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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-21 · Heft 21 (21.5.1915) · p. Seite 247

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 21 (21.5.1915)
Date
1915-05-21
Page
Seite 247 (sequence 7)
Language
German
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247 ziehen; denn groß ist der Tag Jisreels. „Nennt dann eure Brüder Ammi und eure Schwestern Ruchama." Kap. 2, 4—22. Dieses Stück wird nur verständlich, wenn man die uralte Anschauung kennt, daß das Land die Frau des Gottes, des Befruchtenden, des Ehemannes, des Baal ist. Wenn hier also von der Muter gesprochen wird, so ist in erster Linie das Land, sie Mutter des Volkes, der Landeskinder, gemeint; wenn das Land den wahren Gott, der Wachstum und Gedeihen schenkt, nicht anbetet, sondern anderen vermeintlichen Segenspendern verehrend nachläuft, so treibt es Ehebruch und Buhlerei. Es kommt noch hinzu, daß der Kult der Landesgottheiten, dieser Kult der Fruchtbarkeit, mit einer sakralen Prostitution verknüpft war, die der altisraelitischen Anschauung als widerwärtigste Unsittlichkeit erschien, gegen deren Eindringen und Verbreitung die Prophetie mit ihren schärfsten Waffen sich wenden mußte. In der Vergleichung werden die Begriffe Land und Volk natürlich nicht immer scharf auseinandergehalten. Hadert mit eurer Mutter, denn sie ist nicht mein Weib und ich bin nicht ihr Mann, sie soll ihre Buhlerei und ihren Ehebruch fortschafsen, damit ich sie nicht nackt hinstelle, wie am Tage ihrer Geburt — sie zur Wüste mache und wie dürres Land hinstelle und durch Durst töte. „Und ihrer Kinder erbarme ich mich nicht, denn es sind Kinder der Buhlerei (b'ne snunim). Ihre Mutter hat gebuhlt. Sie sprach: Ich will meinen Liebhabern nachgehen, die mir Brot, Wasser, Wolle, Linnen, Oel und Getränke geben. Aber ich werde ihr den Weg durch Dornen und Mauern verlegen; sie wird ihre Liebhaber nicht mehr finden. Dann spricht sie: Ich will zu meinem ersten Manne zurückkehren, damals war mir wohler. Sie wußte nämlich nicht, daß i ch ihr Getreide, Most und Oel, Silber und Gold gegeben habe, das sie zum Baal gemacht hat. Deshalb nehme j ich wieder den rechtzeitigen Wuchs des Getreides und den Most? und entziehe ihr Wolle und Flachs, decke ihre Schande auf vor ihren Liebhabern, und was sie freute, laß ich aufhören: ihre Feste, Neumonde, Sabbate und alle Festzeiten. Weinstock und Feigenbaum — sie hielt's für ihren Buhlerlohn — werden verwüstet und zur Wildnis und zum Fraß der Tiere werden. So will ich die Tage der Baalim, denen sie geräuchert, an ihr ahnden, da sie sich schmückte und ihren Liebhabern nachging und mich vergaß. Darum locke ich sie, führe sie in die Wüste! und rede ihr zu Herzen. Ich gebe ihr ihre Weinberge von dort, j und das Tal der Trübsal wird zur Pforte der Hoffnung, und sie wird singen wie in den Tagen ihrer Jugend, da sie aus dem Lande Aegypten heraufzog. Dann nennt sie mich „ischi" und nicht mehr „baali", denn der Namen der Baalim wird nicht mehr gedacht. Ein Bund wird für sie geschlossen mit Wild, Geflügel und Gewürm, der Krieg wird im Lande aufhören, und sie werden in Sicherheit wohnen." Es folgt nun der wundervolle Verlobungsspruch, in dem Gott als die Brautgeschenke nennt: Gerechtigkeit, Recht, Liebe und Erbarmen, Treue und Gotteserkenntnis. Das sind die Bindemittel dauernder Vereinigung von Israel und Gott. Man hat zu unterscheiden versucht zwischen dem, was Gott gewährt, und was Israel leisten muß. Das ist unangebracht: Gott gewährt alles, auch das, was der Mensch leistet. (Aehnlich wie im Psalm 72: Gott, verleihe deine Rechte dem Könige und deine Gerechtigkeit dem Königssohne; Er richte dein Volk nach dem Recht und deine Gebeugten nach Gebühr.) Kap. 2, 23—25. Die friedliche Zukunftsharmonie in der Natur, nochmalige