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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-28 · Heft 22 (28.5.1915) · p. Seite 256

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 22 (28.5.1915)
Date
1915-05-28
Page
Seite 256 (sequence 4)
Language
German
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256 Haß, um später die Wut des betrogenen Volkes auf die Juden ablenken zu können. Wenn ihr feiner Einhalt tut, bevor es zu spät wird, so stehen Rußland die schwersten Prüfungen erst nach dem Kriege bevor. Die „National-Zeitung" berichtet: E i n e „jiddische" Z e i t u n g i n Lvd z. Unter der deutschen Verwaltung in Lodz haben auch die dortigen Preßt>erhältnisse einen neuen Aufschwung genommen: eine neue „jiddische" Zeitung ist entstanden, das „Lodzer Volksblatt". Sie ist im Jargon geschrieben und mit hebräischen Lettern gedruckt. Dem „Generalanzeiger" in Halle hat, lote von dort berichtet wird, eine Nummer Vorgelegen. Sie zeigt auf der Titelseite in Niesenlettern die Sensationsüberschriften: „Neie blutige Kämpfen in Uscker Paß. Der deitscher Luftslott bombardiert paulische Städt". Die Kriegsnachrichten sind natürlich dieselben, die wir zu jener Zeit hatten. Da wird die Meldung des „Nowoje Wremja" zitiert von einem „neien teiflenischen Plan" Hindenburgs, der das russische Heer „umringeln und vernichten" wolle, da sind „ärabgeivorfen 50 Bomben auf Reims", „vernichtet englische Uuterwasser-Schisfeles" usw. Die Meldungen aus dem „Grausten Hauptquartier" lauten nicht von der Ost- und Westfront, sondern von der „Misrachfront" und der „Maarivsront". # Uns geht folgende Korrespondenz des Jüdischen Nationalfonds zur Lage in Palästina zu: Mitte Mürz sind in ganz Palästina, von Gaza bis Tiberins, ungeheure Schwärme der W a n d e r h e u s ch r e ck e ausgetreten und haben sich überall, auch fast in allen jüdischen Kolonien, niedergelassen. Diese geflügelte Heuschrecke selbst richtet nur geringen Schaden an, sofern sie keine Brut zurückläßt, die das Getreide vernichtet und die jungen Triebe der Bäume benagt. Bon den jüdischen Kolonien sind Rechoboth, Wadi el Chanin, Rischon le Zion und zum Teil auch Pethach Tikwah durch die Heuschreckenbrut' heimgesucht worden, von den Farmen des Jüdischen Nationalsonds bisher nur Benschemen und Hulda. Seitens der Negierung sowohl wie der jüdischen Kolonien wurden energische Mittel angewandt, um die durch die jungen Heuschrecken drohende Gefahr abzuwenden, und auch der Nationalfonds hat, um seine Pflanzungen vor schweren Beschädigungen zu bewahren, Geldmittel bewilligt. Ist der durch das Auftreten der Heuschrecken bisher verursachte Schaden auch nicht bedeutend, so leidet doch die Bevölkerung sehr unter der Steigerung der Weizenpreise, welche infolge der mit dem Erscheinen der Heuschrecken für später verbundenen Befürchtungen verursacht worden ist. Hundert Kilogramm Weizen, die zu Anfang des Krieges zum Preise von 20 Francs aus den Nationalfondsfarmen nach Jaffa verkauft wurden, kosten heute schon zirka 35 Francs. Selbstverständlich leidet die arme Bevölkerung in den Städten unter diesen hohen Brotpreisen außerordentlich. In etwas dürfte sich die Lage inzwischen durch die Ankunft des Lebensmitteldampfers aus Amerika gebessert haben, der Mitte April in Jaffa eiutraf und dessen Ladung unter anderem 8000 Sack Mehl enthielt. Die vom Jüdischen Nationalfouds mit leider einstweilen beschränkten Mitteln in Angriff genommenen N o t st a n d s a r b e i t e u beschäftigen auf dessen Farmen, abgesehen von den dort regelmäßig tätigen Arbeitskräften, zehn Personen in Benschemen, dreißig in Merchawjah und vierzig in Kinereth. Leider wurde die vorn Nationalfonds eingeleitete N o t st a n d s a k t i o n noch nicht in allen Kreisen genügend gefördert, um einer größeren Anzahl Arbeiter lohnende Beschäftigung zu gewähren. Der Stand der Saaten und des Getreides in den Kolonien, der bis Ende Februar recht gut war, hat sich inzwischen etwas verschlechtert, weil es in der letzten Zeit in Palästina fast gar nicht oder nur sehr wenig geregnet hat. Im April sind jedoch in Jaffa und Umgegend sowie in Galiläa starke Regen niedergegangen, so daß anzunehmen ist, daß sich die Felder wieder erholen und auf eine gute Ernte gerechnet werden kann. Die militärischen Reqnisitione n, unter denen auch die Nationalfonds-Betriebe im Anfang sehr litten und bei denen ein Teil des Zugviehes überhaupt weggenommen, ein anderer Teil für Militürtransporte wochenlang verwendet wurde, haben seit einigen Wochen beinahe gänzlich