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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-21 · Heft 21 (21.5.1915) · p. Seite 251

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 21 (21.5.1915)
Date
1915-05-21
Page
Seite 251 (sequence 11)
Language
German
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251 „Herr Djalo — Djalo — wie war doch der werte Name?" L ie stotterte hilflos bei der Vorstellung, obgleich uns der Name zufällig sehr geläufig ist. Wir hatten jahrelang eine Mieterin, k> e so hieß. Aber Knolls mußten doch sehen, wie fremd uns r Name war. Max war lieb und herzlich zu dem sonderbaren (' aft und zog ihn gleich mit in die andere Fensterecke, so daß wir zwei Parteien bildeten: das Brautpaar, Djaloszinski und 1 argvtle die eine; die Meinen mit Knolls dort im Erker die widere. — Ich hörte von der anderen herüber Mama leise Erl nungen stammeln von „so mancherlei Beziehungen, die so imi ärztlicher Beruf mit sich bringt", und dann erzählte sie laut »ad bewegt von einem kleinen Zug rührender Dankbarkeit bei t uer biederen Holzhackerfamilie. Und Djaloszinski, nun zum; ueitenmal der Gegenstand so heilloser Verlegenheit, sah die . idere Partei gar nicht, er sah nur Max, und eine tiefe eundeswärme sprach aus seinen Augen. „Ich war schon in deiner Wohnung." Max lachte hell und fröhlich auf. „Ich soll allein auf reiner Bude sitzen, wenn ich bei so einem Wesen sein kann?!" I »d er wurde schon wieder zu zärtlich. Das muß er sich noch > 'gewöhnen, diese Zärtlichkeiten vor den Leuten. Ich weiß nicht,! > ich so etwas sagte. Aber der Gast zog die Brauen hoch — i n sonderbares Hochziehen der Brauen hat er, wenn ihn etwas i gert oder erschreckt, — und sagte: „Seit wann heißt du Max?" Max lachte leicht auf. „Co que komme vout — es gefällt; r sv besser." Ich mußte lachen, wie unverhüllt abfällig, wie ungalant l delnd das Gesicht seines Freundes wurde. So ein Salon i,ht nicht viel ehrliche Worte und aufrichtige Mienen, darum i irkt eine offenkundig gezeigte Ansicht beinahe lachhaft komisch. Die beiden tauschten bald Jugenderinnerungen aus, Schul- ' reiche wurden erzählt, lustige Klassenvorkommnisse und Witze - >er Lehrer nochmal belacht, — mein Max scheint ein großer . trick gewesen zu sein in seiner Jugend. Djaloszinskis Gesicht wird sonderbar liebenswürdig, wenn einmal eine leichte Fröh-; chkeit das Verkümmerte und Wehmütige daraus verwischt. 'ax lachte immer schallend auf. Ich glaube, Mama verging i ild vor Angst über so viel harmlose Heiterkeit in so vor-?hmer Gegenwart und über den vertraulichen Ton mit dem .mgrock. Knolls gingen auch sehr bald. Mama und Erna i gleiteten sie hinaus und kamen dann nicht wieder zum Vor- > iieht, so lange Max' Freund da war. Aber das ist mir erst > ntterher ausgefallen, als er ebenfalls Weggehen wollte und sich nicht von ihnen verabschieden konnte. Wir hatten, ohne es zu > lerken, eine halbe Stunde verplaudert. Als er fortging und i .jux auf der Diele schon wieder andere Gäste begegneten, siel - ür erst wieder aus, daß er einen langen Rock trägt und einen . udenbart. Im Zimmer allein, ohne Knolls und ohne die - uderen, hat er den gar nicht gehabt. Max war ganz selig, daß ich nicht abfällig über seinen merkwürdigen Freund, an dem er riesig zu hängen scheint, -'teilte. Sie gehen regelmäßig jeden Sonnabend zusammen azieren. Sie haben sich die Stunde festgesetzt, weil sie sich ■ itft manchmal wochenlang nicht zu sehen bekämen, so knapp i ihre Zeit. Auch an den festgelegten Nachmittagen ist mein iax noch oft verhindert. Bei einem beschäftigten Arzt kommt leicht etwas dazwischen. Herr Djaloszinski hat nur einen «bedeutenden Posten an der Diskontobank, aber Max sagt, ' - arbeite halbe Nächte lang für den Verein, in dem er Vorhand ist. Als ich meinte: „Die Spaziergänge