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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-21 · Heft 21 (21.5.1915) · p. Seite 242

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 21 (21.5.1915)
Date
1915-05-21
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
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242 alte geistige und ethische Energien aufgehäuft, die wieder abgegeben werden, sobald der Anlaß zu einer ihrer Entstehung entsprechenden Verbindung vorliegt. In der Weltgeschichte begegnen wir nicht selten derartigen Anlässen: Der mit der Regierung Alexanders des Großen einsetzende Hellenismus, die Eroberungszüge des Islams im frühen Mittelalter, die Reformation und der mit ihr einhergehende Humanismus in Deutschland, die italienische Renaissance, in allen diesen Epochen erweiterte sich der Geltungsbezirk der Bibel, und es trat gleichsam automatisch ihre Höherwertung zutage. Solchen Charakter trägt auch der vor unseren Augen lodernde Weltkriegsbrand, an dessen mächtiger Lohe wir die Feuerlehre vom Sinai sich entzünden sehen. Er ist gewifsermaßen ein grandioser Akkumulator, der die in der Bibel uiedergelegden, dem Heil der Menschen dienenden Lehren, Erkcnntniffe und Erfahrungen vervielfältigt und in gesteigerter Intensität zur Auslösung bringt. Daraus erklärt sich die Erscheinung, daß gegenwärtig ein großer Teil der menschlichen Geistestätigkeit in Mitteleuropa auf die Bibel konzentriert ist. Nicht nur wird ihr Verhältnis zum Weltkriege in zahllosen Vorträgen, Vergleichungen und Gelehrtenuntersuchungen festgestellt, sondern auch die für den Tag bestimmten Gebete, Kriegslieder, Kriegsballaden können sich ihres Einflusses nicht erwehren. Die Bibel ist das richtige Buch vom Tage oder, wie wir noch vor einem Jahre vielleicht gesagt hätten, das Buch up to date. Denn „alles hat seine Zeit und Gelegenheit". Das fühlen gegenwärtig alle in Zentraleuropa. Feind und Freund, Gegner und Bundesgenosse, von dem, „der auf dem Throne sitzt, bis zu dem, der die Handmühle dreht". Das fühlten instinktiv auch die wackeren deutschen Krieger, aus deren Munde bei ihrem Einzug in Antwerpen der 46. Psalm erklungen war; das wissen aber auch jetzt alle, die ihre wissenschaftliche Lebensaufgabe bis heute darin erblickten, den absoluten Wert und Edelgehalt unserer Bibel herabzusetzen. Sonst wäre es unmöglich, daß z. B. Friedrich Delitzsch, einer der führenden Generale in dem gegen -unsere Bibel gerichteten Angriffskriege, ausruft: „Ein unerschöpflicher Ouell des Trostes, der Erhebung und der -Stärkung in dieser schweren Zeit ist jenes wunderbare altteftamentarische Liederbuch, dem weder die indische und babylonische noch die semitische Poesie etwas an die Seite stellen können, was an poetischer Schönheit und in ergreifender Betätigung lauterster Religiosität einen Vergleich aushielte mit diesem hohen Liede des Gottvertrauens." Also doch! Also braucht unsere Bibel nicht erst nach Indien und Babylonien in die Schule zu gehen, um dort die „Betätigung lauterster Religiosität" zu -erlernen. Welche Umwertung aller Werte, welche Umgruppierung aller bibelkritischen Streitkräfte! Wie haben sich da wieder einmal bewahrheitet die Worte dieses selben „alttestamentarischen" Meistersängers: „Die Wahrheit sprießt aus dein Boden hervor." Aus dem blutgetränkten Boden eines beispiellosen Bölkergemetzels steigt sie leuchtend und strahlend empor. Diese allgemein gewordene Erkenntnis von der -einzigartigen religiössittlichen Kraft, die unserer Bibel innewohnt, ist -ein nicht hoch genug anzuschlagender moralischer Gewinn, den dieser Dölkerkrieg gebracht hat, wenn anders er nicht der höchste ist. Ein Gewinn nicht etwa für uns Juden und das Judentum, sondern für die ganze Menschheit, für jeden, der das Bedürfnis fühlt und die Fähigkeit besitzt, über die blutigrote Gegenwart hinweg im Geiste sich einer lichtvollen Zukunft zuzuwenden. „Der Weltfriede, die Entwöhnung der Völker vom Kriege, das ist ein Gedanke, der uns alle mehr belastet als die Sorge