Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1915)
- Date
- 1915-05-14
- Page
- Seite 238 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Den.13. 238 Herrgott, ich kann nicht mehr. Der Trubel! Der Trubel! Wie kann das Mama nur aushalten! Und dabei lächelt sie so süß und streckt jedem Gratulanten beide Arine mit einer Wärme und Heftigkeit entgegen, als habe sie just auf seinen Glückwunsch schon den ganzen Tag gewartet. Himmel und Menschen waren bei uns, auch die Bekannten aus der Harmonie, unendlich viel Fremde, Beziehungen, die mein Max hat, von denen ich gar nichts wußte. Maina wirft zärtliche Blicke auf den Berg Visitenkarten, der sich über der silbernen Schale bäumt und ganz zu oberst sogar einige Krönchen über den Namen aufweist. Ich habe einen häßlichen Charakter, daß ich all so etwas merke. Ich glaube, andere Kinder kritisieren ihre Eltern nicht so kalt, so lieblos. Denen erscheint alles, was die Eltern tun, recht und gut und schön. Ist das das Erbteil meines Stammes, diese Sucht zu zersetzender Kritik? Scheußlich! was einem in der Beziehung vererbt ist, ist ungut und häßlich. Heine soll ja gesagt haben: „Das Judentum ist keine Religion, sondern ein Unglück." Recht hat er. Ein Unglück ist es, ein innerliches und äußerliches. Komisch bin ich, daß mir so mißmutige, so weit abliegende Gedanken kommen, heute, an meinem Verlvbungstag! Das kommt wohl, weil ich müde bin, die Gedanken nicht auf dem Punkt halten kann, auf den sie gehören. Vielleicht hatte Mama recht, als sie mir eben, mich zärtlich aus die Stirn küssend, sagte: „Gute Nacht, mein goldenes Kind. Leg' dich sofort hin und denk' an nichts mehr. Schlaf dich aus. Tu hast es nötig." Die Stimme brach ihr vor Zärtlichkeit. Mama ist mir so dankbar, ach, so innig dankbar, daß ich ihr einen Schwiegersohn verschafft habe. Draußen höre ich sie noch herumhantieren und kommandieren mit Erna und den beiden Mädchen. Nun ja, die Zimmer und alle Silbersachen müssen doch morgen wieder in Ordnung sein, da geht die große Gratulationskur von neuem los. Mich läßt sie iit Ruhe. Das ist der Lohn für meine Bravheit und Tüchtigkeit. Ich bin kolossal gestiegen durch den Brautstand. Ich brauche mich nur zu ruhen und gut auszusehen — mehr habe ich nicht nötig. Herrgott nochmal, Muttchen, lote ich bei dem Lärm schlafen sollte, wenn ich dir gehorcht und mich gleich hingelegt hätte, ist mir schleierhaft. Das kommt davon, wenn man den ganzen Tag hat liebenswürdig sein müssen. Papa war klug, er hat sich aus dem Staube gemacht. Hat seinen Schwiegersohn heimbegleitet und mußte dann in die Gemeindesitzung. Papa hat immer Sitzung, wenn Mamas Laune auf eine Explosion hindeutet. Ich finde, er hat von uns allen den besten Riecher dafür. Heute trifft es mich ganz ahnungslos. Aber schön, so nah der Gefahr und ihr doch so ganz entrückt zu sein. Nein, ist Verlobtsein nur schön! Schönes Schwesterlein, so leid es mir tut, ich habe ein ganz kleines bißchen Schadenfreude. Das ist nicht hübsch von mir, aber ich weiß ja, allzu tief geht es dir sowieso nicht, wenn Mama schilt. Und jetzt geht es fürcherlich über dich her. Nach dem Tonfall — Mama weint ja sogar vor Wut — schließe ich mindestens auf die blaue Kristallvase, die du zerbrochen haben mußt. Oder gar die Meißener Uhr? Es klirrte gehörig. O, du mißratenes Kind! Nun geht Mama drei Tage mit vorwurfsvoller Leichenbittermiene herum und hält dir mit Grabesstimme alles vor, was du die letzten zwanzig Jahre, also so lange, wie du ans der Welt bist, verbrochen hast. Aber nein, sie hat ja einen Schwiegersohn. Was ist eine Uhr, selbst eine Meißener, gegen einen richtiggehenden Schwiegersohn! Und daß du es mal kriegst, schönes Schwesterlein, und