerkung treffend: „War ein solcher Befehl mit der Heiligkeit Jehowas und die ungesäumte Befolgung desselben mit der Sittlichkeit des Propheten unvereinbar, so konnte dieser beides ebensowenig in einer Allegorie ausstellen, als es in der Wirklichkeit zulässig war." Das ist ein Irrtum! Es ist doch ein anderes, ob Wirklichkeit dargestellt wird, ein anderes, ob etwas im Bild gestaltet wird, das dem Zuhörer sogleich als Bild und nur als Bild gilt. Die Te n d e n z der Darstellung ist sofort fühlbar: Israels Handeln ist niedrig und undankbar, Gottes Verhalten bei aller Strenge voll unerschütterlicher Liebe. Diese Differenz in der Beurteilung eines Ehebundes Gottes und eines wirklichen Ehebundes scheint mir Jeremia in jener bereits zitierten Stelle (Kap. 3) ausdrücklich hervorzuheben und rhetorisch zu verwerten. Kann wohl ein Mann die Weggeschickte, die einem anderen Manne angehört hat, wiedernehmen? Das ist unmöglich, das Land würde entweiht. Nun hast du, Israel, gar mit vielen verkehrt! Wird er es auf ewig nachtragen? Diesen Gedanken läßt der Prophet eindringlich wirken, um dann den Gegensatz göttlicher Milde um so Heller aufleuchten zu lassen: Zu der Abtrünnigen Israel, der er den Scheidebries gegeben, spricht Gott (V. 12): „Kehre zurück, abtrünnige Israel, ich werde nicht finster blicken auf euch, denn l i e b e v o l l bin ich, ist der Spruch des Ewigen, ich werde nicht ewig nachtragen." Hosea selbst scheint mir diesen Gegensatz hervorzuheben, wenn er 11, 9 sagt: Nicht will ich meine Zornesglut Vollstrecke», will nicht wieder Ephraim verderben, denn ich bin e i n G o t t und kein Mensch, in deiner Mitte heilig. Nach Nowack „bleibt wahr", was Kurtz (Die Ehe des Propheten Hosea", Dorpat 1859. S. 68) sagt: „Eine Dirne zu heiraten und ihr dadurch Mittel und Antrieb zur Lebensveränderung zu geben, ja auch ein Weib, das selbst in der Ehe noch Buhlerei getrieben, noch eine Zeitlang dulden auf Hoffnung, sie durch Güte zur Buße zu führen und durch Zucht zur Besserung, das setzt zwar eine Macht der Selbstverleugnung voraus, die nicht von jedermann gefordert werden mag, und eine Fülle von Liebe, die nicht jedermann gegeben ist, aber unsittlich, ungöttlich ist es nicht, kann es nicht sein, weil Jahwe selbst solches getan in seinem Bunde mit Israel." Ich habe eben gezeigt, daß man aus einem Bilde nicht solche Schlüsse auf wirkliche Verhältnisse ziehen dürfe, und diese süßlich-weichliche Pastoralaufsassung ist aus jeden Fall unjüdisch. Hosea hält es sicherlich eher mit Hebbels Wort: „Darüber kommt kein Mann hinweg" als mit Kurtz. Daß es prophetische Art war, den Kindern Namen zu geben, die wichtige Gedanken des Propheten gewissermaßen ständig ins Bewußtsein führten, ist sicher, und es ist um so leichter verständlich, als noch heute ähnliche Bestrebungen, politisch-tendenziöse Namen Kindern zu geben, nicht ganz selten sind, Daß es sich bei Jesaja (Kap. 8, 3) um wirklich Geschehenes handelt, mag nicht bestritten sein; es ist von der gottgewollten Namengebung des Sohnes Mäher schalal chasch bas die Rede. Die Namen Schearjaschub und Immanuel sind bekannt. Aber ein und dieselbe Tatsache kann sogar bei ein und demselben Propheten als Wirklichkeit und als Bild aufzusassen sein. Wenn Jeremia den Rechabiten (Kap. 35) auf das Geheiß Gottes Wein zu trinken geben soll, so wird der Bericht darüber sicherlich der Wirklichkeit entsprechen; wenn er aber (Kap. 25,15—17) den Becher des Zornesweines aus der Hand Gottes nehmen und den Völkern reichen soll, so ist das bildlich gemeint, obgleich Jeremia berichtet: Ich nahm den Becher aus der Hand des Ewigen, ustv.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.