dürfen durch mich nicht ushören. Ich gehe mit," konnte Max sich gar nicht lassen vor eligkeit. „Daran sehe ich so recht, daß du nicht oberflächlich bist, iebling. Du siehst auf den Mann und nicht auf den Rock." „O nein", sagte ich lachend, „ich sehe auch auf den Rock. Auf den Rock muß man sehen. Wie kann ein gebildeter Mann, der deutsche Schulen besucht hat — du sagst, er habe viel gelernt und sei unendlich strebsam —, so gehen in heutiger Zeit? Die Kleidung ist ja das reinste Kainszeichen." Mein Maxel zuckte leicht zusammen bei dem Kainszeichen. „Hat er denn gar nicht unter dem Hohn der Mitschüler zu leiden gehabt, als er hi dem Internat so umherging?" „Damals ging er nicht so." „Damals ging er nicht so? und heute tut er es? Er war also schon davon frei? Entwickelt der sich rückwärts?" Max schien das Gespräch nicht angenehm zu sein. „Das — liegt wohl tiefer," sagte er zögernd, etwas beengt. Aber ich war zu entsetzt. Schließlich ist Djaloszinski Max' Freund, er braucht ihn nicht durch sein Aussehen zu blamieren und sich auch nicht. „Wie kannst du das zugeben, Schatz?" eiferte ich. „Sv viel Einfluß müßtest du doch haben. Warum sagst du nicht: „Wenn du dich nicht menschlich kleidest, gehe ich nicht mit dir." Er zuckte die Achseln! „Eigene Angelegenheit des Empfängers. — Wie es meine Freunde machen, ist es mir recht." Siehst du, mein Max, da habe ich dich ganz und gar. Dieses Wort kennzeichnet dich, es schöpft dich aus. „Wie es meine Freunde machen, ist es mir recht." Damit ist ja denn auch meine ganze Lebensbahn vorgezeichnet, ich selbst erledigt. Wie ich es mache, ist es dir nun recht. Du bewunderst alles an mir. Erst hast du vielleicht überlegt — denn eigentlich kanntest öu mich doch schon ziemlich lange, ehe du um mich anhieltest aber dann, als du dich entschlossen hattest, war ich das vollkommenste Wesen, daS es gibt. Wenn wir Juden das Volk der Kritik sind, du, mein Max, hast nichts mitbekommen von dem Stammeserbe. Du wirst es mir einmal bequem und schön machen, du bist ein herzensguter Mensch. Ist es mir denn nun aber recht, daß du immer so zufrieden bist? Es weckt den Ehrgeiz nicht. Freilich, wenn Papa oder Mama schelten oder Erna ewig an mir herumnörgelt, das kann ich auch nicht haben. Ich bin halt nie zufrieden. Den.1913. Was hat Mama wohl gestern durchgemacht, als sie bei Tisch liebenswürdig sein mußte und sich nicht über Djaloszinskis Besuch ausschimpfen konnte! Ja, ja, Schwiegermutter sein ist nicht leicht. Mama schnitt mit verkniffenem Gesicht beit Braten auf, und Papa aß stumm in sich hinein. Das tut er i in solchen Fällen immer, denn er weiß, bei nichts und bei niei mand explodiert Mama so leicht wie bei einem Wort von ihm. Max merkte von der Mißstimmung, die am Tisch herrschte, gar nichts, sondern poussierte mich und schwärmte für seinen Josua immer harmlos weiter. Heute früh sagte Mama zu mir: „Kind, es ist ja sehr klug von dir (merkwürdig, seit ich verlobt bin, ist alles „sehr klug" von mir), daß du deinem Bräutigam recht gibst. Erst dem Manne recht geben und dann doch tun, was man Ivill, ist das einzig Richtige. (Ich dächte, Mamachen, zu dem Umweg hättest du dich nie erst bemüht; hast du Papa schon je recht gegeben?) Aber den Ton des Hauses bestimmt die Frau. Solches Judenpack wie den — den Djalo —" „Djaloszinski, Mama, wir kennen ja den Namen." „Nun ja, also, den Djaloszinski gewöhnst du dir nicht ins Haus, gleich von vornherein nicht." „Mama, meines Max' Freunde werden selbstverständlich bei uns verkehren." „Auch, wenn sie lange Röcke tragen?" „Beruhige dich", sagte ich lächelnd, und auf einmal, in dem Augenblick, sah ich meine Mission klar vorgezeichnet. „Beruhige dich, sie werden keine langen Röcke tragen. Das werde ich ihnen abgewöhnen."

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