Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1915)
- Date
- 1915-05-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 22 Allgemeine Berlin, 28. Mai 1915 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnement s«P ve\s*. durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgeni. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Rasse und Judentum. Von Tr. Felix Goldmann, yilljull* Oppeln. — Die Woche. — Abraham Lewandowsky. Von N. M. Nathan. — Zu K. E. Franzos' Gedächtnis. Von Ludwig Geiger. — Tie Ehe des Hosea. Von Tr. M. Spanier, Berlin. — Die galizischeu Juden im Exil. Von A. K a. — Feuilleton: Der lange Rock. Roman von Anna Goldfchmidt. — Lesefrüchte. — Büchereinlauf. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Hamburg, Bernburg. Nürnberg, Karlsruhe i. B., Bruchsal, Prag, New Jork. — Von Nah und Fern. Nsllk und Judentum. Von Dr. F c l i x G o l d m a n n, Oppeln. „Hieronymus, nachdem cr sich eine Weile Bedacht, sprach: Die Predigt hat zwei Teile: Den einen Teil niemand verstehen kann. Den anderen aper verstehet man." n umgekehrter Reihenfolge mag das alte Wort des \ Kandidaten Jobs auch für die neue Schrift Kautschs gelten. Sie heißt „Rasse und Judentum"'). Was er über Rasse und Rassentheorien sagt, ist klar, beachtenswert und der Zustimmung sicher. Seine Ausführungen über das Judent u m aber sind im Hinblick auf die sonst so sorgfältige Art des gelehrten Forschers und auf seine ausgesprochene Abneigung gegen alles Oberflächliche der Teil, den man wirklich „nicht verstehen kann". Mit Recht hat Kautsch im Vorlvort bemerkt, daß gerade in der Kriegszeit Ausführungen über die Rassentheorie Interesse erregen werden. Auch seine Art ist die allein angebrachte und mögliche. Kautsch ist ein feiner, überlegener Spott eigen, und die Tatsachen des Krieges, die Gruppierungen der streitenden Mächte haben gewiß gelehrt, daß von einem anderen als dem lmmoristischen Standpunkte aus gewisse moderne Rassentheoretiker und ihre Dogmen heute überhaupt nicht mehr zu behandeln sind. Wenn sonst ganz ernsthafte Leute den Versuch unternommen haben, diesen Krieg, dessen Ursprung aus Fragen wirtschaftlicher Natur und aus politischem Machthunger so offenbar vor uns liegt, auf Rassengegensätze zurückzuführen, so ist es ja gewiß ergötzlich zu beobachten, zu welchen Verdrehungen der Tatsachen und zu welchen Umdeutungen aller bisher von ihnen selber anerkannten Rassengrundsätze die unentwegten Vertreter dieser Meinung kommen müssen. Aber die Tatsache bleibt bestehen, daß die Bündnispolitik, die der Weltkrieg zutage gefördert hat, die blutigste Ironie auf jede Rassentheorie bedeutet. Und das weist Kautskh mit wenigen Worten, aber ganz zwingend nach. Köstlich ist die Abferti- ') Rasse und Judentum. Von K. Kautsky. Ergünzuugsheste zur „Neuen Zeit" Nr. 20, 1914/1915. Ausgegeben am 30. Oktober 1914. Herausgegeben von der Buchhandlung Vorwärts, Paul Singer G. m. i£>. H., Berlin, für den Verlag I. H. W. Dietz Rachf. G. m. b. H., Stuttgart. gung, die der auch in jüdischen Kreisen noch immer verherrlichte Sombart erfährt, ebenso fein ist die Ironie, mit der die Apostel des Germanentums abgetan werden. Wenn Kautsky schließlich feststellt, daß heute mit dem Begriff „Rasse" jongliert wird, ohne daß auch nur einer weiß, was Rasse ist, wenn er sie das „moderne Fatum" nennt, ebenso unverständtich und unabänderlich wie das der alten heidnischen Weltanschauung, so sagt er gewiß nichts Neues, aber er hat eine sehr glückliche Form für diese wie alle anderen Feststellungen gefunden. Und wenn er als Endergebnis ausspricht, daß „a l s natürlicheR-assenmerkmale schließlichnur die Aufzeichnungen des Standesamts übrigbleibe n", so hat er mit diesem beißenden Spott die beste Charakterisierung der Theorien gegeben, die durch die Rasse und das Blut allein den Wert eines Menschen bestimmt sein lassen und individuelles Verdienst nicht anerkennen. Den zweiten Teil aber „niemand verstehen kann". Sobald Kautskh sich dem Judentum und dem Zionismus zuwendet, verläßt ihn seine wissenschaftliche Vorsicht, seine Zurückhaltung und seine Sorgfalt. Und da er überdies das Judentum nicht als lebendigen Körper, sondern als eine tote, willenlos hin und her geschobene Masse betrachtet, werden seine Urteile schon von Grund aus schief. Gewiß leitet ihn die Gabe einer guten Beobachtung. Richtig hat er die inneren Zusammenhänge erkannt, welche von den modernen Rassentheorien zur nationaljüdischen Idee hinüberführen. Ebenso treffend urteilt er, wenn er das Bemühen verspottet, körperliche Merkmale der jüdischen Rasse festzustellen, und auch das Vorhandensein geistiger konkreter Merkmale bestreitet. In dem kritischen, angeblich zersetzenden Geiste erblickt er mit vollem Rechte ein Erzeugnis der traurigen Geschichte. Kautskh ist aber insofern äußerst wenig folgerichtig, als er in der Theorie sehr wohl den Einfluß der geographischen und wirtschaftlichen Lage von.Menschengruppen für die Bildung gemeinsamer Merkmale und eines Volkscharakters gelten läßt, bei den Juden aber wieder diesen Lehrsatz nicht anerkennt. Wenn es auch im Sinne der Rassentheoretiker eine jüdische Rasse mit deutlich erkennbaren körperlichen und geistigen Merkmalen gewiß nicht gibt, so läßt sich doch zunächst nicht leugnen, daß gewisse Grundtendenzen des geistigen Lebens, wenn auch nur solche formaler Natur, der jüdischen Gemeinschaft eigen sind und daß sie sich unabhängig von der äußeren Lage überall und zu jeder Zeit Nachweisen lassen. Nur so ist es erklärlich, daß das Judentum das Volk der Religio n war und ist, wenn auch naturgemäß die äußere Form des religiösen Denkens und Empfindens und weit mehr noch der religiösen Betätigung den verschiedenen zeitlichen und örtlichen Veränderungen gemäß verschiedene Form annimmt. Des ferneren kann nicht bestritten werden, daß die Juden in ihrer weitaus großen Mehrzahl in den letzten Jahrhunderten in Mitteleuropa eine ziemlich einheitliche Masse bilden und daß sie also