um das glückliche, glorreiche Ende des uns aufgezwungenen Krieges." In diesem Ausspruche hat der Altmeister der deutschen Philosophie, Hermann Cohen, einen Grundgedanken der jüdischen Sozialethik zum plastischen Ausdruck und in die einzig richtige Beziehung zum Weltkrieg gebracht. Unsere vieltaufendjährige Geschichte, die sich zum größten Teil auf fremdem Boden abgespielt, die vielfachen Vertreibungen von Land zu Land und Ort zu Ort, die wir erlebt und erlitten, haben uns einen weiten Gesichtskreis verschafft, weit und durch keinerlei Schranken beengt. In den düstersten Epochen der Weltgeschichte standen wir Juden auf hoher Warte -und schauten hinaus in die ferne Zeit. Dort hörten wir den leisen Tritt der Geschichte, den stillen Gang der Geschicke und was im dunklen Schoß der Zukunft sich vorbereitete; wir sahen es zu allererst kommen, wie wir auch noch heute allmonatlich die Erneuerung und Wiedererleuchtung des Mondes feierlich verkünden, -ehe auch nur ein Keiner Schimmer der verjüngten Mondscheibe vom Auge wahrgenommen wird. So vermag -auch die seit bald zehn Monaten über den Himmel Europas gelagerte, scheinbar undurchdringliche Finsternis uns nicht zu hindern, über alles Dunkle und Düstere hinweg ein lichtvolleres Gesichtsbil-d zu erschauen — Frieden. Nicht etwa den durch diplomatische Künste und völkerrechtliche Verträge zusammengeleimten Frieden, der dem blutigen Kampfe der miteinander Ringenden ein Ende bereitet, nein, ein viel höheres Ziel hat sich das Judentum als Weltanschauung gesteckt: den Welt- und Menschheitsfrieden oder, wie Hermann Cohen sagt, die Entwöhnung der Völker vom Kriege. Mit unserem ganzen Wollen und Können und allen unseren Kräften in der Gegenwart stehend, voll edelster und aufopferungsvollster Hingabe an ihre Pflichten und Notwendigkeiten, mit dem Fluge unseres Geistes aber jener hehren Zeit entgegenstrebend und sie erstrebend, da kein Volk mehr Krieg führt gegen das andere und die Erde voll ist von der Erkenntnis Gottes, von der Ueberzeugung von der Wahrhaftigkeit des Reiches des -Geistes und seines Sieges über das Reich der Materie — diese Forderung hat -das Judentum in allen Stürmer; der Weltgeschichte als seinen kostbarsten Besitz bewahrt, und es betrachtet sie auch heute als das -höchste und vornehmste Ideal seiner Lehre. Wenn nicht alle Zeichen trügen, gehen wir trotzdem und alledem Zeiten entgegen, in welchen die Verwirklichung dieses Ideals nicht mehr bloß -das Traumbild von Pazifisten, Schwärmern und Berufsrednern ist. Vielleicht bildet gerade -das gegenwärtige, gewaltige Völkertoben -den geschichtlichen Wendepunkt, eine Renaissance, -die wie im Mittelalter zum Humanismus führt, freilich in viel umfassenderem Sinne dieses Wortes als ehedem: zur Pflege höchster und edelster Menschlichkeit. Die allgemeine Anerkennung der Bibel als höchsten Kulturfaktor, die wir gegenwärtig allerorts wahrnehmen, die hohe Einschätzung des Bibelwertes und Bibelwortes bei groß und Kein, bei Fveund und Feind sind vielleicht auch eines dieser Vorzeichen. Freilich — trübe und düster ist die Gegenwart. Es dröhnen die Kanonen ringsumher. Mit erneuter Wut ballen die Völker ihre Fäuste und lauern mit verhaltenem Zorn auf -die Gelegenheit, -einander den Todesstoß zu versetzen. Wer aber aufmerksam hinhorcht, dem kann nicht entgehen, daß inmitten all dieses Tobens und Bebens, hinter Rauch und Schall ein leises Säuseln zu vernehmen ist. Uns -aber lehrt eine aus der Geschichte unserer Bibel entnommene Erkenntnis: Nicht im Feuerbrand und Sturmwind, auch nicht im Beben und Tosen, in dem leisen Säuseln thront die Herrlichkeit Gottes. Sie Woche. Berlin, den 18. Mai. n England und Italien herrscht große Erregung \ gegen die Deutschen. Es ist in Liverpool, London, Rom und Mailand zu heftigen Ausschreitungen gekommen. In England wird ernstlich der Plan erwogen, sämtliche deutsche Männer zu internieren, Frauen und Kinder nach Deutschland zu schicken. Die Erregung in England ist

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