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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-28 · Heft 22 (28.5.1915) · p. Seite 254

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 22 (28.5.1915)
Date
1915-05-28
Page
Seite 254 (sequence 2)
Language
German
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254 durch die gemeinsamen Lebensbedingungen gemeinsame Merkmale ausgebildet haben, die natürlich nicht auf die Raffe zurückgehen, aber doch immerhin vorhanden sind. Sie sind es, die dann von den Rassentheoretikern immer mit Raffeneigentümlichkeiten verwechselt werden, obwohl sie unter anderen geographischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen sich natürlich ändern. Ableugnen kann man ihr Vorhandensein jedoch nicht. Dann tut aber Kautsky dem Zionismus entschieden unrecht, wenn er ihn mit der Raffentheorie stehen und fallen läßt. Denn sic hat doch in Wahrheit nur die Form der Bewegung bestimmt, während ihr Inhalt auf ganz andere Faktoren zurückgeht; und cs ist sonderbar, daß der Vertreter des historischen Materialismus nicht einmal die wirtschaftlichen und sozialen Ursachen der nationaljüdischen Bewegung zu erfaßen vermag. Freilich behandelt er dann die nach seiner Ansicht nur aus der Raffentheoric geborene Bewegung nach dem Gesichtspunkte des historischen Materialismus, und entsprechend ist seine Kritik. Aber der Fehler wird dadurch keineswegs kleiner, denn der historische Materialismus ist als Erklärungs- Prinzip für geschichtliche Erscheinungen gewiß nicht so unsinnig, aber genau so einseitig und darum falsch wie die mit Recht bespöttelte Rassentheorie. Wer über jüdische, Dinge urteilen Null, ohne den Lebenswillen und die geistige Kraft der Gemeinschaft zu untersuchen und zu beachten, sollte lieber die Finger davon lassen. Die jüdische Geschichte mit ihrem Heldentum, ihren Märtprern und Gcistesheroen ist nicht nach dem toten Schema des historischen Materialismus zerlegbar und erklärbar, sondern gerade der Idealismus, der dem Volke der Propheten eigen ist, hat sein Geschick in den entscheidenden Augenblicken geschaffen. Der Kampf um ideale Güter, diese fast phrasenhaft gewordene Wendung unserer Sprache, ist in der iüdischen Geschichte Wahrheit, und ein sorgfältiges, tieferes Studium ihrer Ergebnisse und deren Entwicklung ist sehr wohl geeignet, das Fehlerhafte der Konstruktionen des historischen Materialismus überhaupt aufzudecken. Auf rein wirtschaftlichem Gebiete, also bei äußeren Erscheinungsformen. ist es nicht verwunderlich, daß Kautsch die Scbwächen des Zionismus, wenn er ihn auch seinem Wesen nach nicht verstanden hat, mit Geschick geißelt Natürlich ist es richtig, was von gegnerischer Seite im Judentum schon oft hervorgehoben worden ist, daß die Grundlage der gesamten Palästinaarbeit verfehlt sein muß, weil sie eine Umschichtung der Berufsverteilung unter den Juden voraussetzt. Auch die Arbeiterfrage und ihre Schwierigkeiten beurteilt Kautsch keineswegs falsch, wenn er darauf hinweist, daß die Heranziehung der Jemeniten eigentlich einen Schifsbruch in dem wichtigsten Punkte bedeutet, indem damit die kapitalistischen Tendenzen kn der jüdischen Kolonisation als unüberwindlich anerkannt worden sind und andererseits die Unmöglichkeit zugegeben wurde, aus den eingewanderten Westjuden anspruchslose Landarbeiter zu machen. Auch die finanzielle Abhängigkeit vom Westen ist von ihm durchaus treffend gewürdigt worden, aber verkannt hat er darum das Wesen des Zionismus doch. Für ihn ist er eine Bewegung, die der Rassentheorie entspringt und wirtschaftlichen, allenfalls sozialen Charakter angenommen hat, er weiß aber nichts von ihren treibenden Kräften und von ihrem Ziel. Man mag vom Zionismus halten, was man will, und diese Blätter stehen gewiß nicht in dem Verdacht, der nationaljüdischen Idee allzuviel Sympathien entgegenzubringen: aber zu verkennen, daß der Zionismus einen idealen Zug hat, daß