Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1915)
- Date
- 1915-05-14
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Beziehung stehe. Also die Palmen wurden 4V Jahre vor dem Exil nicht erst gepflanzt, sondern nur veredelt. Wozu eine derartige gesuchte Auslegung? Eine Predigt ist keine historische Notiz. So wenig „Daniel aus dem (noch nicht existierenden!) AlexandriaSchweinenachBabeleingeführt..." hat,ebenso wenig kann der Midrasch noch wissen, wann in Babel Palmen oder Zedern gepflanzt sind. Wenn ein Rabbine des Talmud einige unbekannte Worte im Buche Esra, die irgendwelche Steuern bedeuten, mit den Steuern seiner Zeit identifiziert, so ist das nach Funk „Tradition". Man könnte mit demselben Rechte sagen, daß Eduard Meyer, der die Worte anders erklärt, ebenfalls im Besitze alter Traditionen ist. — Die Beispiele ließen sich Hausen. Man könnte hoffen, wenigstens über die Kulte der alten Babylonier etwas im Talmud zu erfahren, weil unter der heidnischen Umgebung der Rabbinen vieles aus der alten Zeit weitergelebt haben mag. Aber leider sind die Namen der Götter und Feste absichtlich und unabsichtlich in der rabbinischen Literatur so entstellt, daß auch hier der Ertrag gering bleibt. Immerhin ist die Tatsache, daß schon die alten Rabbinen die Königin Esther mit der Göttin Jsthar in Verbindung brachten, außerordentlich interessant. Der zweite Teil des Werkes Bibel und Babel soll die babylonische Geschichte behandeln, nicht die zeitgenössische, sondern die Geschichte der alten Assyrer-, Babylonier- und Perserkönige, deren letzte Vertreter von den Rabbinen des Talmud so weit enternt waren wie wir von Friedrich Barbarossa. Und da sollten sich von Mund zu Mund Traditionen erhalten haben über die Dauer der Regierungszeit irgendeines obskuren Königs oder über die Beweggründe, aus denen dieser oder jener Herrscher handelte? Das ist undenkbar. Die Entstehung dieser jüdischen „Tradition" ist ausnahmslos sehr jungen Datums. Die rabbinischen Gelehrten beschäftigten sich mit der biblischen Geschichte und daher auch mit den in ihr vorkommenden Herrschern Assyriens und Babyloniens. Sie versuchten in den Sinn des Bibeltextes einzudringen und die Widersprüche der verschiedenen Quellen durch Kombinationen zu lösen, sie benutzten den Text für ihre Predigten, genau wie wir es auch tun. Irgendwelche anderen Quellen, schriftliche oder mündliche, standen ihnen nicht zu Gebote. Sie kombinierten vielleicht bisweilen richtig, vielfach auch, weil ihnen die. historische Schulung fehlte, falsch. Es wäre töricht, ihnen daraus einen Vorwurf zu machen. Diese durchweg selbständigen Erklärungen der Rabbinen wurden dann eine Zeitlang in den talmudischen Hochschulen mündlich überliefert, bis sie endlich im Talmud und Midrasch schriftlich fixiert wurden. Das ist die talmudische „Tradition". Es ist vielleicht für den jüdischen Gelehrten schmerzlich, es eingestehen zu müssen, aber der Wahrheit die Ehre! Der Talmud bietet uns anscheinend keine Möglichkeit, Lücken der Keilinschriften auszusüllen. Nicht in einem einzigen Fall kann die jüdische Ueberlieferung das Bild der assyro-babylonischen Herrscher ergänzen. Was die Rabbinen zur babylonischen Geschichte zu sagen haben, ist eine — richtige oder falsche — Exegese der Bibel. Weiter nichts. Salomon Funk ist anderer Ansicht. Er findet in den Aussprüchen der Amoräer „glänzende Bestätigungen" für Vermutungen Winklers, er glaubt an die „Echtheit" mancher Traditionen und betrachtet es als die Sache der Wissenschaft, den historischen Kern von der oft legendären Hülle zu befreien. Es ist hier nicht der Ort, im einzelnen nachzuweisen, daß diese Behauptungen der Kritik nicht stichhalten, daß vielmehr überall, wo die Rabbinen über die geschichtlichen Angaben der Bibel hinausgehen, ihre Ausführungen historisch