Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1915)
- Date
- 1915-05-21
- Page
- Seite 250 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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250 Frsnrrs fiülpr: Vrr King '. Besprochen von Ludwig Geiger. as einzige, das ich an diesem prächtigen Buche ernstlich z» tadeln habe, ist der Titel. Denn ein Titel soll nicht bedeutungslos sein, sondern er soll, sofern er sich nicht damit begnügt, einfach die Hauptperson zu nennen, deren Geschicke erzählt werden, Wesen lind Inhalt des Romans andenten. Das tut aber die Aufschrift dieses Buches nicht. Denn es handelt sich in ihm nicht etwa um einen Ring, sondern der Titel ist symbolisch zu erklären; gemeint ist der Ring des Lebens, das Aufschreiten zur Vollkommenheit und zum Abschluß des Daseins. Die Personen, die in diesem Werke auftreten, sind uns ebenso bekannt wie der Schauplatz. Frances Külpes Romane, von denen ich wiederholt in diesen Blättern gesprochen habe, spielen in Rußland und haben es, wenn auch nicht ausschließlich, mit Deutschrussen zu tun. Heinz Stürmer, der sich von seinen Geschäften zurückgezogen hat und ein großes Gut verwaltet, ebenso wie Janina, eine Freundin seiner verstorbenen Frau, die ihm seit Jahren das Haus führt, seine Tochter Jngeborg, die aus der Ehe mit der verklärten Frau stammt, und sein Sohn Heino, der aus einer früheren Verbindung hervorgegangen ist — lauter Personen, die uns aus früheren Romanen der Verfasserin bekannt sind, ziehen an uns vorüber, so daß dieser Band eine Fortsetzung der früheren Werke bildet, obgleich er ein in sich abgeschlossenes Ganzes ist. Aber die Geschichte, die uns hier erzählt wird, geht nicht ausschließlich, ja nicht einmal hauptsächlich zwischen den Menschen vor, die eben genannt sind, vielmehr ist es die Verklärung Stürmers zu immer höherem Menschentum, die Vermählung der Tochter Jngeborg und ihr Tod, endlich Heinos Heirat, die den Hculptinhalt des Werkes ausmachen. Stürmer ist ein Mensch von einem Idealismus, einer Entsagung, einer Ruhe, die fast das Menschliche übersteigt. Er kennt keine Aufregung, keinen Schmerz, bei ihm ist alles verklärt zur höchsten Weisheit, zu einem fast göttlichen Zustand. Sein Erscheinen, sein Reden und Tun bändigt das Gemeine; das Niedrige hat keinen Platz bei ihm. Er ist Human, edel, die inkarnierte Güte. Jngeborg entwickelt sich gleichfalls zu einem fast engelgleichen Wesen. Bei ihr war freilich Platz zu einer solchen Entwicklung, denn sie war früher eigenwillig, selbstsüchtig, liebeleer. Ihre Ehe mit einem jungen sportlustigen Adligen, Fred, den sie ohne Liebe heiratet und nach einer ein paar Jahre währenden Verbindung verliert, ist nicht eben glücklich; sie bringt zwei Kinder zur Welt und stirbt nach längerem Siechtuin. Aber gerade während ihres Krankenlagers lernt sie die große Liebe zu den Menschen kennen, ist ihren Kindern eine treue Mutter, versöhnt die adelsstolze Schwiegermutter, die sich in die Ehe, die sie als eine Entfrenrdung von ihrem Sohn betrachtet, nicht hatte finden können, lebt innig init ihrem Bruder zusammen und gewinnt, freilich erst spät, die richtige Anschauung von dem großartigen Wesen ihres Vaters. Auch Heino, der, wie wir aus einem früheren Roman wissen, seinen kleinen Halbbruder ins Wasser gestoßen hatte, der aber durch ein kräftiges rauhes Leben zum Manne herangereift ist, wird, teilweise durch Jngeborgs Vorbild geadelt, ein tüchtiger Seemann, nach früheren unsittlichen Abenteuern ein sittlicher Mensch und schließlich ein glücklicher Ehemann. Dieses Wunder