Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1915)
- Date
- 1915-05-14
- Page
- Seite 239 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- 239 : hr schreibend finden. Mag nicht ihr Räsonnieren über I; ama noch hören. Und Mama rnht sich nun auch. Denkt sie l :t über die Meißener Uhr nach? Oder ob ihre Tochter wohl? o icklich wird mit ihrem Zukünftigen? Oder ob morgen Ge-;!i inrat Knoll, Harmonievorstand und das Vornehmste vom! j nurehmen, mit Frau Gemahlin auch gratulieren kommen? j : nicht! denn dann tat sie kein Auge zu vor Unruhe.! Pfui, Edith! Gute Nacht, altes Muttchen, bist ja doch brav; a tc Nacht, Papa, Erna und alle Welt! Gute Nacht, mein Max! K ,te Nacht, süße, kleine Margot! Den.1913. Heute war es noch schlimmer als gestern. Ich habe keine niung, wer alles da war. Das schwirrt mir nur so im Kops d rcheinander. Klar Umrissen und für Lebenszeit deutlich steht u r nur die eine Szene vor Augen, die von heute morgen, .1 uz zu Anfang, als die offizielle Besuchszeit gerade angeü igen hatte und noch keiner sonst kam. Das vergesse ich nicht n wer, natürlich nicht, es hing ja auch mit dem Glanzpunkt! l > Tages zusammen, mit Geheimrats Besuch. Arme Mama! | ')■;n kamen sie so früh, daß sie kein anderer bei uns sah. Ob j r -? so ganz zufällig war? Immerhin, eine Weihe lag über dem i inen Eckdiwan, auf dem du, steif vor Respekt und doch die! e aze Haltung liebenswürdigste Hinneigung, mit Frau Ge- > mrat saßest, — eine Weihe, — Papas Stimme klang ganz ii ser, als er sich mit dem Geheimrat über städtische Ange-! enheiten unterhielt. Papa spricht und sitzt immer gern so, i »n Gäste da sind, daß ihn Mama nicht hört oder sieht, denn i llerher hat sie meistens etwas auszusetzen und macht ihm rivürfe, daß er etwas falsch gemacht oder etwas gesagt habe, i er nicht hätte sagen sollen. Erna saß Frau Geheimrat; lenüber, hielt die durchsichtigen altgoldenen Strümpfe und!! den Lackstiefelchen unter den Stuhl geschlagen und legte r Hände im Schoß zusammen. Erna kann so wunderbar - ugfräülich das Köpfchen zur Seite neigen, ein Bild Mädchen- Nester Demut. Uebrigens haben rnrs Knolls einen Blumen- >' auß geschenkt, Mama hat ihn ja doch ganz vorn hingerückt n t der daranhängenden Visitenkarte, — einfach schäbig sieht er li :> zwischen der Blumenpracht sonst. „Schade ums Geld," l de Papa, als er davor stand und die ganze blühende Pracht l haute. Papa denkt bei allem gleich ans Geld. Mama i H't furchtbar darunter, daß Papa keine höheren Interessen i . (Fortsetzung folgt.) Bm Juvknmädrl. Von Mari a K v p o » i u c f a. Deutsch von S. Hvrowi tz. I Ds dämmerte bereits in meiner gelegentlichen Wohn- - w statte, als die Tür leise ausgemacht und sachte ge- ' offen wurde und ans der Schwelle irgendeine winzige Geu r erschien. Und es war solch eine Zeit, daß in der Dämmerstunde isig die Tür so sich zu öffnen lind zu schließen Pflegte, und i> and auf der Schwelle zum Vorschein kam. Er grüßte weder, u h erklärte er, wozu er komme. Die Worte schienen unnötig, geradezu überflüssig 311 sein, m verständigte sich ohne sie. Ohne sie ahnte man die Bennisse, die Forderungen. Leute, die man zum erstenmal sah, empfing man wie nahe L Bunte. Wie solche, die man eben erwartet Hatte. Wer hungrig war, setzte sich für ein Weilchen und aß > as — wenn auch nur einen Bissen Brot. Wer in Fetzen i!