Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1915)
- Date
- 1915-05-14
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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280 Der Eifer für den Glauben ist daher nicht immer Glaubenseifer, das heißt ein aus dem Glauben entstehender und ausschließlich von diesem beherrschter Eifer, sondern, teils bewußt, teils unbewußt, ein Eifer der Selbstsucht, der unter dem Mantel des Glaubens die angewandten unerlaubten Mittel zu beschönigen sucht. Wie wäre es sonst möglich, daß jemand seinen Glauben als den der Liebe bezeichnet, der sanften Herzens und liebevoll wohltätig zu sein gebiete, gleichwohl um seines Glaubens willen lieblos bis zur Grausamkeit zu sein sich gestattet! Für seinen Glauben sterben, ist den jüdischen Glaubenslehrern die höchste Stufe der Gottesverehrung; aber sie stellen ebenso hoch und bezeichnen es mit ganz demselben Namen, wenn der Angehörige eines anderen Glaubens durch ein menschenfreundliches Verhalten von dem eigenen Glauben die Vorstellung seiner Göttlichkeit herbeiführt. Umgekehrt ist Lieblosigkeit gegen Andersgläubige das schwerste, der Gotteslästerung ganz gleich stehende Vergehen, weil hierdurch nicht etwa nur eine religiöse Vorschrift übertreten, sondern die Religion überhaupt herabgewürdigt wird. Die jüdische Religion stellt nicht die Anforderung, als die ausschließlich echte anerkannt zu werden. Wenn der Talmud, der nicht ansteht, einen heidnischen Jüngling in der Tugend, der Pietät und der Elternliebe als Muster anzupreisen, die Lehre predigt, „die Frommen aller Völker haben Anteil an der großen Verheißung der Zukunft", so lehrt er damit, daß auch den Bekennern anderer Religionen, sofern sie nicht den elementaren Begriffen der Menschlichkeit zuwider sind, das Prädikat der „Frömmigkeit" zukomme. In der Achtung entgegengesetzter Religionsanschauungen geht das Judentum so weit, daß die Talmudlehrer zur Pflicht machen, alles zu vermeiden, was ihren religiösen Sitten und Gebräuchen zuwider ist. Geringachtung fremder Ueberzeugungen widerspricht dem Begriff der Heiligkeit. Religion ohne Toleranz ist ein Baum, der keine Früchte trägt. Eine Lehre, sei deren Irrtum noch so groß, durch äußeren Zwang unterdrücken wollen, heißt den Irrtum zur Wahrheit stempeln, heißt ihm ein Zeugnis geben, daß der Geist zu schwach ist, mit Vernunftgründen ihn widerlegen zu können. Umgekehrt, eine Lehre, deren Wahrheit noch so vollkommen und erhaben ist, mittels äußeren Zwanges zur Anerkennung bringen wollen, heißt ihr das Siegel der Lüge, des Irrtums aufdrücken, von ihr das Geständnis ablegen, der Geist vermöge nicht, sie als Wahrheit zu begründen. Wahrheit muß und kann durch sich selbst sich erhalten, wie der Irrtum auch den Todeskeim schon in sich selbst trägt. Dir Woche. Berlin, den 1l. Mai 1915. er schöne große Erfolg, die Karpathenschlacht oder die Durchbruchsschlacht in We stgalizien , von der in der letzten Wochenübersicht noch kurz berichtet werden konnte, stellt sich immer mehr als eine glänzende Wafsentat und als ein außerordentlicher Fortschritt in dem Vorgehen der verbündeten deutschen und österreichisch-ungarischen Heere heraus. Eine Reihe wichtiger, vielumstrittener Punkte ist in den Besitz der verbündeten Heere gelangt, viele Tausende von Gefangenen sind gemacht, und eine reiche Kriegsbeute ist in unsere Hände gelangt. Da auch im östlichen Kriegsschauplatz unsere Unternehmungen guten Fortgang haben, Libau in unsere Hand gefallen ist, so ist die Lage Rußland gegenüber als eine vortreffliche zu bezeichnen. Nicht minder gut steht es im Westen. Die günstigen Stellungen, welche die Deutschen in der Gegend von Npern erworben haben, sind