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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-28 · Heft 22 (28.5.1915) · p. Seite 259

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 22 (28.5.1915)
Date
1915-05-28
Page
Seite 259 (sequence 7)
Language
German
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259 Flüsse und ihrer Ueberschwemmungen: Gemälde der gewaltigen elementaren Zerstörung wie des tiefen Naturfriedens. Franzos liebt sein Vaterland. Er hat — wie so viele seiner Heimatsgenossen — bei allem herben Tadel, den er gegen die Willkürherrschaft und die übermäßige Beamtenschnüffelei, über die Abwendung vom Liberalismus auszusprechen sich nicht scheut, doch das Bewußtsein der starken Zugehörigkeit zu seinem Vaterlande Oesterreich und innige Liebe zu seiner Heimat. Aber in höherem Sinne Vaterland ist ihm das große Deutschland, dessen Kultur er voll und ganz in sich ausgenommen und von dessen Geist er den seinen hat befruchten lasten. Zu der Religion hat Franzos ein ganz eigenartiges Verhältnis. Er ist Jude, aber ein solcher, der sich von dem Zeremoniellen seiner Religion völlig freigemacht hat, der mit seiner Religion nur durch Pietät, durch historisches Bewußtsein und Pflichtgefühl verbunden geblieben ist. Bei aller Sympathie für die Entrechteten und Unterdrückten, bei allem Spott und Hohn gegen die gewalttätigen und rohen Angriffe, die den Wehrlosen zuteil wurden, nimmt er niemals einseitig die Glaubensgenossen in Schutz, glorifiziert sie nicht, sondern geißelt in energischer Weise ihre Unarten und ihre Untugenden. Aber Glaubenstreue und religiösen Eifer, solange sie nicht fanatisch werden, rühmt er gern; er wird nicht müde, Duldung und Verträglichkeit zu preisen. Wie herrlich hat er zum Beispiel in „Schiller in Barnow", einer seiner meisterhaften Skizzen, das geistige und gemütliche Zusammenleben der Vertreter dreier verschiedener Glaubensrichtungen poetisch behandelt. Franzos ist nicht bloß Dichter, sondern Kulturhistoriker. Aus eigener gründlicher Kenntnis entwirft er lichtvolle und zutreffende Bilder des Kulturlebens der verschiedensten östlichen Völker; scharf und entschieden beleuchtet er die öffentlichen Zustände Halbasiens sowohl in den Zeiten der Gegenwart als in den vorausgegangenen Epochen, hauptsächlich in der Reaktionsperiode nach der Revolution des Jahres 1848. In diesen Kulturschilderungen, aber auch in seinen Novellen und Romanen verfügt er über einen erquickenden Humor und über eine scharfe, selten das rechte Maß überschreitende Satire. Ohne Zerrbilder zu entwerfen, ohne bloße Schnurren zu erzählen und Anekdoten zu häufen, weiß er den Ernst durch Humor zu unterbrechen und durch treffende satirische Züge die geschichtliche Darstellung zu beleben. Solche Betrachtungen erregt die eben erschienene fünfte Auflage der zwei ersten Bände des großen Werkes „Halb- Afien"?) Bedenkt man, daß das Buch vor bald 40 Jahren zum erstenmal erschienen, so erstaunt man, daß alles so frisch und lebendig noch heute erscheint, bewundert das Prophetische mancher Verkündungen und empfindet, freilich oft genug, Trauer darüber, daß das Schlimme, das der mutige Verfasser zu beklagen hatte, sich so wenig geändert, d. h. gebessert hat. Die neue Auflage gibt den alten Text, aber die treue Lebensgefährtin des Schriftstellers hat mit Sorgsamkeit die vor 13 Jahren erschienene vierte, vom Verfafler noch selbst besorgte Auflage auf das genaueste durchgesehen und zu einem Aufsatze statistische Bemerkungen beigesteuert. Der Verfasser schloß die Vorrede der vierten Auflage dieses Werkes mit den Worten: „Die Wahrheit siegt." Ich wiederhole gern diesen AuSspruch. Er möge nicht nur bedeuten, daß in den Ländern, die wir mit dem Autor der Skizzen durchwandern, das Licht sich immer mehr verbreite, sondern auch, daß die Wahrheit und Lauterkeit seines Strebens immer allgemeinere, siegreiche Anerkennung finden möge. *) Halb-Asieri. Land und Leute des östlichen Europa. I. und II. Band. Aus Karl Emil Franzos' „Halb-Asien", Kulturbilder aus Galizien, der Bukowina, Südrußland mrd Rumänien. 