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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-28 · Heft 22 (28.5.1915) · p. Seite 255

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 22 (28.5.1915)
Date
1915-05-28
Page
Seite 255 (sequence 3)
Language
German
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255 Einmal dadurch, daß über 200 erklärte Friedensfreunde vor ern Pöbel kapitulieren und ihre wohlerwogene Ueberzeugung, ne gewiß dem Heile des Landes dient, aufgeben, weil sie meinen, egen die Sinnlosigkeit der Menge nichts zu vermögen. Andereres dadurch, daß ein ganzes Volk, von wahnsinnigem Nationalismus berauscht,.sich in einen Krieg stürzt, in dem es höchrens das erreichen kann, was es im Frieden ebenso erlangen oürde. Von Recht und Moral zu sprechen, geht in diesen fürchter- Ichen Zeiten nicht an. Herrschten diese, so hätte Italien kraft es erst jetzt bekanntgewordenen Bündnisvertrags an unserer Seite stehen und mit uns kämpfen müssen. Aber selbst bei jesuitischer Auslegung des Vertrags mtte es die Pflicht gehabt, strikteste Neutralität zu wahren. Die Gründe, welche Italien angibt, um zu den Waffen zu greifen, entbehren jedes Schattens der Logik und des Rechts. Kenn es sagt, daß ihm nicht rechtzeitig das Ultimatum Oestereichs gegen Serbien mitgeteilt worden sei, so ist das eine reine Formsache. Die Behauptung, die Oesterreicher hätten zu lange gezögert, um die bekannten Abtretungsanerbietungen zu machen, st eine törichte. Die Forderungen aber, diese Abtretungen soort zu erhalten, und die weitere, noch mehr zu erhalten, als ihm ingeboten war, sind unerfüllbar. Das alles könnten nicht die wahren Ursachen des Krieges ein. Diese liegen entweder in dem seit lange genährten unausoschlichen Hasse gegen Oesterreich oder in einem nationalistichen Streben, das, an sich gerecht, alle Grenzen überschreitet, -der, was am wahrscheinlichsten ist, in englischem Geld und in nen Versprechungen der Dreiverbandmächte, die seit langem die presse korrumpiert und die Pöbelhehe angestachelt hat. Mit tiefem, innerem Schmerze stehen wir vor der neuen Wendung der Dinge. Wir liebten Italien. Als Deutsche und als Juden. Jeder Deutsche besitzt, nicht erst seit Goethe, eine liefe Sehnsucht nach Italien und fühlte sich durch einen Aufenthalt in dem durch Altertum und Kunst geheiligten Lande erhoben und beglückt. Als Juden konnten wir Italien als die Stätte wirklicher Gleichstellung begrüßen. Dort hat der Glaube 'eine Schranke: kein Amt blieb ihm verschlossen. An Schicken, Universität, in der Verwaltung, im Heere nahmen Juden hervorragende Posten ein. Dort war ein Jude einmal sogar Kriegsninister (Ottolenghi), ein anderer, noch jetzt einer der hervoragendsten Politiker (Luzzatti), bekleidete lange einen Ministergosten. Wir müssen, nachdem nun die offizielle Kriegserklärung nrsolgt ist, die Liebe zu dem schönen Lande aus unserem Herzen reißen. Mit Schmerz, aber nicht mit Furcht. Wir werden, das hoffen vir, auch diesem Gegner gewachsen sein. Aber, das bekennen vir, an die Stelle der Liebe muß der Haß treten. Gibt es eine Gerechtigkeit, so muß dieses verräterische Volk, das keine Treu und keinen Glauben kennt, das alle Gesetze der Würde unb Moral mit Füßen tritt, in einer ganz exemplarischen Weise gestraft werden. * Die Kriegsnachrichten lauten im ganzen erfreulich. Im Westen sind die Anstrengungen der Gegner erfolglos; im Osten und im Südosten schreiten wir in erwünschter Weise vor. * Unter dem Titel „Befohlener Vandalismus" schreibt die „Volkszeitung": Ein russischer Armeebefehl. Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schreibt: J,n deutsche Hände fiel vor einiger Zeit der folgende Befehl des russischen Generals der Infanterie v. Sievers, des Führers der in der masurischen Winterschlacht vernichteten Armee: „Infolge des außergewöhnlich feindlichen Verhaltens der deutschen und jüdischen Bevölkerung ist diese beim Rückzug der deutschen Truppen aus dem Operationsgebiet zu entfernen. Für die geringste feindselige Handlung sind die Mo ersten Kontributionen aufzuerlegeu. Wegen der 'bekannten deutschen Hinterlist ist äußerste Vorsicht geboten. Haussuchungen sind «abzuhalten. Das Verlassen der Häuser bei Eintritt der Dunkelheit ist zu verbieten. Eigentum von Privatpersonen, die feindliche Handlungen begehen, ist unverzüglich zu zerstören. Eigentum des Deutschen Reiches ist, wenn Abbeförderungell