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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-21 · Heft 21 (21.5.1915) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 21 (21.5.1915)
Date
1915-05-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
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79. Jahrgang Nr. 21 Berlin, 21. Mai 1915 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnement s-prets: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere venriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 J1I. — Postscheckkonto 32H. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Phiiippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse.' Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 4M9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Bibelwert und Bibelwort im Weltkrieg. Von Rabbiner Dr. Armin Abeles, Wien. — Die Woche. — Das Gebetbuch ls Lebensretter. — Die Ehe des Hosea. Von Dr. M. Spanier, Berlin. — 'riegsliteratur. Von Ludwig Geiger. — Frances Külpe: Der Ring, besprochen von Ludwig Geiger. — Feuilleton: Der lange Nock, y'mnan von Anna Goldschmidt. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Zudeurms"). Berlin, Beuthen O. S., Hamburg, Leipzig, Herbede (Ruhr), Frank-;ivt a. M., Homburg v. d. Höhe, Kopenhagen, Jerusalem. — Bon Nah nd Fern. Zjbrlwert und Libelwort im Wrltlrrirg. Von Rabbiner Dr. Armin Abeles, Wien. eschichte ist nach Ansicht eines berühmten Geschichtsphilosophen rückwärts gewandte Prophetie. Erstreckt >ie Prophetie — wenigstens im biblischen Sinne dieses Begriffes — ihre Wirksamkeit auf Ereignisse, die im geheimen rchoß der Zeiten erst noch tm Werden begriffen und von hrem Jnslebentreten durch einen weiten Zeitabschnitt enternt sind, so hat umgekehrt die Geschichte es mit der Benreilung von Willenshandlungen und Willenszwecken zu tun, uc bereits längst vorher in Taten umgesetzt worden sind. Vie ein großes Gemälde richtig erst dann verstanden wird, .'bald man sich in eine gewisse Entfernung davon begibt, i benso können geschichtliche Urteile auf historische Glaub-! .'ürdigkeit Anspruch erst dann erheben, wenn eine ent-! brechende Zeitentsernung dem Historiker die Möglichkeit! ietet, hinter den scheinbaren Zufälligkeiten das Typische des Geschehenen zu erfassen. Eben deshalb müssen alle Versuche, ie inneren Ursachen und Zusammenhänge der gegenwärtigen atastrophalen Weltereignisse objektiv zu erfassen, als von vornherein aussichtslos angesehen werden. Sind wir aber uch nicht im Besitze objektiver Werturteile, so verfügen wir och über nicht minder wertvolle Gefühlsurteile. Wir leben a in dieser einzigartigen großen Zeit. Wir spüren ihren ilühendheißen Atem, wir fühlen, mit welch zyklopischer Wucht ie Ereignisse sich in die Tafeln unseres Zeitbewußtseins einlämmern. Damit zusammentreffend ist eine ungeheure Steigerung der menschlichen Entschlußfähigkeit und Tatkraft wahrnehmbar, eine bis fast ins Unendliche gehende Multipliicrung der Leidenschaften und Instinkte der Zeitgenossen int 'niten wie im Bösen, während zugleich vieles von dem, was u materieller wie in geistiger Beziehung noch vor einem alben Jahr niet- und nagelfest erschien, sozusagen vor unseren!ngen ins Wanken gerät, wenn anders nicht spurlos unterzieht. In diesem titanenhaften Zusammenstoß der miteinander nagenden Volkskräfte und Volksleidenschaften hat sich bisher our -eins als fest und widerstandsfähig erwiesen, unverkürzt i-> seiner Größe, unberührt in seiner Hoheit und Erhabenheit: bas Buch der Bücher, die Bibel. Ist man geneigt, diesen Weltbieg mit der noachidischen Sintflut zu vergleichen, die hereingebrochen war, weil „die Erde voll war vou Gewalttätigkeit", dann wird man billigerweise die Bibel als die Arche Noah ansehen dürfen, die in majestätischer Ruhe einherschwebt ans den sturmgepeitschten Wogen, allen Schutz und Zuflucht bietend, die solche in ihr suchen und finden wollen. Und wer empfindet heute nicht lebhafter denn je das Bedürfnis nach ihnen. Stolze Könige und Fürsten, kriegsgewvhnte und sieggekrönte Heerführer, Krieger und Verwundete, Gelehrte und Arbeiter, Witwen und Waisen — sie allesamt drängen sich unter ihr schützendes Dach. Die Bibel ist das bneu rotiro für diese schicksalsschweren Tage. Genuß, es hängt das in erster Reihe mit den durch die Kriegsnot gesteigerten religiösen Bedürfnissen zusammen! Furcht und Gottesfurcht, Rot und Religion gingen ja schon in der Urzeit der Menschheit nebeneinander her. Daß aber unter allen religiösen Dokumenten der zivilisierten Menschheit gerade unsere alte jüdische Bibel gegenwärtig zu so alles beherrschender Geltung gelangt, ist etwas, was jedes jüdische Herz mit besonderem Stolz erfüllen muß. Wo ist der ehedem so viel gerühmte Koder Hammurabi? Wo bleiben die für das Verständnis der biblischen Gedankenwelt angeblich so unentbehrlichen Theologien und Kosmogonien des Gilgames und Bundehesh? Wo der Priesterkoder, der Jawist und Elohist und wie sonst alle die ans dem Arsenal der Bibelkritik geholten Granaten und Schrapnells heißen, womit man die Position unserer Bibel, ihre Originalität und Priorität zu erschüttern so emsig bemüht war? Wer denkt heute an sie, wer kümmert sich um sie? Das ist es eben. In der heißen Glut dieser eisernen Zeit wird zur stählernen Härte geschmiedet das Wahrwort Dickens': Der beste Prüfstein für eine Theorie ist die Praris, und der schlagendste Beweis für eine Lehre ist das Leben. Gewiß, der Koder Hammurabi ist ein sehr lehrreiches und lesenswertes Buch, Gilgames und Bundehesh sind es nicht minder. Hellenistische Weisheitsbücher und judcn-christliche Apokalypsen sind ohne Zweifel geeignet, den Gesichtskreis des Forschers zu erweitern, vor dem hohen Wellengang des brandenden Lebens jedoch vermögen sic nicht standzuhalten. Da gilt nur ein Buch, das Buch der Bücher, unsere alte, wetterfeste Bibel. Denn nur sie ist eine „Lehre des Lebens", des wirklichen blntwarmen Lebens. Die Bibel, sagt Goethe, ist nicht nur ein Volksbuch, sondern ein Buch der Völker, weil sie die Schicksale eines Volkes zum Symbol aller übrigen aufstellt, oder etwas abstrakter mit Herder ausgcdrückt, sie ist die Emanation des in der Geschichte waltenden Gottesgeistes. Wie die Kohle, das Produkt der Erhitzung tierischer und pflanzlicher Stoffe, die durch Jahrtausende aufgestapeltc Wärmeenergie wieder abgibt, sobald sie einer ihrer Entstehung entsprechenden Temperatur ausgesetzt wird, so verhält es sich mit der Bibel. Auch in ihr, die nicht ohne Grund die „Feuerlehre" genannt wird, sind jahrtausende-; \ j

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