Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1915)
- Date
- 1915-05-21
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
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243 lzervorgerufen durch die Torpedierung der „Lusitania", die in Italien durch die Bemühungen der Friedenspartei, Italien ie Neutralität zu erhalten. Oesterreich hat, unter Vermittlung Deutschlands, Italien weitestgehende Zugeständnisse, andabtretungen, gemacht; eine große Friedenspartei, die Majorität der Deputiertenkammer und ein beträchtlicher Teil es Senats mnter der Führung Giolittis, eines der einülßreichsten Politikers Italiens, sind mit diesen Zugeständsissen zufrieden und arbeiten für die Sicherung der Neutraliät. Diese Bemühungen haben den Erfolg gehabt, daß das kabinett Salandra seine Entlassung angeboten hat; der lönig hat sie nicht angenommen, aber vorher maßgebende politische Persönlichkeiten, darunter Giolitti, zur Beratung Pensen. Gegen diese Anstrengung wirkt die starke Kriegspartei, ne sich aus den verschiedensten Gruppen zusammensetzt; die Sozialisten sind entschieden gegen den Krieg. Wie sich in Italien die Dinge gestalten werden, ist zweiselmft. Wir hoffen, daß die Besonnenen und Ruhigen über ie Kriegshetzer und Pöbelaufwiegler triumphieren werden, nid daß Italien die ungeheuren Zugeständnisse, die ihm emncht werden, ohne daß es einen Schwertstreich zu machen braucht, den unsicheren Versprechungen vorziehen wird, ie ihm als Lockmittel von den Dreibundmächten vorgehalten oerden. Wir leben der sicheren Ueberzeugung, uns auch Italiens rwehren zu können, aber Italiens garantierte Ruhe, wodurch "esterreich die Möglichkeit gewährt würde, seine an den Grenzen versammelten Heeresmassen zurückzuziehen und andcrveitig zu verwenden, würde eine Bürgschaft für eine schnellere Beendigung des Krieges sein. Nach den neuesten Nachrichten scheint das Eingreifen ltaliens in den Krieg unvermeidlich. Wohlverstanden gegen ins, nicht für uns. Das Unbegreifliche, Unfaßbare wurde damit Tatsache, daß unser Bundesgenosse, der seit Jahren mit uns vereint war, dessen Eingreifen für uns man hätte erwarten 'llen, die ersten zehn Monate eine feige Neutralität bewahrt at, um unmittelbar nach Ablauf des Bundesverhältnisses ch gegen uns zu wenden. Wie man die Sache auch betrachten nag, zum Krieg gegen Deutschland hat Italien nicht den heiligsten Anlaß. Was es von Oesterreich mit Recht oder Unrecht »erlangt, sollte es erhalten; wenn es nun zu den Waffen greift uf Versprechungen hin, die ihm von den Dreibundmächten gemacht worden sind, so setzt es frevelhaft diese Zugeständnisse iifs Spiel und stürzt sich selbst in die furchtbaren Ausgaben;nb Wechselfälle eines Krieges, die es hätte vermeiden können, talien war das Land unserer Liebe und Sehnsucht; wenn es un uns mit Krieg überzieht, so können wir die Liebe nur in renzenlose Verachtung verwandeln. Die Nation, die sich selbst o gern als ritterliche bezeichnete, erniedrigt sich selbst durch ieses Auftreten zu einem gewinnsüchtigen Krämer und einem unterlistigen Strauchdiebe. Noch ist das allerletzte Wort nicht gesprochen: das hat das talienische Parlament zu tun, das am 20. d. M. zusammentreten oll. Aber nach dem augenblicklichen Stand der Dinge muß man wfürchten, daß dieses die in der Menge mehr als bei den verständigen wirklich vorhandene oder künstlich geschürte lriegslust gutheißen wird. Sonst steht es um Deutschlands Sache, trotz der Abcugnnngsversnche Rußlands, selbst nach dem Zugeständnis der ngländer sehr gut. Bon dem nordöstlichen Kriegsschauplatz X'v russischen Ostseeprovinzen hört man zwar gar nichts, von polen wenig — aber ein solches Schweigen war nach der bisherigen zehnmonatigen Erfahrung immer eine gute Vorbedeutung —, in Galizien schreitet die Verdrängung der Russen mrt. Die Verbündeten nähern sich Przemysl, die Beute an befangenen und Material aus den letzten Riesenschlachten wächst immer mehr, und so darf man sich hier eines unbestrittenen Erfolges rühmen. Geht auch die Sache im Westen langsamer vorwärts, ja, haben auch die Franzosen, was