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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-14 · Heft 20 (14.5.1915) · p. Seite 236

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 20 (14.5.1915)
Date
1915-05-14
Page
Seite 236 (sequence 8)
Language
German
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eingehen, aber er versteigt sich doch zu dem Satze: „Kann ein westeuropäischer Christenmensch seiner Bildung nicht froh werden, ohne vor Rußland einen Kulturschauder zu bekunden?" Diese Frage muß, wie ich meine, jeder Mensch in der Tat mit Nein beantworten, denn was Rußland ün eigenen Lande und in den besetzten Landesteilen während der letzten Monate an Verbrechen verübt hat, muß jeden Kulturmenschen schaudern machen. Ja, der Verfasser geht noch weiter. Er hat nicht bloß ein Löbchen, sondern ein uneingeschränktes Lob für Serbien, indem er wagt, die Sätze niederzuschreibett: „Für uns sino die Serben keine Feinde, sondern ein Volk. Und zwar ein so lebensberechtigtes und achtungswürdiges Volk wie irgendein anderes. Die Serven haben eine ruhmvoUeheroische Vergangenheit. Ihre Vvltspvesie ist an Schönheit jeder anderen ebenburug, uz re Heldenpoesie sogar überbürtig. Denn so herrliche epische Gesänge wie die serbischen hat seit Homers Zeiten keine andere Station hervorgebracht." Ich kenne die serbische Literatur zu wenig, um ein solches Urteil zu bestätigen oder zu leugnen, aber ich weiß genug von den Greueltaten der Serben gegen Mazedonier und Bulgaren, von dem von ihnen inszenierten Morde gegen das österreichische Thronsolgerpaar, um bei aller Anerkennung für eine große literarische Vergangenheit das gegenwärtige Volk der Serben eher eine „Bande" als ein Volt zu nennen. In seiner vermeintlichen Objektivität entschuldigt Herr Spitteler das Verfahren der Dreibundmächte, Schwarze und Wilde in ihre Heere aufzunehmen und diese rohen Horden gegen die Deutschen zu hetzen, und er kommt zu dem Schluß: „Wohin Sie mir dem Herzen horchen, sei es nach links, sei es nach rechts, hören Sie den Jammer schluchzen, und die jammernden Schluchzer tönen allen Nationen gleich, da gibt es keinen Unterschied der Sprache. Wohlan, füllen wir angesichts der Unsumme von internationalem Leid unsere Herzen mit schweigender Ergriffenheit und unsere Seelen mit Andacht, und vor allem nehmen wir den Hut ab!" Das Verfahren mit den Herzen und Seelen ist recht bequem, vielleicht ist das Hutabnehmen nur bei der winterlichen Temperatur etwas unbequem. Herr Spitteler möge mir daher verzeihen, wenn ich sage, das alles sind Phrasen, und zwar sehr abgestandene und unwahre. Ein Schweizer, und mag ec hundertmal neutral sein, inützte untersuchen, nicht, um danach zu handeln, sondern um danach zu urteilen, auf wessen Seite das Recht und auf wessen Seite das Unrecht ist, er müßte ergründen uno dann gtauben, daß Deutschland den Krieg nicht gewollt, sondern daß Neid, Revanchegelüste und Uebermut ihm den Krieg aufgedrängt haben. Er müßte in Serbien ein niederträchtiges, jreches Land und in Rußland (siehe die Pogrome, Bestechungen, die ganze unsittliche Mißwirtschaft) den Kulturfeind erblicken, er müßte in den Westmächten, die die gelbe Rasse auf uns hetzen und mit Wilden sich verbünden, unedle Gesellen schauen. Nicht Hilfe verlangen wir von der Schweiz, sondern Sympathie und Gerechtigkeit. Das sei ferne von uns, Herrn Spitteler und seinen Genossen zu drohen, ihre Werke nicht mehr zu kaufen und ihren Ruhm nicht weiter zu verbreiten, aber sie mögen es sich gesagt sein lassen, daß, wenn