-'.st, zog das hastig an, was man ihm reichte. Wer müde, chfroren war, wärmte sich »nd ruhte ein wenig aus, dann '0 ml, er mit einem dankbaren Blick davon, manchmal sogar ne jeden Blick; die Türe schloß sich hinter ihm ebenso leise, >vie sie aufgemacht worden war, und ein Schweigen, dieser große Redner unsichtbarer Tribünen, füllte die Stube. Die Tür also tat sich auf und schloß sich sachte, und auf der Schwelle kam eine kleine Mädchengestalt mit einem ungeheuren Bündel zum Vorschein. Sie blieb stehen, ließ das Bündel zu Boden sinken, lind sich an den Türrahmen mit dem Rücken lehnend, keuchte sie schwer. Ich ging auf sie zu. Es war dies ein noch sehr junges, schmächtiges und schäbig gekleidetes Judenmädel. Ein stark ausgeprägter mauritanischer Typus, mit dichtem Kraushaar und tiefen, schwarzen, stammenden Augen. Diesen Augen entrang sich ein Aufschrei -- ohne Worte. Ich schob ihr einen Sessel zu. Sic schüttelte das Haupt oerneinend. Sie steht, ihre Lippen beben, die flammenden Ailgcn heben und jenl.u sich unter den schattigen Wimpern. Sie sammelt Wäsche, und sie kriegt von den Leuten Wäsche, denn es herrscht eine große Not. Selbst die älteste Wäsche kann verwendet werden ... zu Verbandzeug. Ich gebe einige Stücke. Das Bündel wird noch schwerer, sie aber biegt sich — da erschüttert ein trockener, heftiger Husten ihre schmale Brust, und das Bündel fällt zu Boden. „Ist jemand mit dir? Kind, wartet jemand, um dir z» helfen?" Sie öffnet iveit die erstaunten Pupillen. „Mir? — Nein, es wartet niemand." Ich versuche, das Bündel empvrzuheben. „Aber das ist eine schwere Last! Man muß eine Droschke nehmen." „Was? Eine Droschke? Vierzig Groschen? — Und sie sind hungrig." „Sv werde ich den Hausmeister holen lassen . . . Wenigstens über die Stiege." „Nein, nein! Ich allein! Was, bin ich denn solch ein delikates Wesen? Ich werde das allein bewältigen." „Aber Vater und Nlutter werden sich ärgern, daß du solche Lasten schleppst ..." „Der Vater? Die Mutter? Wenn ein jäher Tod mich hinraffte, würden sie auch nichts sagen." „Wie denn? Das sagst du? Solch schlechte Eltern hast du?" Sie schüttelte das dichte Haar — fuchtelte mit den Händen. „Sie sind gut! - Ach, wie gut sind sie, wie huldvoll! Sie möchten mich wie einen Vogel anhauchen. Sie möchten mich auf den Händen tragen! Ich bin ihre einzige Tochter. Wenn ich ein ordentliches Mädel wäre, würden sie mich mit bloßem Honig schmieren!" In diesen Worten war ein Stöhnen und zugleich ein Triumphschrei. „Und was bist du? Du bist kein ordentliches Mädchen?" „Nein. Ich bin von der revolutionären Partei! Und sie sind Chassidim. Sie haben mich verleugnen müssen." Sie stöhnte tief aus. „Ach, wie haben sie geweint. Wie das Haar sich gerissen! Vater und Mutter rauften sich das Haar und weinten. Wenn ich dreimal gestorben und dreimal beerdigt worden wäre, würde man nicht so geweint haben." „Und du hast sie so in diesem Weinen verlassen?" „Ich mußte. Ich war davon krank und mußte. Dort ist solch ein Unglück . . . solch ein Morden. . ." „Mehr als fünfmal bin ich umgekehrt, lag auf der Schwelle, schlug mit dem Kopf an die Tür, als sie jammerten,