5. Auslage. Stuttgart und Berlin, I. G. Cottasche Buchhandlung. Sir Lhe des hosra. Von Dr. M. Spanier, Berlin. tZchluß.) ier muß nun einmal die entscheidende Frage gestellt werden: Was ist das Grunderlebnis des Propheten? Was ergreift ihn innerlich am meisten? Was erfüllt mit Ausschließlichkeit sein Gemüt? Prüfen wir das gesamte Hosea-Buch daraufhin. Haben wir den Eindruck, daß seine Eheerfahrung richtunggebend für sein Wirken war? Oder hat die sittliche Entrüstung über die Entartung des Volkes, der lodernde Zorn über den Abfall Israels dem Propheten das Bild von der ungetreuen Gattin, das ja durch die Volksanschauung von Baal und Erez schon nahegelegt war, ihm eingegeben? Wenn man die Frage so stellt, ist sie doch wohl schon beantwortet. Es gibt sicherlich einen Zusammenhang zwischen Erotik und Religion. Aber die mystische Auffassung des Religiösen liegt diesem Propheten, dem die Erkenntnis der sittlichen Natur des Ewigen (daath adonai) zu so zwingender Klarheit aufgegangen ist, völlig fern. Und der kanaanitische Zusammenhang von Tempelunzucht und Verehrung der Fruchtbarkeitsgottheiten ist ja gerade dem israelitischen Propheten das Allerwiderwärtigste, dem er mit der ganzen Fassungslosigkeit eines Gemüts gegenübersteht, das überzeugt ist von der unverbrüchlichen Heiligkeit altgewohnter Sittenstrenge. Dazu ist es altjüdische Art, vom Heiligen alles Sexuelle fernzuhalten. In der Erzählung von der Vorbereitung des Volkes zur göttlichen Offenbarung auf dem Sinai — um nur ein Beispiel aus vielen zu wählen — wird die Weisung gegeben: Niemand nahe dem Weibe. Diese scharfe Scheidung ist gerade charakteristisch. Aus persönlichen Liebeserfahrungen kommt kein israelitischer Pro pHetzu Gottesersahrungen. Dazu ist ihm sein Gott viel zu erhaben und heilig! Und nun soll gar dieser Prophet mit einer Ehebrecherin zusammengelebt haben! Wie dachte das alte Israel über den Ehebruch? Aus Gen. 38, 24 (Thamar), Deut. 22, 22, Lev. 20, 10, auch aus Ezechiel 16, 38 wissen wir, daß die Ehebrecherin des Todes war. Schon der Verdacht des Ehebruches der Frau gab dem Manne das Recht, ein Gottesurteil in Anspruch zu nehmen. (Num. 5, 12 ff.). Aber Hosea soll ja nach der so sehr populären nrodernen Darstellungsweise im Uebermaß seiner Liebe die entlassene oder entwichene Ehebrecherin — in der Bibel steht ja kein Wort über diese Trennung — noch einmal genommen haben. WaS sagt das Gesetz? Eine Entlassene, die wieder heiratet, abermals entlassen wird oder den zweiten Mann durch den Tod verloren hat, darf der erste Mann nicht wiedernehmen, „denn ein Greuel ist es vor dem Ewigen, und du sollst das Land, das der Ewige, dein Gott dir gibt, nicht mit Sünde beflecken". (Deut. 24, 4.) Und daß diese gesetzliche Bestimmung nicht etwa aus späterer Zeit stammte oder nur auf dem Papier stand, beweist die Stelle aus Jeremia 3, 1, auf die ich im anderen Zusammenhänge noch einmal Hinweisen werde: „Siehe, entläßt ein Mann sein Weib, und sie geht von ihm und wird eines anderen Mannes Weib. Darf er wieder zu ihr zurückkehren? Würde nicht dieses Land entweiht?" Schon diese beiden Stellen wären — wenn nicht der Text des Hosea-Buches selbst schon deutlich genug spräche — ausreichende Beweise gegen die Annahme, als ob Hosea die ehebrecherische Frau, die von ihm gegangen sein soll, noch einmal genommen habe, gerade H o s e a, dieser Prophet, dessen Anschauung verankert ist mit der historischen und gesetzlichen Tradition seines Volkes. Er kennt die Geschichte der Vorfahren, die Geschichte der Patriarchen (z. B. 12, 13: „Israel diente um ein Weib und um ein Weib hütete er"), Geschichten, in denen

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