Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1915)
- Date
- 1915-05-21
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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246 nationalen Auseinandersetzung. Eine einheitliche, geschlossene Arbeiterbewegung ist nicht herangewachsen, natürlich wieder wegen der russischen SXmiti, die nichts Derartiges zuließ und bestenfalls die Nationalitäten einzeln zu Worte kommen ließ. Ein Scherzwort, der „Berliner Börsen-Zeitung" entnonunen, mag diese Uebersicht beschließen. Es lautet: Zwei Mächtige. Zn unseren Gefangenenlagern wird den Insassen oft Gelegenheit gegeben, ihren bürgerlichen Beruf ausznüben. Tischler, Maurer, Buchbinder und viele andere werden nach ihren Fälpgkeiten und Kenntnissen beschäftigt. So ist es auch einem kleinen j ü di sche n Barbier mt§* dein tiefsten Russisch-Polen erlaubt, seine Kunst auszuüben. Mitunter tominen chm sogar die Ntannschaften mi.d Offiziere der Wachkolinnandos iinter die Hände. Wie alle Barbiere, ist er sehr gesprächig und freut sich, wenn ein Kunde ihn einer Anrede würdigt. Da fragte iienlich einer der deutschen Herren, den er einseifte: „Sagen Sie mal, der Zar ist doch eigentlich ein guter Mann. Sein Aufruf an die Juden war doch sicher ehrlich gemeint?" Der Barbier hielt mit Einseisen inne, zog die Schultern in die Höhe und sagte: „Der Zar ist ein sehr guter Mann, aber, sehen Sie, lieber Herr, er hat nebbich in Rußland so viel zu sagen, loie — nu, wie ich hier im Gefangenenlager." Vir l£l>f Des hosrg. Von Dr. M. Spanier, Berlin. Ueber die äußere und innere Geschichte der Ehe des Prvphetcn Hosea sind wir — so hat es wenigstens den Anschein — außerordentlich genau orientiert. In den vielen popnlären Darstellungen des Prophetismus, die wir der protestantischen Theologie zu verdanken haben, findet man in mehr oder weniger breiter Darstellung die einzelnen Phasen der unglücklichen Ehe geschildert. Gustav Hölscher sagt in seinen „Propheten", Untersuchungen zur Religionsgeschichte Israels, Leipzig 1914, S. 210: „Mit Recht sind heute säst alle Forscher einig in der Ablehnung der allegorischen Deutung der Erzählung", und es klingt fast unwillig, wenn er in einer kleinen Anmerkung zugeben muß: „Neuerdings wird diese wieder von Greßmann (Schriften des Alten Testaments", T. 362 s.) vertreten." „Man faßt die Ehegeschichte" — so sagt P. Bolz in seiner Abhandlung „Die Ehegeschichte Hoseas" (Zeitsch. f. wissensch. Theologie" 41,321 ff.)—„gegenwärtig meift foauf: Der Prophet heiratet die Gomer aus eigenem Trieb oder auf Befehl Jahwes, als sie in seinen Augen noch untadelig war. Später brach sie ihm die Ehe und ging davon. Im schmerzlichen Nachsinnen über diese Erfahrung kommt dem Propheten der Trost, daß es von Jahwe so geordnet war, damit ihm Jahwes Verhältnis zu Israel und Israels Verhalten zu Jahwe an der eigenen Person deutlich werde. Dieser Eindruck gab den Worten Kap. 1, 2 die Form, in der wir sie haben. Der Prophet kann nun aber von der Liebe zu der Gefallenen und Entwichenen nicht lassen, und dadurch (sowie durch weitere Offenbarungen Jahwes) erwächst ihm der Glaube, daß auch Jahwe von der Liebe zu dem rintreuen Israel nicht abstehen und sein Volk nicht verwerfen könne. So nimmt er denn aus Liebe und zugleich im Auftrag und in Abbildung Jahwes sein ehemaliges Weib ivieder an, um es durch Züchtigung zur Besserung zu führen. Aus diesem ehelichen Verhältnis gewinnt der Prophet für das Verhältnis zwischen Jahwe und Israel das Bild der Ehegemeinschaft, und dieses Bild drang von Hosea in die prophetische Gedankenwelt ein." Daß es sich hier um ein anscheinend gesichertes Ergebnis der Bibelwissenschaft handelt, geht auch aus der Tatsache hervor, daß Hoseas Ehegeschichte bereits ihre methodische Verwertung im Schulunterricht gefunden hat. In seiner sehr anregenden „Unterrichtslehre" behandelt Jtschner (Bd. 1, 372) als einziges Unterrichtsbeispiel aus dem geschichtlichen Teil des Alten Testaments die Ehe des Hosea. Die Ueberschriften der einzelnen Abschnitte lauten: Gomers Ehebruch. Israels Ehebruch. Hosea holt Gomer zurück. Auch Jahwe wird verzeihen. Oberlehrer Dr. Becker in Drosfen, „Der alttestamentliche Unterricht im Oberlyzeum" („Frauenbildung" Jahrg. 