nötig, sofort zu vernichten. Um die deutsche Industrie zu' schädigen, die zmn Wohlstand des Landes mit beitrügt, sind Maschinell irr staatlichen und Privatbetrieben durch Pioniere aiuf das nachhaltigste zu zerstören." gez. Sievers, General der Infanterie." Das ist amtlich befohlener Vandalismus, der jeder gesitteten Kriegführung Hohn spricht. Der schwache Versuch, die russische Zerstörungswut durch den Hinweis auf die Bedeutung der Industrie für den Wohlstand des Feindes zu verschleiern, wird von niemand ernst, genommen werden. Bezeichnend dagegen ist das militärische Armutszeugnis, das aus dein Bestreben spricht, an Stelle des feindlichen Heeres die Hilfsmittel friedlicher Arbeit zu vernichten. Vielleicht erklärt sich aus diesem Bewußtsein der kriegerischen Ohnmacht -auch der ungewöhnliche Scharfblick, mit dem der russische General die „Abbeförderung" seiner Truppen so richtig vorausgeahnt hat. Ueberraschend wird freilich selbst für einen Manu mit so bedeutender Sehergabe die Schnelligkeit gewesen sein, mit der sich diese Beförderung dank deutscher Umsicht und Tcckkraft vollzogen hat. Auch daß der Transport zum größten Teil nach denr Inneren Deutschlands gehen würde, hat der knlturbringende russische Prophet wohl kaum vorhergesehen. * Im Anschluß an den oben erwähnten amtlichen russischen Befehl schreibt die „Frankfurter Zeitung": Jetzt hat sich all das schon in leere Phrasen aufgelöst. Die liberale Presse wiederholt bis ins Absurde die stereotypen Wendungen vom „Kampf um die Freiheit der Nationalitäten", die sie in französischen Blättern gebrauchsfertig vorfindet. Sie wagt aber nicht ein Wort gegen die schamlose Bedrohung des am ärgsten unterdrückten Volkes zu sagen. Tie antisemitischen Blätter legen sich dagegen keinen Zwang ans. Sie haben nach kurzer Unterbrechung ihre Hetze in noch schärferen Tönen als früher, mit noch grausameren Worten und wilderen Beschuldigungen gegen die Inden wieder ausgenommen. Den übrigen Völkerschaften Rußlands gegenüber wahrt mau den Burgfrieden, die Polen umschmeichelt man, obwohl auch ihnen gegenüber faiuu versteckte Drohungen laut werden, die Armenier sogar, gegen die doch die russische Gesetzgebung schon einige den Judcngesehen ähnliche Schranken aufzubauen begonnen hatte, sind plötzlich des Zaren und des russischen Volkes Lieblinge geworden. Aber die Inder: sind Vogel sie i wie immer. Wer sollte auch seinen Haß eindümmen, wenn der Oberkommandierende der russischen Heere, der verhängnisvolle Mcmn, in dem viele den künftigen Zaren erblicken, sich selber an die Spitze der Schwarzen Hundert stellt, mit der ganzen Autorität seiner fast unbeschränkten Machtstellung selber die räuberischen Mordbubeu anfhetzt. Nur eines tarn die Handlungsweise des russischen Großfürsten Nikolaj aufktären: die Angst vor den künftigen Erschütterungen, die Rußland kaum erspart bleibenwerden. Die Zustände im Innern Rußlands sind jetzt schon überaus bedenklich, schlimmer vielleicht als in irgendeinem der in den Krieg verwickelten Lander Europas, mit einziger Ansnahme von Serbien. Die goldene Fassade des „an wirtschaftlichen Hilfsmitteln unerschöpflichen Reichs", die von geschäftigen Agenten des russischen Finanzministeriums in zehn Jahren sorgsam ausgebaut wurde, an die allmählich alle Welt zu glauben begann, gerät ins Wanken. Ihre Risse und Sprünge kann das russische Volk schon jetzt sehen, aber es tröstet sich noch mit der Zuversicht mtf den Sieg, an den es immer noch glaubt. Nirgends war es leichter, das Volk hermetisch gegen die Aufklärung' von außen abzuschließen, nirgends hat man das sorgfältiger getan als in Rußland. Die ungeheure Enttäuschung, die dem russischen Volke bevorsteht, wenn es erst die Wahrheit wenigstens zum Teil erfahren wird, kann leicht zu neuen Ausbrüchen der Verzweiflung führen, zu wahnwitziger, Zielloser Selbstzerfleichnng wie vor zehn Jahren. Dem einigermaßen vorznbeugen scheint den Hauptschuldigen jedes Mittel recht. Die russische Regierung hat gegen die Deutschen eine Hetze eingeleitet, die für die Autorität zahlloser Beamten und Ossiziere verhängnisvoll werden mußte. Sie hat durch die Mißhandlung völkerrechtlich geschützter Beamten eine zu allen Zeiten und bei jedem Volke verächtliche Schuld auf sich geladen. Sie wird den Juden gegentiber erst recht in den Mitteln wahllos sein. Methodisch schürt sie den

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