aufgehört. Trotz der Requisitionen^ist^es in allen Farmen gelungen, das Pflügen der Felder, wenn auch teilweise mit einiger Verspätung, durchzuführen. In einigen National fondsi-Farunen waren einige Zeit hindurch viele Soldaten einquartiert Sie kampierten jedoch nicht in den Häusern der Kolonie, sondern 0 Zelten, und ihre Beziehungen zu den Farmen, überhaupt zur ganze! Kolonie, waren die denkbar besten. Das Nt i l i t ä r k o m m a n d c sorgte dafür, d a ß die Felder in keiner Weis litten und der Kolonie nicht der nt indeste Gegen ft and entzog e u w u r d e. Im Laufe der Kriegsmonate hat sich die a l l g e m e i n r 5 t i ui m u n g unter den Juden Palästinas wieder gebess er t. Aucl in wirtschaftlicher Beziehung find die Verhältnisse jedenfalls nich schlechter geworden, teils weil erhebliche Geldbeträge aus Amerik. eingetroffeu sind, teils auch weil die Administration der JCA bei Kolonien Kredite gewährt hat, und schließlich, weil es den Kolonistei selbst gelungen ist, wenigstens in beschränktem Umfange Wein unk Mandeln nach dem Auslande zu verkaufen. Die Orangenerntc must jetzt allerdings als gänzlich verloren betrachtet werden. Dü Frucht ist entweder überhaupt nicht. von den Bäumen herunter genommen worden oder wurde im Lande zu einem Preise, der kann die Kosten für das Abpflücken deckt (100 Stück für 20 bis 30 Een times), verkauft. Von der städtischen Bevölkerung leiden am meisten die armen Juden in Sasfed, Liberias und in Jerusalem, d. h. also die Elemente, die auch in normalen Zeiten ihren Lebensunterhalt nicht aus eigenem Erlverb decken, sondern auf die Ehanukaspendc von außen her angewiesen sind. Da diese Spenden jetzt nur kümmerlich einfließen, so sind diese Leute ohne das Allernotwendigste ge blieben. Hier wurden nun aus den Geldern des amerikanischen Hilfsfonds Brot und andere Lebensmittel gratis verteilt, Darlehen gegen Pfänder gewährt und auch Kredite zur Beschäftigung von Arbeitern bei Privatunternehmungen und Notstandsarbeiten hergegeben. Bisher ist so das Schlimmste verhütet worden. Trotzdem jetzt eine gewisse Konsolidierung der allgemeinen Verhältnisse eingetreten ist, wird die Lage doch immer kritischer werden, da die Krisis nun schon acht Monate dauert und die Bevölkerung bald ihre letzten Reserven verbraucht hat. * Habbari. Das Flüchtlingslager in Alexandrien. (Spezialbericht der „Nusskija Wjedomosti".) Hinter der Stadt dehnt sich ein Platz aus, der von Zelten itm= (leben ist, die ein düsteres Gepräge haben. Inmitten aus dem Hofe befindet sich ein Haus mit einem Badezimmer, einer großen Vorratskammer und anderen Wirtschaftsräumen. Ein grüner von Sonne durchfluteter Hof umgibt das Gebäude. Alles zusammen ist von der ägyptischen Regierung geschaffen worden, um die Flüchtlinge aufzunehmen, die von den Grenzgebieten der Türkei und namentlich aus Palästina kommen. Gegenwärtig zählt diese Flüchtlingssiedlung etwa 2000 Seelen, Männer, Frauen, Kinder, alt und jung, reich und arm. Eine Engländerin, Mrs. Brodbring, hat die Leitung in der Hand und damit eine sehr schwere Aufgabe, denn selten ist eine Stadt mit so mannigfachen Typen anzutreffen. Sie stellen in der Hauptsache eine Zweigkolonie der palästinensischen Juden dar, die durch den Krieg von ihrer Scholle vertrieben wurden. Bunter noch als das Aussehen dieser Leute ist ihr Sprachengewirr, denn die einen stammen aus Marokko, die anderen aus Grusinien, dann wieder auch aus Buchara, aus Daghestan, Jemen usw., und sie haben ihre ursprüngliche Volkstracht und Volkssprache beibehalten, selbst wenn ihre Großväter sich schon auf der heiligen Erde angesiedelt haben. Auch in den Speisen haben sich bei ihnen traditionelle Gepflogenheiten bis heute durchgesetzt. Ein Marokkaner wird sich zum Beispiel nie entschließen, Suppe zu essen. Hieraus ergeben sich nicht unwesentliche Schwierigkeiten für den-Küchenbetrieb, in welchem von 5 Uhr morgens an freiwillige Kräfte, darunter ein Dr. jur. und zwei Studentinnen, tätig sind. Wie in einem Vogelhaus sind die verschiedensten Laute vernehmbar von den etwa 12 bis 14 Sprachen, die zu Gehör kommen. Mau könnte hier verrückt werden, wenn eine Sprache, nämlich die hebräische, nicht als Dominante zur Geltung käme, in der die meisten Flüchtlinge sich verständigen können. Daher sind in Habbari alle Ankündigungen, Verordnungen des Hilfskomitees usw. in hebräischer Sprache abgesaßt. Auch der Arzt, der täglich nach dem Lager kommt, der Apotheker und alle offiziellen Persönlichkeiten sprechen Hebräisch.

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