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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-28 · Heft 22 (28.5.1915) · p. Seite 258

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 22 (28.5.1915)
Date
1915-05-28
Page
Seite 258 (sequence 6)
Language
German
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m giebig, da ruhte er nicht eher, als bis er dem Rechte zum Siege verholfen sah. Und es ist, als ob es ein Symbol für diese seine Wesensart hätte sein sollen, daß seine letzte Tätigkeit als Mitglied des Vorstandes der Hamburger Gemeinde sich in dieser Richtung bewegte. Bei seiner Liebe zum Judentum ist es selbstverständlich, daß er sich auch in den Dienst des Judentums stellte. Er gehörte dem Vorstande des Hilfsvereins der deutschen Juden an, eine Zeitlang auch als Vertreter der Hamburgischen Juden dem Geschäflsführenden Ausschuß des Verbandes der deutschen Juden. Er war Vorsitzender des Vorstandes der Talmud Thora-Realschule in Hamburg und widmete seine Tätigkeit einer ganzen Reihe wohltätiger Anstalten und Stiftungen, an denen die Hamburger Gemeinde so reich ist. Lange Jahre gehörte er dem Repräsentantenkollegium der Gemeinde an, aus dem er dann später in den Vorstand der Gemeinde übertrat. An diesem seinen Amte als Mitglied des Vorstandes der Deutsch- Israelitischen Gemeinde hing er mit besonderer Liebe, weil er in ihm vor allem zum Wohle des Judentums glaubte wirken und dem Frieden in der Gemeinde glaubte dienen zu können. So ist es denn auch fast unnötig zu erwähnen, daß dieser Mann auch ein wahrhaft edler Mann, ein gütiger Mensch gewesen ist. „Der Verstorbene erfreute sich bei allen, die ihn kannten, wegen seines lauteren Charakters, seiner nie versagenden Güte und Hilfsbereitschaft, die er ohne Unterschied der Person und des Glaubens übte, der größten Beliebtheit." So lautete das Urteil der führenden Hamburger Zeitung. Und ähnlich lauteten die andern Stimmen. So empfand er denn auch den Ausbruch des gegenwärtigen Krieges als einen persönlichen Schmerz; er konnte es nicht verstehen, daß die Menschen mit eigenen Händen die Werke vernichten, gegen das höchste Gebot der Menschenliebe so freventlich sündigen konnten. Als Kaufmann endlich war Abraham Lewandowsky von einer makellosen Ehrenhaftigkeit. Das Vertrauen, das er genoß, war daher auch unbegrenzt, sein Ansehen groß und in gewissen Fragen seines Berufes — Lewandowsky war Bankier — galt er als eine Autorität ersten Ranges. An der Börse bekleidete er mehrere Ehrenämter, und was sein Hinscheiden für sie bedeutet, mag man daran ermessen, daß sein Verlust von einer Seite als unersetzlich bezeichnet wurde und daß nach einem Börsenbericht vom Tage seines Todes die Nachricht von seinen: Hinscheiden „lähmend auf die ganze Börse wirkte". Was eine solche Bemerkung sagen will, das vermag nur der zu beurteilen, der die zentrale Stellung und Bedeutung der Börse für das Hanrburger Geschäftsleben aus eigener Beobachtung kennt. Und der Prediger, der ihm den Nachruf hielt, hatte recht, als er begann: „Ein Name von bezauberndem Klange ist es, der diese Traucrgemeinde vereint: Abraham Lewandowsky." — Denn Abraham Lewandowsky war einer unserer Besten. Lu 0L L. fran?oa' Gedächtnis. Von L u d w i g Geiger. elf Jahre sind schon vergangen, seit uns Karl Emil Franzos entrissen wurde. Daß trotz dieser langen Zeit er den Seinen und uns, den Freunden, wie ein Lebendiger erscheint, ist bei der Stärke der Bande, die uns mit ihm vereinigten, kein Wunder; merkwürdig aber ist es, daß im Gegensatz zu so vielen Schriftstellern, die nach einer solchen Spanne Zeit zu veralten pflegen, die an ihrem Ruhme einbüßen oder ihn ganz verlieren, sein Ansehen und die Verbreitung seiner Werke sich außerordentlich gesteigert haben. Zu einer solchen Vermehrung haben zwei äußere Umstände beigetragen. Der eine