wertlos sind und daß nicht ein einziges Mal ein echter Kern unter der legendären Hülle vorhanden ist. Einiges Wenige sei des Beispiels wegen angeführt. Ein Midrasch sagt: Wegen des Turmbaus zu Babel zog Assur aus und gründete vier Städte (Nr. 477). So wie es dasteht, wird das natürlich niemand für historisch halten. Aber der Turmbau ist „eine religiöse Bewegung", der Auszug Assur» „ein Freimachen von babylonischer Oberherrschaft", also: „unserer Stelle scheint ein historischer Kern zugrunde zu liegen". —??? Nr. 473: Ninive hatte 12 Marktplätze, jeder Markt 12 000 Menschen, 12 Hauptstraßen, jede Straße 12 Seitengassen, jede Gasse 12 Höfe, jeder Hof 12 Häuser, jedes Haus 12 Helden, jeder Held 12 Söhne. — So erzählt man ein Märchen, die Hölle ist ganz ähnlich eingerichtet. Da es aber, wenn auch nicht beweisbar, so doch möglich ist, daß der Tierkreiskult auf die Anlage von neuen Städten Einfluß hatte, so kann man auch in dieser Schilderung „einen Kern von Wahrheit" finden. —??? Nr. 492. Der Midrasch erzählt, daß Taharka und der Pharao (etwa wie Nikolaus und der Zar) von den Assyrern gefangen genommen und von Hiskia befreit wurden. — Wir wissen positiv, daß das durch und durch unhistorisch ist. Nach Funk „schimmert der Verlauf durch die Tradition durch. Hiskia scheint erst durch die gefesselten Aegypter von der Schlacht gegen Taharka erfahren zu haben." —??? Die Bemühungen, aus dem Talmud Beiträge für die babylonische Geschichte beizubringen, mußten scheitern, weil die Ausgabe unlösbar ist, weil es nicht menschenmöglich ist, aus den: Nichts ein Etwas zu schassen. Was übrig bleibt, ist weiter nichts als die Erklärung und Ausschmückung des Talmud in bezug auf babylonische Stellen der Bibel. Auch hiervon ist noch manches auszuscheiden. Fast der ganze Abschnitt „Medvpersisches Reich: Kultur" handelt von dem späteren Partherreiche, und die assyrische Schrift ist nicht die Keilschrift, sondern die hebräische Quadratschrift. Der Wert einer Zusammenstellung talmudischer Aussprüche über babylonische Geschichte soll damit nicht geleugnet werden. Wir erfahren daraus, in welchem Lichte den Rabbinen das alte Babel erschien. Wenn irgendwo altbabylonisches Gedankengut im Talmud enthalten ist, dann müßten es die letzten beiden großen Abschnitte „Weltbild" und „Weltanschauung" wiedergeben. Die Schwierigkeiten, die sich der Ueberlieferung geschichtlicher Ereignisse hemmend in den Weg stellen, fallen hier fort. Die | Monumenta talmudica, die diese Reste babylonischer Gedanken sammeln wollen, greifen hier über sich selbst hinaus und werden zu Uvnumenka juckaiea. Nicht nur aus sehr späten Midraschim, sondern auch aus dem Sohar werden hier zum Beweise des babylonischen Einflusses Stellen beigebracht. Wir finden in diesem Teile des Werkes Gedanken über die Schöpfung, über die Urwesen und die Teilung der Urgewässer, über die sieden Himmel und ihre Verbindung mit den Planeten, Vorstellungen von Sonne und Mond — die Sonne sägt am Himmel, daher die Sonnenstäubchen; der Mond wurde erst nachträglich zur Strafe verkleinert; wir erfahren etwas von der Einteilung der Sterne und Tierkreisbilder, von den Sonnenwenden und der Lage, der Erde im Weltall. Das Irdische ist vom Himmlischen bedingt, jedes Ding hat seinen Stern, und die Erde ist nur ein Abbild des Himmels, Palästina liegt in der Mitte der Länder, dem unteren Jerusalem entspricht ein oberes, der Tempelberg ist der Mittelpunkt der Welt. Es wird einige» Astronomische und Astrologische aus dem Talmud gebracht, das „Buch der Weisheit", die Märchen von dem Thron und der Rennbahn Salomos, die einen astralen Hintergrund haben. Ueberall ist hier im großen und ganzen babylonischer Einfluß außerordentlich wahrscheinlich, wenn auch die einzelnen Stellen nicht alle gleich beweiskräftig sind. In den „Geheimnissen der