Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1915)
- Date
- 1915-05-21
- Page
- Seite 252 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nein, daß ich erst durch Mama auf meine Aufgabe kommen mußte! Josua Djaloszinski muß sich menschen. Ich muß ihn erziehen, das ist meine Pflicht, mein Amt. Zu merkwürdig, wie entrückt man sich solchem jungen Mann gleich fühlt, wenn man verlobt ist. Man hat eine ganz andere Sicherheit. Beinahe mütterlich fühle ich dem ungebundenen Junggesellentum gegenüber. Ich werde mit ihm sprechen. Es ist gar kein Wunder, daß Max nichts erreichte. Eine Frau findet überzeugendere Töne — Mar ist ja mit allem gleich zufrieden —, ich aber werde fest 51t ihm sein, fest und streng. Er wird es inir einmal danken, wenn er älter und von der Marotte abgekommen sein wird. Klein-Margot hörte, daß von Djaloszinski die Rede war. Sie schmiegte sich an mich und sagte: „Herrn Djaloszinski mag ich gern. Er hat so schone, traurige Augen." Du süßes Kind, du bist doch immer unser Bestes. Wir alle reden von Kleidern, du. aber siehst dir seine Augen an. Ich mußte das Schwesterchen küssen. Nebenbei gesagt, hat sie recht, ich habe solche Augen, wie Djaloszinski hat, noch gar nicht gesehen. Den.1913. Erna wundert sich, daß ich mein Versprechen halten und den Sonnabendspaziergang mitmachen will. Sie weiß ja nicht, daß ich eine Mission habe. Im allgemeinen stehe ich mich jetzt ganz gut mit Erna. Ich bin nun so ganz liors de concours als verlobte Schwester. Erna braucht Platz, sie kann es nicht haben, wenn noch eine zweite da ist, die auch nicht ganz übersehen wird. Auch Mama ist selig, daß sie sich nun Erna allein widmen und stundenlang mit ihr überlegen kann, wie sie zur Ressource frisiert gehen und was für eine Farbe Band sie tragen soll. Wenn ich mal frage: „Mama, was ziehe ich wohl an(" sagt sic: „Was du willst, mein Kind." Gewährend, nachgiebig, gleichgültig. Es kommt gar nicht mehr daraus an. Mit mir ist sie fein heraus. Schließlich ist man doch noch nicht keine vierzig, wenn man verlobt ist. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — D i e S e e l e n h y g l e n e d e s Maimonides. Auszug aus dem dritten Kapitel des diätetischen Sendschreibens des Maimonides all den Sultan Al malik Alafdhal (ca. 1198). Zum erstenmal nach einer Oxforder arabischen und Münchener hebräischen Handschrift herausgegeben, übersetzt und kritisch beleuchtet von Rabbiner Dr. Krone r, Oberdorf-Bopfingen. Stuttgarter Ausstellung der Gesundheitspflege. Sommer 1914. Verlag von I. Kaufsmann, Frankfurt a. M. Preis 1,20 Mark. Ter Sultan Al malik Alafdhal, an den Maimonides, der große jüdische Theologe, Philosoph und Arzt, sein Sendschreiben gerichtet hat, loar ein Sohn Saladins, und in diesem Sendschreiben hat Maimonides dem an Melancholie leidenden Fürsten nicht nur eine Anleitung zur Hebung seines gesunkenen Gesundheitszustandes gegeben, sondern überhaupt eine allgemeine Gesundheitslehre aufgestellt, der bis in unsere Tage eine große Bedeutung beizmnessen ist. Insbesondere hat er eingehend die Frage untersucht, wie der Mensch seine Seele gesund erhalten kann. Der Arzt kann darauf einwirken, indem er die seelischen Bewegungen seines Kranken im Auge behält und zu erforschen sucht. Ter erste Grulldjatz der Seeleuhygiene des Menschen, sowohl des gesunden wie des tranken, ist, daß man sucht, die seelischen Bewegungen im Gleichgewicht zu halten. Dann ist oft gar keine andere Behandlung nötig. Je mehr mau sich in geistige Schulung nimnit, um so weniger wird man durch die Wechselsülle des Glücks oder Unglücks außer Fassung kommen. Maimonides stellt dabei die paradoxe Behauptung auf, daß im allgemeinen meistens das, was das Publikum für Glück hält, in Wahrheit ein Unglück ist, und meistens das, was man für ein Unglück hält, in Wirklichkeit ein Glück ist. Man soll auch nicht zu viel sorgen: denn alles, was den Menschen treffen kann, liegt im Bereiche der Möglichkeit; es kann eintresfen und kann nicht eh treffen. Ebenso wie man sorgt und klagt, es könnte etwas Böses eii treten, ebenso soll man sich dem Vertrauen und der Hoffnung, da das Gute geschehen wird, hingeben; denn bei diesem Vertrauen tri. vielleicht