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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-21 · Heft 21 (21.5.1915) · p. Seite 244

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 21 (21.5.1915)
Date
1915-05-21
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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244 diese auch beweist und erfüllt, kann heute für andere etwas bedeuten und ist imstande, voranzustehen und ein Führender zu sein. Die Stunden, in denen ich mit unseren Mannschaften zusammen bin, zeigen es nur immer von neuem, wie sehr sie diese Eigenschaften besitzen. Tie Stunden der Andacht, die uns vereinen, können dann dazu helfen, diese seelische Frische immer wieder zu beleben und dessen, was man ist und was ein jeder kann und soll, immer reu lrewußt werden zu lassen. Die folgenden Tage des Pessachsestes sotten dazu dienen, abgesehen von den in Aussicht genommenen Feiertagsgottesdiensten, möglichst an jedem Abend einein Kreise unserer Soldaten ein gleiches Zusammensein zu gewähren, wie die beiden Sederabende es boten. Bericht XIV. Z. Zt. N., den 16. April 1915. Ueber meine Tätigkeit in den beiden Wochen vom 2. bis 15. April berichte ich folgendes: Ich habe in dieser Zeit Gottesdienste abgehalten in. B., A., E., CH., La F. und N. Daneben fanden, wie schon der letzte Bericht erwähnte, in der Pessachwoche mehrere kleine Feiern statt, die denen, welche die Sederabende hatten entbehren müssen., einen Ersatz für dieselben bieten sollten. Aber auch an den Abenden selbst hatten hier und dort kleinere Kreise in Unterständen der Schützenstellungen zu gemeinsamer Andacht zusamuwnkonnnen können; die Haggada wurde gelesen, die Erinnerungen wurden Lebendig gemacht, die Hoffnungen wurden neu; so sind diese kleinen Feiern an außergewöhnlicher Stätte mir geschildert worden. Ich hatte vorher alles Erforderliche mündlich oder schriftlich hierfür vorbereitet und vereinbart und die freien Stunden erwirkt. Durch einen Armeebefehl wurde auch ganz allgemein angeordnet, daß bei der Festsetzung des Dienstes möglichst auf die beiden ersten und die beiden letzten Tage des Festes für die jüdischen Mannschaften Rücksicht zu nehmen sei. So haben auch manche von denen, zu welchen ich nicht hingelangen konnte, ihre Pessachfeier gehabt, und das herrliche Frühlingswetter, das mit dem Beginne des Festes einkehrte, hat das seine dazugeft'lgt. Die erwähnte Feier, die hier und dort die Mannschaften sich selbst bereiteten, bezeichnet etwas, worauf ich jetzt mehr ltnb mehr das Augenmerk richte. Besonders geht es daraufhin, daß Angehörige desselben Truppenteils allwöchentlich einen kleinen Freitagabend-Gottesdienst an der Hand des Feldgebetbuches gemeinsam begehen, daß so viele kleine Gemeinden sich bilden, die sich zu einer Stunde der Andacht Zusammenfinden. Der feierlichere Predigtgottesdienst, der mehrere dieser kleinen! Gemeinden eint, soll dann neu festigen itnb anregen. Nicht nur an! das Bedürfnis der ernsten Gegenwart ist hierbei gedacht. Der Krieg > wird ja um des Friedens willen geführt, er soll die Zukunft ausbanen.! So soll auch die religiöse Erfahrung, die Andacht dieser Zeit vielen ein Beginn und Grund für kommende Tage sein; sie soll in die Jahre des Friedens als Erlebnis hinüberwirken. In diesem Sinne ist es wertvoll, daß die Selbständigkeit, die der im Felde Stehende erwerben muß, - auch im Seelischen, im Religiösen gewissermaßen sich bewähre, daß er im-! stände sei, sich selbst eine Stunde der Andacht zu schenken, unsere Psalmen und unsere alten Gebete selbst zu sich sprechen zu lassen. Es wurde oft als ein Mangel des religiösen Lebens der Gegenwart bezeichnet, daß manch einer zur Teilnahme am Gottesdienst herangezogen werden muß, daß er zu viel darauf rechnet, zu empfangen und angeregt zu weroen, und zu wenig weiß, wieviel an Andacht er sich selbst, in seinem Hause wie im Gotteshause, zu geben vermag. Wer jetzt hinter seiner Schützenstellung oder in dem Torfe, in welchem er einige Tage der Ruhe hat, in Gemeinschaft mit Karneraden sich seinen Sabbatabend bereitet, der wird gewiß auch später, wenn die Stunde der Heimkehr für ihn gekommen ist, in seinem Hause und in seiner Gemeinde sich den Sabbat zu gewähren wissen. Noch ein anderes wird dann wohl weiterbeftehen. In den Gottesdiensten, die Nur begehen, sind Männer und Jünglinge vereint, die aus Gemeinden und Häusern verschiedener religiöser Richtung, aus Kampfesgebieten der Friedenszeit stammen. Es ist mir in den vergangenen Monaten oft, ganz ungesucht und ungefragt, von der einen wie von der anderen Seite her ausgesprochen worden, wie stark das Religiöse, das Jüdische, das sie