von der Obersten Heeresleitung bedingungslos zugestanden wird, bei Carency einen Teilerfolg errungen, so stehen die deutschen Truppen im allgemeinen wie ein unerschütterlicher Wall. Alles Gerede von einer mächtigen Offensive, von einer Verdrängung aus Belgien oder gar von einem Einbruch in Deutschland hat sich bisher als ruhmrediges Gefasel erwiesen und wird — dessen sind wir gewiß — ein vergeblicher Wunsch bleiben. * Aus den vom Berliner „Gemeindeblatt" mitgeteilten Berichten des Feldgeistlichen Herrn Dr. Baeck sei folgendes hier abgedruckt: Bericht XIII. 3. Zt. Sanch, 2. April 1915. Ter Bericht über meine Tätigkeit in der Zeit vom 17. März bis zum 1. April nennt wiederum zuerst die Andachtsstunden. Ich habe in diesen beiden Wochen acht Gottesdienste abgehalten: in Bille, Raglise, Baigle, Chauich, Filain, Chavignou, Margival und Saney. Hierzu trat denn auch noch die Feier der beiden Scdcrabende; es war möglich, sie in der alten traulichen Weise zu begehen. Es war an jedem der beiden Abende nur ein kleines Zimmer, das für die Feier zur Verfügung stand. Aber geschickte Hände halfen nach: der kurze Tisch ivurde durch künstliche Anbauten verlängert, nnd einige weiße Tücher bedeckten alle Mängel nnd Schäden: der früh gekommene Frühling gab Blumen her, die nunden schönsten Schmuck schenkten: sie lagen zwischen den Feicrtagskerzen, denen bekränzte Flaschen als Leuchter dienten, neben den alten Zeichen der Erinnerung, den Mazzaus und dem Bitterkraut. Auch in dem engen Raum fand jeder seinen Platz, und die festliche Stimmung, die bald einkehrte, ließ jede Unbequemlichkeit vergessen. Es war an beiden Abenden ein mannigfaltiger Kreis, der zusammengekommen war, rings um den schmalen Tisch: alte Landsturmleute und junge Freiwillige, Leute aller Waffengattungen, Aerzte und Sanitätsniannschaften, aus dem Norden nnd dem Süden des Vaterlandes, Menschen dazu aus den verschiedensten Lebenskreisen, Menschen, die ihre verschiedenen Wege der Arbeit nnd des Denkens gegangen waren. Zwischen de» Aelteren und Jüngsten lagen mehr als zlvei Jahrzehnte; es konnte scheine», als ob Väter nnd Söhne hier draußen zusammenständen. Bewußt oder unbewußt hat ein jeder unter uns es wohl empfunden, wieviel Ergreifendes darin lag, als der Jüngste, der in den Erlebnissen dieser Monate doch auch zum Manne schon geworden Ivar, nach der alten Pessachhaggada, die wir lasen, die alte Kinderfrage tat: „Warum unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten?" Wir lasen dann die vertranten Erzählungen von der Befreiung aus Aegypten, und manches Wort von den vergangenen Tagen konnte zu uns von unserer Zeit sprechen; Vergangenheit und Gegenwart flössen zusammen. In die alten Gesänge klangen zuletzt die gemeinsamen Stunden ans. Gegen Mitternacht gingen wir dann auseinander, wie von einer Insel des Friedens ininitten der Unruhe. Stunden, lvie diese, geben ganz besonders Gelegenheit, die Art unserer jüdischen Mannschaften zu betrachten. Die Monate, die vorübergegangen sind, haben das Urteil, das nach den ersten Wochen in einem dieser Berichte ausgesprochen worden ist, mehr und niehr bekräftigt. Der Krieg, der nun in seinen neunten Monat eintritt. hat den Aufgaben, die er dem einzelnen stellt, nämlich den Charakter eines Tagewerkes gegeben. Das Außergewöhnliche ist zu einem Gewohnten geworden, an die Stelle der Erlebnisse ist die gleichbleibendc Mühe jedes Tages mit ihrer oft alltäglichen Prosa getreten. Die Pflichten und die Wege sind nüchterner geworden. Alles Große seht sich ans einer Summe von Kleinem zusammen, und an den einzelnen tritt vor allem das Kleine mit seiner Forderung heran. Es sind darum besondere Eigenschaften, die die langwährende Zeit jetzt verlangt: Eigenschaften, vor allem des Charakters und auch des Herzens, innerliche Fähigkeiten, die Gabe, sich emporzuheben, hinauszublicken und begeistert zu sein. Die Leistungen, die bewährt werden müssen, sind nicht bloß körperliche; das Gebot des „Durchhaltens", von dem heute oft gesprochen wird, und des Siegens stellt vornehmlich seelische Anforderungen. Nur wer