wird aber nicht allein durch die Schwester erwirkt, sondern durch ein Judenmädchen, das neben den bisher genannten Personen die eigentliche Heldin des Romans ist, und an der alles poetisch ist außer ihrem Namen. Sie h Roman, München, Leipzig 1915, bei Georg Müller. heißt Jessicha Leib. Dieses Mädchen lebt zuerst mit ihren, Großvater und ihrer Mutter in einem kleinen Dorf, ist du, Nachstellungen roher Burschen ausgesetzt, wird ihnen abr entzogen dadurch, daß Stürmer sie auf seinem Gute Baltisch)! aufnimmt. Dort entwickelt sie sich nicht nur zu einer her lichen Schönheit, sondern zu einem wahrhaft großartig!!> Wesen. Sie zwingt selbst Jngeborg in ihren Bann. C u schlägt einen reichen, alten jüdischen Bewerber aus, kehrt fi v eine kurze Zeit in ihr Heimatsdorf zurück, wird aber nach de u Tode des Großvaters und der Mutter für die Dauer fast < n Kindesstatt von Stürmer ausgenommen. Während ihres A, ienthalts in Baluschka und später, da sie mit ihren Hav genossen auf dem Gute Freds weilt, weist sie zwei Heirat anträge zurück: den eines wackeren Arztes, eines Jugev - genossen Stürmers, und den eines alten, im Leben viel herui^ geworfenen Obersten, denn ihre zarte und keusche Liebe t Heino gewidmet. Ihn weiß sie zu einem vollkommen, Menschen zu machen. Durch ihre Mahnungen bewogen, bereit dieser seine verwegenen Liebesabenteuer, spürt, da er no > einmal, und zwar zum letztenmal auf eine große Seerei? sich begibt, ein Kind auf, das er im fernen Osten erzeugt ha sendet es seinem Vater zur Pflege und, da er heimgekehrt i zum Verwalter des Gutes seines verstorbenen Schwagers b, rufen, vermählt er sich mit Jessicha. Die Schilderung dies: jüdischen, über das gewöhnliche Menschenmaß hinausgehe den Frauencharakters ist von außerordentlicher Schönhc und gerade die Leser dieses Blattes dürfen sich dieser prächtig!! Leistung freuen. Freilich, das eine muß hervorgehoben werden. Man n,i : fragen, ob es so vollkommene Wesen wie Jessicha, Janiu .. Stürmer wirklich im Leben gibt. Man kann zweifeln, ob •- möglich ist, daß in Rußland eine Jüdin, die wenigstens > diesem Roman strenge Jüdin bleibt, selbst von einem so hoe stehenden, auch bei den Behörden beliebten Manne wie Stü mer, ohne weiteres in sein Haus ausgenommen und behalte > werden kann. Man kann bei den nicht eben salbungsvolle! sondern von Hoheit und sittlicher Erhabenheit erfüllten Rede Stürmers das Bedenken nicht unterdrücken, daß derartig. Aussprüche in unserer poesielosen nüchternen Zeit mindeste!! zu den allergrößten Seltenheiten gehören. Aber trotz alle»! Man liest das Buch mit Vergnügen, Erbauung und Erhebuin und ist entzückt über den Adel der Gesinnung, die vvl kommene Humanität, die vornehme Sprache, die in ihn herrscht. Wir von unserem Standpunkt aus haben die Ve? fasserin warm zu beglückwünschen und ihr zu danken, daß fv eine solche prächtige jüdische Gestalt geschaffen hat. Der lange Kack. Roman von Anna Goldschmidt. (2. Fortsetzung.) ber zurück zu heute früh! Wir sitzen also alle steif da, di ^\, Unterhaltung schleppt sich gequält dahin, Knolls mar kieren noch nicht einmal Herzlichkeit, ihr ganzes Wesen drüa> aus: „wir lassen uns herab zu einer Höflichkeit, mehr aber nid) Ein Abstand muß bleiben" — da geht die Tür aus, und gc leitet von Margotle, kommt — Tableau! — Josua Djaloszinsl! herein, Josua Djaloszinski mit dem langen Rock und den Gelehrtenbart. Es war wie eine Revolution dort in der Sofa gegend. Ernas blaue Augen schossen Blitze vor Schreck uni Aerger — sie lachte heute gar nicht —, Mama war wie mn Blut übergossen.