nicht ich, die ich als Aelteste sonst immer die erste Anwartschaft auf Mamas Stimmungswechsel habe, du, die du dich immer so herrlich von allem Unangenehmen zu drücken und es auf anderer Schultern zu schieben weißt, das — ist dir mal ganz gesund. Ich glaube, Erna, die reizend als kleine Brautschwester war und sehr gewandt die Honneurs mitmachte, hat den ganzen Tag nicht recht begreifen können, daß ich einmal die Hauptperson war und nicht sie. Ich merkte es ihr an, als sie mir heute früh, beinahe ein bißchen verlegen, den Riesenstrauß vo» Max brachte, der bei ihr abgegeben worden war; oder wenn sie lächelnd dabeistand, wenn die Gäste den Blumengarten bewunderten, in den sich unser blaues Durchgangszimmer verwandelt hat. Was haben wir für Blumen und Geschenke bekommen! Ja, ja, man ist wer! Man ist Hermann Lamms Tochter und hat eine gute Partie gemacht, und zwar schon mit 22 Jahren! Ich muß mich wirklich mal daraufhin in den Spiegel gucken. So ist es, wenn man so alberne Gedanken hat. Mein eigenes Spiegelbild habe ich ausgelacht, bin einfach losgeplatzt, als ich es so wichtig und prüfend auf mich gerichtet sah. Immerhin — wozu es leugnen? —, das Examen ist gut ausgefallen. Häßlich bist du wirklich nicht, Edith Lamm. Ob Erna wirklich so viel hübscher ist, wie sie selbst glaubt und wie sie dir immer mit Erfolg eingeredet hat? Das ist noch sehr die Frage. Du siehst ja, Dr. Max Heymann, ein so kluger, feiner Mann, der die höchsten Ansprüche hätte machen können - jede hätte ihn mit Kußhand genommen, sogar Lotte Maier, die gleich 150 00V Mark mitbekommt - , hat dich gewählt und nicht deine Schwester Erna. Also so sehr häßlich kannst du doch auch nicht sein. Nein, bin ich albern, bin ich albern! Solche Gedanken au> Berlobuugstag! Kindischer als Klein-Margot, die drüben süß und friedlich schläft trotz Mamas Umherlärmens. Margotlein, mein Kleines! Für dich gab es heute zuviel zu schauen und zu horchen. Die Verlobte große Schwester, der neue Schwager, das war dir zu interessant. Du warst nicht von unserer Seite zu bringen. Mein Schwesterchen, dich möchte ich mit in den neuen Hausstand nehmen. Mir ist es, als dürfe ich dich hier nicht allein zurücklassen. Das Kind hängt so an mir und ich an ihm erst recht. Mama sagt, als Margot auf die Welt gekommen sei, sei ich wie närrisch vor Freude gewesen über das kleine Schwesterchen, und so ist das eigentlich geblieben bei mir. Ich soll die einzige gewesen sein, die sich damals mit dem Püppchen gefreut hat, sie und Papa seien ganz unglücklich gewesen. Margotle hat durchaus ein Junge sein sollen. Warum sagt das Mama immer so vor dem Kinde? Warum ruft sie sie immer „dritte Tochter", wenn sie munter aufgelegt ist? Das muß doch die Kleine kränken. Mich trifft das jedesmal wie ein Schlag. Ich finde, Mama setzt Margotle immer noch zurück. Ihr Liebling ist Erna, die ihr ja wohl auch am ähnlichsten sieht (Margot und ich schlagen nach Papas Familie zu Mamas größtem Kummer), dann komme ich, die ich nur jetzt gerade so viel gelte, und dann kommt Margot — noch lange nicht. Dafür habe ich unser Jüngstes auch am liebsten auf der ganzen Welt. Am liebsten? Pfui, Edith, das darfst du nicht mehr sagen, du hast nun einen Bräutigam. Wie kommt das, daß ich von ihm kein Wort geschrieben habe? Mama sagte mir doch, sobald ich verlobt sei, würde ich ihn furchtbar lieben? — Ich bin so müde, wie zerschlagen von allem, da merkt man das neue Gefühl nicht gleich so. Mein Max ist hübsch und gut und klug und hat mich unendlich lieb. Morgen werde ich von ihm und nur von ihm schreiben. Selbstverständlich! Mir fallen die Augen zu. Gott sei Dank, auch draußen ist jetzt Ruhe. Gleich wird Erna kommen. Sie soll mich nicht