Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1915)
- Date
- 1915-05-14
- Page
- Seite 233 (sequence 5)
- Language
- German
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233 ümnbcut zu Babel, und jene ältesten Gesetze über Mein und Dein, über Ehe und Familie in das Land Kanaan und drangen u das israelitische Volksempfinden ein. Von diesem Kulturlinfluß erzählen uns die ältesten biblischen Quellen. — Jahrunderte später zerstörten Assyrer und Babylonier die Reiche israel und Juda, Nebukadnezar führte die Juden ins babyonische Exil. Als sie unter Serubabel und Esra zurückkehrten, rächten sie wiederum babylonisches Kulturgut in die Heimat. Die jüdischen Monatsnamen, die Namen der Engel und die ebräische Quadratschrist legen heute noch Zeugnis davon ab. Beit mehr findet man in den spätbiblischen Büchern und der lachbiblischen Literatur. — Und endlich ging zum dritten Male ie Lehre von Babel aus: Hillel der Babylonier und eine große leihe der rabbinischen Größen in nachchristlicher Zeit lebten md lehrten in dem Lande am Euphrat und Tigris. Der Talnud erzählt uns von Abraham und dem Turmbau zu Babel, >on Nebukadnezar und dem Exil genau so wie von Hillel und 'lbbaArekha. Ist es möglich, daß er uns alte, ja vorisraelitische Traditionen bevahrt hat, die in >er Bibel fehlen? Der Band „Bibel and Babel" soll s beweisen. Er oill Lücken ausfüllen, die Keilnschriften und Tontafeln der Forschung gelassen haben. Bevor wir an die Beweise selbst herantreten, müssen wir uns aber das Wesen der mündlichen Ueberlieferung klar sein. Ueberlieferung ist die Weiter Vererbung von Sitten und Bräuchen, von Anschauungen, Ortsnamen und Volksliedern, all das, was sich unbewußt im Volke forterbt, was der Sohn dem Vater nachmacht, nachspricht und nachdenkt. Ueberlieferung ist aber auch die Weitererzählung von Tatsachen und Begebnissen, das, was bewußt der Erinnerung späterer Geschlechter eingefügt werden soll, was der Lehrer dem Schüler einprägen will. Nur dies ist eigentlich mündliche Lehre. Der Unterschied ist groß. Die unbewußte Ueberlieferung kann Jahrtausende lang fortleben, unverändert, dank dem Verharrungsvermögen der Menschheit. Die mündliche Lehre ändert sich unaufhörlich, verblaßt und verschwindet schließlich ganz infolge des Mangels an Gedächtniskraft; erst wenn sie schriftlich fixiert wird, ist sie gerettet. Die Ueberlieferung bewahrt nur, was ununterbrochen lebt. Das Tote verwest schnell. Nach wenigen Geschlechtern ist es unkenntlich. Das Werk „Bibel und Babel" vernachlässigt diese begrifflichen und zeitlichen Unterschiede, und das hat sich bitter gerächt. Im ersten Abschnitt „Land und Leute" befinden wir uns in dem Babylonien des ersten nachchristlichen Jahrtausends, das Funk in seinem Buche „Die Juden in Babylonien" meisterhaft geschildert hat. Wir lernen die Grenzen des Landes kennen, seine Städte, Kanäle und Flüsse, wir hören von seinem Wasserreichtum und seiner Fruchtbarkeit, von der Bewirtschaftung durch Pächter und Sklaven. Wir ek-! fahren etwas über die Verkehrsmittel und die Steuern, über! die Wohnungen und die buntgemischte Bevölkerung, die sich; aus Babyloniern, Chaldäern, Aramäern, Medern, Persern,; Arabern und Juden zusammensetzt. Eine Fülle von inter- > essanten Nachrichten, die mit Recht in die Einleitung zum I Talmud hineingehören. Zum Thema Bibel und Babel, d. h. zu i dem Babylonien der Keilinschriften (ca. 2000—500 vor d. ü. Z.),! sagen sie uns weniger. Freilich ändert sich die Natur eines j Landes wenig, und das Parther- und Neuperserreich der talmudischen Zeit sah nicht so sehr viel anders aus als das Reich von Sumer und Akkad ein paar Jahrtausende vorher. Hier wie dort wird das Land durch Pächter und Sklaven bestellt, hier wie dort wird die Größe eines Feldes danach bestimmt, wieviel Korn zur Aussaat daraus gebraucht wird; der Charakter des Landes bleibt derselbe, wenn sich auch die Kanäle verschieben; ein Teil der Ortschaften und ihre Namen bleiben, wenn auch die Rabbinen diese fremden Laute nicht mehr richtig zu deuten wußten. Der Verfasser hat sich der mühevollen und lohnenden Aufgabe unterzogen, die alten Städte zu identifizieren; er gibt überall, wo es nur möglich ist, zu den Zuständen der talmudischenZeit Parallelen aus den Keilinschriften; bereits damals mußte der Pächter den Schaden der Mißernte tragen, wurden die Sklaven mit Brandmarken gekennzeichnet, haftete der Verkäufer des Sklaven eine gewisse Zeit für Krankheit. Man sieht sofort, daß sind alles unbewußte Traditionen, die sich wohl erhalten können. Aber der Verfasser geht noch einen Schritt weiter, und hier können wir ihm nicht mehr folgen. Er glaubt, daß der Talmud auch die Erinnerung an historische Begebnisse gewahrt hat, die viele Jahrhunderte vor seiner Zeit lagen. Er erzählt uns, ohne Zweifel zu äußern, daß man 40 Jahre vor dem babylonischen Exil Palmen in Babel pflanzte (Nr. 43). Sieht man sich die Stelle im Zusammenhang in Echo rabba an, so erkennt man, daß das Ganze nur eine Predigt ist. Es heißt dort: „52 Jahre vor dem Exil flog kein Vogel über das Land Israel" (welch schreckliches Vorzeichen!), „40 Jahre vorher pflanzte man Palmen in Babel", „700 Arten reiner Fische, 800 Arten reiner Heuschrecken und unzählige reine Vögel gingen mit Israel ins Exil nach Babel und kehrten bis auf einen mit ihm zurück"! (So sorgte Gott für sein Volk, daß es auch in der Fremde Nahrung hatte.) Von den Vögeln, Heuschrecken und Fischen schreibt Funk nichts, er weiß ja auch selbst, daß die ganze Notiz unhistorisch ist, denn bereits 1300 Jahre vor dem babylonischen Exil unter Hammurabi spielten fruchttragende Palmen eine Rolle im Leben der Babylonier. Aber er hält es wenigstens für möglich, daß die Stelle mit einer später erfolgten Veredelung der Dattelpalme in irgendeiner H i-. Von den Emporen nach dem Allerheiligsten gesehen.