eint, von allen empfunden wird und wie unbedeutend demgegenüber viele jener Seitenpfade erscheinen, in denen die Meinungen auseinandergehen. Je verschiedener das Religiöse hervortritt, desto mehr kommt das Einigende zum Bewußtsein. In den Gesprächen nach der Andacht, in denen von dem neuen Deutschland und von den jüdischen Gemeinden in ihm oft die Rede ist, kommt dieser zuversichtliche Gedanke fast immer zum Ausdruck. Das Schlußwort des .Priestersegel-.) „Friede", in das der Gottesdienst ausklingt, tönt auch in diesen Sinne in allen weiter. * Die „Kreuzzeitung" bringt folgenden Artikel, den wir b i bem Abdruck mit einem großen Fragezeichen begleiten möchte!: E i n englisches R e g i in ent j ü d i s ch e r „ F r e i w i l l i gor". Ein italienischer Sprachlehrer aus Bercelli hat, wie dn „Eorriere della Sera" zu melden weiß, von einem seiner in Alexandr: i in Aegypten lebenden Brüder einen Brief erhalten, der einen in h modernen Zeit wohl einzig dastehenden Fall «erwähnt. Es Hände t sich dabei um die Bildung eines Regiments, das die englische Militä behörde ausschließlich aus jüdischen Soldaten zusanunengestellt ha. Daß diese Juden sich nicht freiwillig unter die englischen Fahnen b geben haben, bedarf wohl kaum besonderer Hervorhebung. Wenn <. auch von Englischer Seite so dargestellt wird, daß es sich hier um Freiwillige handelt, so unterliegt es hier doch keinem Zweifel, d> i diese „Freiwilligen" einem sanften Druck gehorchten, als sie sich da/! entschlossen, in englische Kriegsdienste zu treten. Das freiwillige R giment oder richtiger gesagt Bataillon besteht cui§ fünfhnnde; jungen Russen der jüdischen Kolonie Palästinas, die als Nuss : Palästina verlassen mußten, weil sie sich nicht dazu verstehen wollte.. die türkische Staatsangehörigkeit anznnehmen. Die Türken ‘fjatti : ausdrücklich versichert, daß die russischen Inden, sofern sie die Au nähme in den türkischen Staatsverband nachsnchten, ruhig im Lau: ' bleiben könnten und dem türkischen Schutze unterständen. Da die hi> in Frage kommenden Familien von dieser Ermächtigung keinen G brauch gemacht Haben, so wurde»: sie als Russen nnsgewiesen it; flüchteten nach Alexandria. Zum Lohne dafür ist ihnen jetzt die An Zeichnung zuteil geworden, ihre Söhne in britischen Diensten für d Sache der Engländer gegen die Türken kämpfen zu lassen. Du jüdische Bataillon hat als Ansbildungsoffiziere zwei junge Herr. - aus der hohen jüdischen Gesellschaft Alexandrias erhalten und füh de»! offiziellen Titel „Zion Mule Transport Corps". Auch ei Fahne hat die neugebildete jüdische Truppe erhalten: das Fahnentn ■ zeigt in der Mitte einen im Pentagramm ruhenden Stern, über de ' ein hebräischer Buchstabe angebracht ist. Alle Befehle werde»» i hebräischer Sprache erteilt, und die Sabbat ruhe wird streng rinn; halten. Das Bataillon hat auch einen eigenen Schlächter, der fr Schlachttiere nach jüdischen» Ritus schlachtet, wie überhaupt alle rn dem Kultus in Verbindung stehenden Vorschriften streng beobacht »v erden. * Die Verhältnisse der Juden in R u ß l a n d nn in den von den Russen hoffentlich nicht mehr für lange Zei besetzten Gebieten gestalten sich immer trauriger. Nachstehei - des weiß die „Nat.-Ztg." zu melden: Drakonische M aß»»a hmci» gegen die Juden i n Rn ßla n . Von der russischen Grenze, 11. Mai. Die Judenverfolgungen in Polen Haben seit drei Wochen wieder e» heblich zugenommen. Besonders zeichnen sich die Gouverneure von Rado: und Kielce durch ihre!» Judenhaß aus. So wurden in den letzten Tag sämtliche jüdische Bewohner einer großen Anzahl von Kreisen fr genannten Gouvernements ohne Ausnahme ansgewiesen. Die russisch. Behörden gingen hierbei gegen die Juden mit großer Rücksichtslosigkeit tu und gestatteten nur wenige»» Juden, ihre ganze Habe mitznnehmen. Hie durch sind viele bisher wohlhabende Juden an den Bettelstab acbi'ar . worden. Trotzdem einige reiche Juden sofort ein längeres Bittgesuch l die beiden Gouverneure, richteten, »oelches sie durch „Spenden für »voll tätige Zwecke" in beträchtlicher Höhe unterstützten, wurden die weisungsanordnungen ohne Unterbrechung vollzöge»». * In einer längeren Ausführung der „Franks. Ztg.", di betitelt ist: „Polen, Juden und Deutsche", heißt eüber die Juden folgendermaßen: Ter Jude ist in seiner allgemeinen Psychologie kann» leichter zi benrteilen. Es gibt nicht viel weniger als z»vei Millio»»en Juden n Polen; sie spielen die Hauptrolle namentlich in den kleinen Städten, sie oft die Mehrzahl der Bevölkerung bilden, ohne entsprechende Rechte zu haben. Auf den Dörfern zu »vohnen, ist ihnen ganz untersagt. Der

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