Nmdeutung der Namen: Ich säe sie ein im Lande (Jisreel), ich > erbarme mich der Lo Ruchama und spreche zu Lo Ammi: mein Volk bist du — und es wird sprechen: mein Gott. Die Allegorie dieses Kapitels ist so handgreiflich und bis in alle Einzelheiten deutlich: die Anbetung der Landesgottheiten, der sruchtspend enden Baalim, die Verkennung des wirklichen Segenspenders, die Androhung der Verwüstung des Landes, der Hinweis auf die Geschichte des Volkes, das schon einmal in der Wüste seinen Gott gesunden hat — daß dieses Kapitel von fast allen modernen Exegeten auf Gottes Verhältnis zu Israel und nur auf dieses Verhältnis bezogen wird. Kap. 3. Geh abermals und liebe ein Weib, das von andern geliebt und ehebrecherisch ist, gleichwie der Ewige die Kinder Israels liebt, indessen sie sich anderen Göttern zuwenden und Traubenkuchen lieben. Da kaufte (eigentlich mietete) ich sie mir um 15 Silberstücke, ein Chomer Gerste und ein Lessech Gerste. Und ich sprach zu ihr: Lange Zeit wirst du bei mir bleiben, nicht buhlen und keinem Manne angehören, und so werde ich dir gegenüber sein; denn lange Zeit werden die Kinder Israels bleiben ohne König, ohne Fürst, ohne Opfer und Mazzeba, ohne Ephod und Teraphim. In diesem Kapitel soll der Prophet abermals auf seine häuslichen Erlebnisse zurückgreifen: er kann von dem Weibe, das ihm entlaufen, nicht lassen, er will sie zur Treue erziehen. Aber das ist eine haltlose Kombination. Es ist keine einzige Anspielung im Text enthalten, daß es sich um Gomer handelt; es wird von den Kindern dieser Ehe nichts erwähnt, es wird kein Wort von der Entfernung der Gomer gesagt. Das Rückkäufen einer entlaufenen Ehebrecherin wäre etwas ganz Unerhörtes und bis zum Komischen seltsam die Art der Erziehung zur ehelichen Treue. Dem Propheten hat vielmehr nur der Gedanke vorgeschwebt, den er allegorisch umkleidet, das sündhafte Israel wird noch einmal von allen verlassen, auch von seinem eigenen Gott; das Zumherzenreden in der Wüste hört auf, nur die strengste Strafe soll wirken, gewissermaßen ein völliges religiöses Interdikt. Man wird an jenes furchtbare Wort des Amos (8, 11—13) erinnert: „Siehe, Tage kommen, spricht Gott der Herr, da sende ich Hungersnot ins Land, nicht Hunger nach Brot und nicht Durst nach Wasser, sondern zu hören die Worte Gottes. Und sie werden umherschweifen von Meer zu Meer und von Norden nach Osten, sie werden umherschweifen, das Wort Gottes zu suchen — und werden es nicht finden!" Man hat gesagt, bei der allegorischen Auffassung dieses Kapitels und bei dem Abweisen der Meinung, daß es sich um Gomer handele, bleibe die Schwierigkeit. Denn dann werde doch durch zwei Personen der Allegorie das eine Volk Israel dargestellt. Darauf ist zu erwidern: Zum Bilde gehört nur der Typus des untreuen Weibes, auf die Individualität kommt es dabei gar nicht an. Dann aber ist ja auch ein Volk keine unveränderliche Einheit. Nicht nur die Geschlechter kommen und gehen, auch die Meinungen und Bestrebungen wechseln, und in der lebendigen Anschauung des Propheten, ja auch in seinem Bestreben, die Aufmerksamkeit des Hörers zu steigern, ist genug Anlaß gegeben, im Bilde zu wechseln. Die Form des Stückes, in dem auf die allegorische Handlung sogleich die Begründung folgt, zeigt, daß es sich um ein Gleichnis handelt. Der Orientale wie überhaupt jedes Volk im Kindheitsalter der Entwicklung hat eine starke Abneigung gegen jede Abstraktion. Wenn der Gedanke eindringlich wirken soll, muß er bildhaft gemacht und sinnlich durchlebt werden. Wie umständlich veranschaulicht z. B. Ezechiel den einfachen Gedanken, daß Israel und Juda noch einmal vereinigt werden sollen. Er nimmt zwei Hölzer, schreibt auf das eine den Namen Joseph, auf das andere Juda und fügt die beiden Hölzer zusammen:

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