1914, 464), notiert bei Hosea: „Seine Lebensgeschichte wird erzählend dargestellt" und nennt als Aufgabe: „Hoseas persönliches Erleb nis als Quelle seiner Gottesauffassung." Auch jüdische Autoren sind dieser modernen Auffassung beigetreten, so z. B. David in seinen biblischen Lesestücken mit neuerdings Ignaz Ziegler-Karlsbad in seinen „Volksschriftev über die jüdische Religion", ll. Jahrg., Heft 1: Die Propheten Amos und Hosea, S. 35 ff. Als ein Beispiel dafür, wie biefi Ehegeschichte nun immer romanhafter ausgestaltet wird, zitiere ich Ziegler: „Wie bei Goethe jedes persönliche Erlebnis zum Gedichte zum Gedanken wurde, so lösten sich auch bei Hosea aus einenpersönlichen Erlebnisse Gedanken ab, die sich dann zu Ideen kristallisierten über das Verhältnis zwischen Gott und Israel Er hatte sein Herz an ein Mädchen verloren und heiratete es. Ach, wie betreute er die junge Gattin, wie schmückte er sie, brachte ihr alles heim, womit er ihr seine Liebe bezeigen konnte! Drei Kinder gebar sie ihm; er war überglücklich. Aber siehe, das Weib, das er sich erwählt, zu sich aus niedriger Sphäre emporgehoben hat, dem er alles gab, was des Weibes Herz nur begehren konnte, wurde ihm treulos, lief gleich einer Dirne anderen nach. Da verstieß er die treulose, undankbare Gattin verjagte sie von Haus und Hof. Sie nahm die Verstoßung anfangs leicht auf, vertraute ans ihre Buhlen: die würden ihr schon helfen. Doch sie täuschte sich, wie sich Frauen immer in solchen Momenten täuschen. Die verstoßene Gattin mieden die Liebhaber, gingen ihr aus dem Wege. Da kam in ihrer Einsamkeit und Verlassenheit die Reue über sie, und büßend rief sie nach dem verschmähten Gatten. Jugendliebe, wer könnte deiner vergessen! Trotz ihrer Sünden war in Hosea die Liebe zur Gattin nicht erloschen, war sie doch die Mutter seiner Kinder. Nur sofort sie wieder aufnehmen, ihr straflos alles hingehen lassen, das konnte er nicht über sich bringen. Eine geraume Zeit bleibe sie verbannt. Dann erst, wenn die Besserung als echt und wahr sich erwiese, will er sie wieder ausnehmen, die Vergangenheit auslöschen und einen neuen Lebensbund mit ihr schließen." Man wird zugestehen müssen: von hier bis zu einer gemütvollen Behandlung des Themas in einer Erzählung für die reifere Jugend ist nur noch ein Schritt. Da verlohnt es sich nun doch vielleicht, einmal zu fragen: Was wissen wir denn nun wirklich von der Ehe des Hosea? Vertiefen wir uns in den Inhalt der drei ersten Kapitel des Hosea, der einzigen Quelle unseres Wissens von seiner Ehe: Kap. 1, 1—9, Eheschließung und Namengebung der Kinder. Der Ewige gibt — als Erstes — dem Hosea den Befehl, ein buhlerisches Weib und Kinder der Buhlerei zu nehmen (escheth snunim wjalde snunim), „denn es buhlt das Land hinter dem Ewigen weg." Da nahm er sich die Gomer bath diwlajim. Sie gebar ihm einen Sohn, den er auf Gottes Befehl Jisreel nannte, „denn um ein Weniges, so ahnde ich das Blut Jisreels am Hause Jehus und lasse das Königtum des Hauses Israel aufhören". Dann gebar sie eine Tochter, die er auf Gottes Geheiß Lo Ruchama nennt, „denn ich will mich des Hauses Israel nicht mehr erbarmen". Einen zweiten Sohn nennt er Lo Ammi, „denn ihr seid nicht mein Volk, und ich will nicht euer sein". Kap. 2, 1—3: Aenderung und Umdeutung der Namen. Einst aber werden die Kinder Israels zahlreich sein wie der Sand am Meere, statt Lo Ammi wird man sie Kinder des lebendigen Gottes nennen. Juda und Israel werden sich wieder zusammentun, sich ein Haupt setzen und aus dem Lande