er nach den Meinungen seiner Anhänger eine Freiheitsbewegung darstellt, in der die materiellen Werte eine nur geringe Rolle spielen, ist unmöglich. Mit demselben Rechte könnte man die Lebensarbeit eines Mose und die Befreiung des Volkes Israel aus Aegypten jedes idealen Charakters entkleiden, Anderes ist aber von Kautsky eigentlich nicht zu verlangen, da er vom Wesen des Judentums ebenso wenig weiß Seine religiöse Bedeutung, seine religiöse Kraft und Hoffnungen passen gewiß nicht in Kautschs System. Aber es ist doch eine sehr naive Anschauung, wenn er das Verschwinden des Judentums von der Rassenmischung erwartet, ganz abgesehen davon, daß er kurz vorher nachgewiesen hat, daß es überhaupt längst Mischraffe ist. Es ist geradezu erstaunlich, daß ein so bedeutender Gelehrter wie Kautsky so wenig vom wirklichen Leben des Judentums, seiner Zähigkeit und seiner ungebrochenen Kraft weiß, von seinen geistigen Bewegungen, von den inneren Kämpfen, die das 19. Jahrhundert ausfüllen und die ein lebendiger Beweis für seine Zukunfts- Hoffnungen sind. Es ist um so mehr verwunderlich, daß Kautsky sich so sehr in seinen materialistischen Erklärungsprinzipien verfängt und von der Macht des Willens und der Kraft der religiösen Idee beim Judentum nichts weiß, als er noch vor wenigen Jahren in seiner „Entstehung des Christentums" sie sehr wohl zu würdigen wußte. Bestehen und Vergehen des Judentums hängt nun einmal von nichts anderem ab als von der Stärke und der Macht der religiösen Idee! Alles andere, mag es sich um wirtschaftliche Erscheinungen, um nationale Formen, um geschichtliche Ereigniffe handeln, ist dagegen gleichgültig, und was Kautsky im einzelnen angeführt haben mag, was andere Kritiker des Zionismus gegen die verschiedenen Punkte dieser Art Vorbringen, es trifft nie den Kern. Denn eine Kritik des Zionismus kann nur von seiner Stellung zum religiösen Gedanken ausgehen, die wirksame Kritik knüpft sich nur an die Tatsache, daß er eine Lösung bedeutet für die Frage der Juden heit, nicht aber für die des Juden t u m s. Vom wirklich jüdifchen Standpunkte aus hat der Zionismus ebenso wie sein anscheinend grundverschiedener Gegner, das Trotzjudenhtm, dessen jüdische Interessen sich im Gleichberechtigungskampfe erschöpfen, nur relativen Wert. Beide sind Kinder der Zeit, der Zionismus geboren aus wirtschaftlicher und seelischer Not, das Trotzjudentum aus Ungerechtigkeit und politischem Druck. Würde plötzlich der jüdischen Welt die wirkliche Gleichberechtigung geschenkt, so wären sie beide dahin, das Trotzjudcntum theoretisch, der Zionismus praktisch, das erstere, weil das Ziel, das letztere, weil das Bedürfnis mangelt. Schon aus diesem Grunde wäre übrigens eine Gleichberechtigung der Juden von Herzen zu wünschen, weil dann alles relative Judentum schwände. Selbst wenn es an Zahl verlöre, es würde an Kraft gewinnen, wenn es wieder erschiene, als was es ist, als Religion. Und Schriften wie der vorliegenden wäre jeglicher Boden entzogen, was gewiß einen Vorteil bedeuten würde. Kautskys Buch aber bleibt ein interessantes Zeitdokument, ein gefährliches allerdings, weil die Richtigkeit seines allgemeinen Teiles manchen zu falschen Schlüffen hinsichtlich des Wertes der Sonderurteile über Zionismus und Judentum verführen könnte. Das darf auch der Gegner der nationaljüdischen Idee nicht übersehen. Würde er sich dieser Schrift als Waffe gegen den Zionismus bedienen, so könnte er sehr leicht erleben, >daß sie sich gegen ihn selber wendet. Sir Woche. Berlin, den 25. Mai 1915. o ist denn auch Italien zu unseren Feinden übergegangen. Das italienische Parlament hat in seiner denkwürdigen Sitzung mit allen gegen 74 Stimmen der Regierung für den Fall eines Krieges die unbedingte Vollmacht erteilt. Damit vollzieht sich ein frevelhaftes Spiel, wie es die Weltgeschichte bisher nicht kannte, und Mar in doppelter Weife.

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