Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1915)
- Date
- 1915-05-28
- Page
- Seite 257 (sequence 5)
- Language
- German
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257 In dieser Flüchtlingsstadt gibt es auch eine Schule mit Lehrern, Lehrerinnen und Gärtnerinnen. Die Kinder sind in Gruppen geteilt mb werden unterwiesen und auf jede Weise Zu beschäftigen versucht, ^as ist nicht leicht, denn es fehlen Bücher, Lehrmittel und selbst die i forderlichen Räume. Meistens wird der Unterricht draußen auf em Hose erteilt, und vor allem überrascht die Fertigkeit der Kinder nt Hebräischen. In einem Dutzend Jahren ist diese Sprache zu einer eläusigen Umgangssprache geworden, nach dem sie mehr als 2000 stchre fast der Vergessenheit anheimgefallen war. Dazu gehörte nicht!ur eine ungewöhnliche Liebe und Energie, sondern auch eine inguistische Erfindungsgabe, um Bezeichnungen für die vielen uodernen Begriffe Zu schassen, die in der Bibelsprache gar nicht vorjnnden sein konnten. Ein lebendes Wörterbuch gewissermaßen ist das ^elt Nr. 25, wo die Gymnasiastinnen aus Jaffa untergebracht sind. Obschon sie nur einen Lehrgang von 6 bis 7 Jahren durchgemacht Alben, wurden einige von ihnen doch als vollwertige Abiturientinnen m europäischen Universitäten zugelassen. Es ist überhaupt hochinteressant, die Ochuljugend unter den Flüchtlingen Zu beobachten. Sie sind in bemerkenswerter Preise zur Selbständigkeit und zur praktischen Anschauung erzogen. So Alben sie sich selbst im Flüchtlingslager in schönes Herbarium, ein mineralolisches Kabinett geschaffen, ferner Sportplätze, auf denen besonders das beliebte Fußballspiel geübt wird. Im wrigen Jahre wurden von den Schüern in Jaffa amerikanische und auch englische Studenten im Fußball besiegt.?lnch reiten können die Kinder vortresfich und wandern, da sie an regelmäßige Märsche und Ausflüge, die 'ich oft auf mehrere Tage erstreckten, gewöhnt sind. Die Fürsorge des Hilfskomitees richtet sich besonders auf zwei Elemente, )as sind die Kinder und die Arbeiter, die zum größten Teil der intelligenten lugend angehören. Sie beschäftigten ach in Palästina vorwiegend mit Landivirtschaft, hier sind sie als Sanitäter, als Wächter, als Lampenanzünder, als vauspersonal eingestellt. Sie arbeiten 'leißig, aber nicht fröhlich, denn ihre Gedanken weilen'in der Heimat, die sie sich mit unendlich viel Mühe und Opfern erkauft haben. Teils galt es Ne Palästinensischen Sümpfe durch Am Pflanzungen auszutrocknen, teils, sich täglich aufs neue den Angriffen der Araber zur Wehr zu setzen. Der Eukalyptusbaum, der als Aufsauger von Feuchtigkeit von ihnen ausgiebig angepflanzt wurde, ist durch den Krieg vielfach vernichtet worden, woraus den heimkehrenden Kolonisten später, eine neue schwere Ausgabe erwachsen wird. Das Hilfskomitee ruft die Flüchtlinge öfters zu einer Versammlung zusammen, um unter. anderem Kritik zu üben an ihrem Verhalten und an ihrer Arbeit und um ihnen nahe zu legen, wie notwendig die Erhaltung der Ordnung und strengen Disziplin in dem Lager von Habbari sei. Alexandrien, Mai 1915. W. S. (Deutsch von M a r i e B e s s m e r t n y.) pbrahsm Lrwsnvowlky. Von N. M. Nathan. n der Nacht vom 10. zum 11. Mai d. I. ist in Hamburg \ ein Mann dahingeschieden, der, wenn er auch den weiteren Kreisen des deutschen Judentums weniger bekannt gewesen ist, dennoch verdient, daß seiner auch an dieser Abraham Lewandowsky. Stelle in Worten ehrender Erinnerung gedacht wird, A b r a h a in L e w a n d o w s k h. Ein Mann von seltener Bildung des Geistes und des Herzens, ein Mann von lauterstem Adel der Gesinnung, ein Mann, für -dessen geschäftliches Handeln ebenso wie für sein privates Leben die Grundsätze höchster Sittlichkeit bestimmend waren, ist mit ihm allzufrüh, zu allseitigein aufrichtigen Schmerz, seiner Wirklichkeit entrissen worden. Abraham Lewandowsky war erfüllt von der Liebe zur Kunst und zum Schönen, die er als ein Erbteil seiner Familie in sich trug; er war ein Sohn des Kantors der Synagogengemeinde in Halle und ein Neffe des Berliner Meisters des synagogalen Gesanges, Louis Lewandowsky. Mit der Begeisterung, die nur dem echten Verstehen eigen ist, lauschte er den Offenbarungen der Tonkunst und sprach er von ihnen, und es war ihm eine besondere Freude, daß die musikalische Begabung seiner Familie auch auf einen seiner Söhne übergegangen war, den ein tragisches Geschick ihm aber in der Blüte seiner Jahre nach den ersten Erfolgen entriß, zu früh für all die Hoffnungen, zu denen er berechtigt hatte. Und mit seiner Liebe zur Kunst verband Lewandowsky eine gleich echte und wahrhafte Begeisterung für die Wissenschaft; es war sein Stolz, daß er durch Familienbande in Beziehungen stand zu H a i m S t e i n t h a l lind besonders zu H e r m a n n E v h e n , an dessen Schaffen er einen tiefinnerlichen Anteil nahm und mit dem ihn daher auch eine ans der Wahlverwandtschaft zweier gleichgestimmter Seelen beruhende, in einer langen Reihe von Jahren bewährte Freundschaft verband. Lewandowsky war ein treuer, überzeugter Jude; sein Judentum war ein Teil seiner selbst; an ihm hing er mit all der Wärme, deren sein Herz fähig war. Von Lewandowsky darf man sagen, daß in ihm Judentum, edles Menschentum, Geistes¬ und Herzensbildung in seltener Weise sich zu harmonischer Einheit verschmolzen hatten. Jede Anerkennung des Judentums und seiner Lehre bereitete ihm eine persönliche Freude; so sprach er von dem jüngst von Gunkel in der „Deutschen Rundschau" veröffentlichten Aufsatz über die bleibende Bedeutung des Alten Testaments mit heller Begeisterung, und mit stolzer Genugtuung zitierte er wiederholt Gunkels mannhafte Erklärung: Israel ist und bleibt doch das auserwählte Volk, mag sich darüber ärgern wer will. Und in der Art, wie Lewandowsky sein Judentum erlebte und empfand, beruhte auch eine Eigenart seines ganzen Wesens. Lewandowsky war eine friedliebende, versöhnliche, milde Natur; von jener Bescheidenheit, die die wahre Vornehmheit charakterisiert. Mit seiner Meinung hielt er fast allzu scheu zurück, und oft ordnete er selbstlos seine Ansicht derjenigen anderer unter. Aber wo es die Ehre und die Würde des Judentums galt, da kannte dieser sonst so zurückhaltende Mann keine Scheu und kein „seiger Gedanken bängliches Schwanken", da war er entschlossen, unbeugsam und unnach-