ist die Stärkung des Stammesbewußtseins der Juden oder, sägen wir bester; das Gefüh ihrer Zusammengehörigkeit. Die lauten, lärmenden Be drückungen im Osten und die stillen Verfolgungen im Westen haben die Juden, selbst diejenigen, die sich bisher wenig ai ihr Judentum erinnerten, an ihren Glauben oder mindesten an ihre Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft gemahnt, di sie trotz aller Gleichgültigkeit, häufig auch trotz der Taufe nicht los werden konnten. Da kamen die Franzosschen Büche: als eine stärkende Lektüre. Sind sie auch Kampsbücher, aucl gegen die innere Verderbnis, malen sie auch Juden uni Judentum keineswegs immer rosensarben, so predigen si doch die Anhänglichkeit zum Glauben, die Treue zur Ab stammung. Der zweite äußere Umstand, der fast alle Schriften vor Franzos, namentlich das sechsbändige Werk „Aus Halb Asien", immer von neuem in den Mittelpunkt des Interessetreten ließ, ist der, daß namentlich die Balkanländer, abe auch alle die Reiche, die er unter dem glücklich erfundener Namen „Halb-Asien" vereinigte, wieder die lebhafteste Auf merksamkeit erregen. Schon der Balkankrieg 1912/13, abe: noch in viel höherem Grade der ungeheure Weltbrand, ir dessen Mitte wir leben, lenkte das Interesse auf dies: Länder. Galizien und die Bukowina bilden den Schau platz seiner lesenswertesten Schilderungen: die Buko wina, die er so innig liebte, mit seinem Czernowitz das er erst für die Weltliteratur eroberte, beide so schwer voi den Russen heimgesucht und hoffentlich ihnen bald — könnt es sein, für immer! — entrissen, sind von ihm scharf beobachte: und trotz häufig lebhafter Entrüstung liebevoll angeschaut unk meisterhaft geschildert worden. Ein dritter Umstand — teilweise äußerlich, in Wirklichkei: mehr innerlich—, der diese alten Bücher — denn von dem Er scheinen des ersten trennen uns nun etwa 40 Jahre — wieder in den Vordergrund rückt, ist der, daß bald nach dem Tode von Franzos sein Buch „Der Pojaz" erschien, der die Krone seines Lebenswerkes bildet. Während sonst Schriftsteller, die i> reiferen Jahren sterben, ihr Bestes längst hatten erscheine: lassen und durch die Veröffentlichung des Nachlasses gewöhn lich ein Sinken, nicht aber ein Steigen der Sympathie del Publikums erwarben, erhöhte dieses mit allgemeiner Begeiste rung aufgenommene Werk Franzos' Popularität und wirkte auch günstig auf das Schicksal der vorangegangenen Schriften ein, die längst in vieler Hände waren. Stärker jedoch als diese äußeren Umstände wirkten zwei innere, um den Namen des bedeutenden Mannes vor schneller Vergessenheit zu bewahren. Der eine ist die große Ursprünglichkeit seines Talents. Franzos besitzt Eigentümlichkeiten, die in ihrer Art selten vereinigt sind. Er ist zugleich Kulturhistoriker und Dichter. Ein Dichter voll starker Innerlichkeit Liebe, Freundschaft, Natur, Vaterland weiß er dichterisch zr schildern und zu verklären. Es gelingt ihm, die zarten Gefühle der Jungfrau, das aufkeimende Erotische im Manne, dir Leidenschaftlichkeit beider Geschlechter ebenso meisterhaft dar zustellen wie die Galanterie, die Eifersucht, auch das krankhaft: Liebesbedürfnis seniler und verkommener Männer unk Frauen. Er ist auch ein Verklärer der Freundschaft. Es gelingt ihm meisterlich, die Jugendkameradschaft zu beleuchten und das tiefe Einverständnis verschieden gearteter Naturen, die durch Alter oder Glaubensunterschied getrennt sind, vorzuführen. Er lebt in der Natur. Aus einer kleinen Stadt gebürtig, die einem Dorfe ähnlicher war als einer Stadt, hat er viel aus dem Lande gelebt und als Jüngling wie als Mann zahlreiche Streifereien unternommen. Er besitzt ein großes Talent, die Landschaft zu beleben; gerade seine großen Werke enthalten gar manche meisterhafte Schilderung der Heide, der großen

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