Dichter wie Gottfried Keller und Konrad Ferdinand Meyer noch lebten, wenn Forscher wie der große Jakob Burckhardt und der wackere Jakob Baechthold noch reden könnten, sie anders urteilen würden als Herr Spitteler und Genossen. Sie würden in Deutschland ihre geistig und sittlich- Verbündeten sehen und nicht ein paar Prozente schwächlichen Mitleids uns zollen, weit weniger als den „heroischen Serben" und dem „Kulturträger Rußland", sondern sie würden uns die ganze und volle Sympathie widmen, die wir erheischen und verdienen. Line „Milche Trauung" aukdemSeüLrnslchlalle eines regierendem deutschen Fürsten. Mitgeteilt auf Grund genauester Quellen von Adolf Schweitzer, Architekt in Dessau. en vielen, meist mündlich überlieferten Nachrichten tu n den Beweisen des Wohlwollens, welche Fürst Leopo) von Anhalt-Dessau, der „Alte Dessauer", den Juden sein * Landes, vorzugsweise denen seiner Residenzstadt, in welcher u> erst wenige Jahre vor der Geburt des Fürsten Aufnahme ui t> Schutz gefunden hatten, erzeigte, reiht sich im folgenden nv!> ein interessanter Bericht über eine jüdische Trauung an, well: am 4. Februar 1740 von dem Rabbiner Nachmann Michael a f dem fürstlichen Residenzschlosse zu Dessau vollzogen wurde. Die nachstehend buchstäblich wiedergegebene „U n ständliche-Nachricht" ist, wie die beschriebene Tatsac e selbst, ein Unikum. Sie beweist, daß der Fürst in den beiden Schutzjndi Jakob und Calman — beide Vorsteher der jüdischen Gemeine — Diener hatte, die sich seines Vertrauens vollkommen we l erwiesen, denn wie hätte er sonst anläßlich der Hochzeitssei r ihrer Kinder Konrad Jakob und Beßgen Calman ein Zimm r im fürstlichen Schlosse zur Vornahme der Trauung und p r diese selbst seinen Lustgarten eingeräumt. Schon früh : (ö. März 1730) hatte er seinem Hosfaktor Calman Jsaac d> > Schutzgeld für seine und seiner Kinder Lebzeit erlassen. D,) auch Jakob ihm aufs gewissenhafteste diente, ist daraus , schließen, daß er von einzelnen seiner Glaubensgenossen weg-» seines übergroßen Diensteifers, der sich oft in Härte und Ln -- losigkeit geäußert habe, „Visitator" (allerdings Jakobs Ti l als Güterbeschauer) in -weniger ehrendem Sinne genau t worden. Umständliche Nachricht Von der, Von Sr. Hochfürstl. Durchl. zu Anhalt ectr. und De > Durchlauchtigsten Frau Gemahlin, auch sämmtlichen Hv> fürstl. Herrschaft Des Hochfürstl. Güther-Beschauers bei d: Accise wie auch Aeltesten bei der Judenschaft zu Dessau Jako- Sohn Conrad Jakob als Bräutigam Und des Hochfürstl. Hofs-Faktors daselbst wie auch Aeltesten l> > I gedachter Gemeinde Calman echeleiblicher Tochter! Beßgen Calman als Braut, I Gethanen reichlichen I Hochzeits-Ausstattung I Und darauf am 4ten- Februar 1740 I Beschehenen Trauung I Aus unterchänigster Erkäntlichkeit vor svthane Hvchfürf I Gnade, Auch zum immer währenden Gedächtnis; I Dem Publiko I In Druck überreichet I Von I Obbenanntem neuen Ehe-Paar. I ZERBST. Gedruckt bei Gottfried Henrich Bernuthen, Hochfürstl. Anhal I Hof- und Regierungsbuchdrucker. | Demnach Serenissimi des Regierenden Fürsten zu A: I halt ectr. Hochfürstl. Durchl. gnädigst beliebet, daß zwischc I Dero Fürstl. Güther-Beschauers Jakobs Aeltesten Sohr I Conrad Jakob, und Dero Fürstl. Hofs-Faktors Calman Eh -I leibl. Tochter, Beßgen Calman, eine eheliche Allianze getrofsi >1 werden solle, und zu solchem Ende, Hernachmals die Traun: J auf Hochfürstl. Schlosse, nach vorgängigen Jüdischen Cer. I monien, in hoher Gegenwart derer sämmtlichen Hochfürsr I

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