wirklich von den beiden Möglichkeiten das Glückbringeui ein, also das Gegenteil dessen, was man befürchtet.' (Von vielen Sorg; erfüllten in dem jetzigen Kriege wohl zu beachten!) Menschen, die niedergedrückt sind m\b eine Störung ihres seelisch Gleichgewichts erfahren haben, soll der Arzt mit der Philosophie de Gleichmuts erfüllen und damit der kranken Seele neue Lebenskraft eir hauchen. Der Arzt soll, nach Maimonides, ebensoviel Seeleuarz Weiser und Philosoph sein wie Kenner der Organe, ihrer Verändern, gen und ihrer Behandlung. Charakteristisch für diese Auffassung; die Tatsache, daß im Arabischen, dessen geistige Atmosphäre sich b Maimonides stets getreu widerspiegelt, mit „Hakim", „Weiser schlechthin der Arzt bezeichnet wird. Die Seelenruhe des Menschen ist aber auch eine Forderung ui ein Ziel seiner Charakterbildung. „Erziehe dich beharrlich und syst matisch zur Tugend der Unerschütterlichkeit deines Seeleninnern, d. gegne allen Gestaltungen des Lebens mit dem philosophisch einstudieten und gut geschulten Gefühl der Immunität gegen alle Versuch, oein Innerstes irgendwie zu alterieren, das ist die Aufgabe deine Selbstoervollkommnung", dieses ist die Lebensvorschrift des Mainu nides. Er ist auch von zuversichtlicher und glücklicher Weltstimmun erfüllt in der Gewißheit, daß ein höheres Denken alles Menschliä nach den Grundsätzen der Güte und der Liebe ordnet. Der Grundti seiner harmonisch gestimmten, den inneren Seelenfrieden verkündend. Weltanschauung aber ist Religion, der felsenfeste Glaube an eine höhe! sittliche Weltordnung. Darin überragt Maimonides die griechisch Philosophie, darin besteht auch der ausgesprochene Optimismus sein-. Lebensauffassung. Der Versasser hat in seiner Schrift (die auch eine Probe aus dehebräischen und arabischen Texte der Abhandlung des Afdhals! Gegenüberstellung enthält) in trefflicher Weise ein Stück der Rel gionsphilosophi-e des Maimonides entwickelt und gezeigt, daß ihr schönsten Wesenszüge die universellen Gedanken: Liebe zu Gott, Lieb zur Wahrheit, Liebe zur gesunden, vernünftigen und Willensstärke! Menschheit sind. Wer diese besitzt, meint Maimonides, kennt auch da Geheimnis der wahren Seelenhygiene. Die lesenswerte Schrift ist als ein wertvoller Beitrag zur Kenutni des großen jüdischen Religionsphilosophen und Arztes Maimouide und seiner noch jetzt bedeutungsvollen Lehren bestens zu empfehle! Sanitätsrat Dr. Scherbel, Lissa i. P. * — Jonas Kreppet, D e r Weltkrieg und die I u d e n f r a g e Preis 1 Krone. Wien, 1915. Verlag: Redaktion „Der Tag", Krakau Wien. Druck- und Verlagsanstalt „Melantrich", IX., Pramergasse < Es ist sicherlich noch etwas verfrüht, ein so umfassendes Thema zu behandeln, wie es die Einwirkung des Weltkrieges auf die Judenfrag darstellt, denn es ist noch alles im Fluß, und die meisten Fragen firn" noch gar nicht zu übersehen. Auch ist eine kurze Broschüre nicht dageeignete Mittel, um so schwerwiegende Probleme zu untersuche!' weil Oberflächlichkeit und Flüchtigkeit zu manchen falschen Urteile: verleiten, die der Sache sehr zu schaden vermögen. Dennoch hat sie aber der Versasser ein gewisses Verdienst erworben, indem er wenigste!! kurz auf das Auftauchen so vieler Probleme hingewiesen hat. Sein Urteile zeichnen sich allerdings durch einen solchen Optimismus am daß man ihn geradezu als naiv bezeichnen kann, so wenn er sich folgen den Satz leistet: „Rach dem gegenwärtigen Weltkrieg dürste die Juden frage in Oesterreich, Ungarn und Deutschland zu existieren aufhören. Andere Anschauungen verraten kein besonders tiefes Verständnis, ji wenn er den gesamten Antisemitismus der Welt einzig und allein au die schmähliche Behandlung der Juden in Rußland zurückführt inu von der Unterdrückung Rußlands das Ende des Judenhasses erwartet. Die Grundtendenz des Büchleins ist aber richtig, daß nämlich etwm mehr Freiheit den Millionen so schwer bedrängter und verfolgter Ost juden nach einem Siege der beiden Zentralnrächte Europas bescher sein würde, und da der Reinertrag zu einem sehr wohltätigen Zwecke nämlich für die jüdischen Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina bestimmt ist, sei der Schrift Verbreitung und Erfolg gewünscht. Goldmann.