ihnen trotz aller Anstrengungen der Feinde nicht entrissen worden. Auch gegen die Franzosen bei C o m b r e: I und im Ailly Walde wurden sehr erfreuliche FortschrittI gemacht; auch hier ist die Zahl der gemachten Gefangenen un) I die errungene Beute ziemlich groß. I So könnte man sehr freudigen Gefühls in die Zukunft sehe , I wenn nicht ein dunkler Punkt übrigbliebe: I t at i e n. Die Ve -1 hältnisse zwischen Italien und Oesterreich-Ungarn (denn zwischei I uns und dem Südreiche gibt es keine Differenzpunkte) bleibe > I gespannt und bedrohlich. Die Verhandlungen sind noch nie! 11 abgebrochen, aber schienen manchmal dem Abbruch nahe. Wo : I eigentlich verhandelt wird, entzieht sich der Oeffentlichkeit. Kl, r I ist nur, daß Italien von den West- und den Zentralmächten vi l I umworben wird und daß es sich seine Neutralität von Oeste - reich gut bezahlen lassen will (Trentino u. a.). Wie hoch die , Forderungen gehen, ob Oesterreich bereit ist, sie überhaupt;■ .1 gewähren, oder ob es sich nur weigert, schon jetzt in die Abtretur 1 zu willigen, ob Italien von den Westmächten große Verspr I chungen erhalten und sich ihnen gegenüber fest gebunden hat das sind alles Fragen, über die wir eine bestimmte Antwv; nicht erteilen können. Ebensowenig vermag man anzugebe, welche Folgen durch ein bewaffnetes Eingreifen Italiens en stehen können. Nur das eine darf man wohl sagen, daß dur, eine Teilnahme Italiens gegen uns alle Begriffe von Bündel treue vernichtet würden. Wir Deutsche glaubten, in Italic immer unseren Freund, ein im Geiste von uns bewundertes, nr uns vereintes Land zu sehen; es wäre unendlich schmerzvoll, 1 im Bunde mit unseren Feinden zu erblicken. „Feinde ringsum", so lautet der traurige Ruf nun schon sei drei viertel Jahren. Wir haben uns bisher aller Gegner er wehrt, haben den Krieg in Feindesland getragen und bilde überall eine so feste Wehr, daß sie allerorten kleinlaut geworde sind und schier verzweifeln, uns zu vertreiben und unser Lau zu besetzen — möge ein gütiges Geschick uns weiter helfe. Für den Kulturfreund ist es ein entsetzlicher Gedanke, daß an, Italiens gesegnete, freilich in früheren Jahrhunderten oft heim gesuchte Fluren zum Schauplatz blutigen Ringens gemach ,würden; aber hier können wir, fast noch mit größerem Recht sagen: Nicht unsere Schuld ist es. * Von Herrn Heinrich Dresel, freiwilliger Sanitäter beim Roten Kreuz (Brüssel, Soldatenheim), erhalten wir (wahr scheinlich mit Bezug auf den Artikel Herzbergs in Nr. 16 von l6. April) folgende Zuschrift, der wir gern Raum geben: Von Hause (Berlin) erfahre ich soeben, daß in Ihrem ge schätzten Blatt, das ich allerdings zu meinem Bedauern nich selbst gelesen habe, vom 13. April d. I. ein Artikel erschienen ist der sich mit der freiwilligen Krankenpflege im Kriege (offiziell Bezeichnung für diese Abteilung des „Roten Kreuzes") befaß. Unter anderem wird darin die Anregung gegeben, daß di Namen der jüdischen freiwilligen Kräfte genannt werde: sollen, da diesen keine Auszeichnungen zuteil werden würden Natürlich muß ich dahingestellt lassen, ob ich richtig ver ständigt bin, oder auch, ob der Sinn ein anderer als von mi aufgesaßter ist. Jedenfalls wollte ich nur — falls es für Sst von Interesse ist — zu dieser Frage Stellung nehmen, da ic häufig genug aus Kreisen meiner Angehörigen und Bekannteganz fälsche Vorstellungen zu erfahren bekomme. Am 1., 2. und 3. August versuchte ich vergebens, mich fü die Front als Freiwilliger zu melden, ich wurde aber leide, als dienstuntauglich nicht genommen. Nun meldete ich miä beim „Roten Kreuz", wurde hier der Universitätsabteilum überwiesen, erst theoretisch und dann praktisch im Virchow- Krankenhaus ausgebildet. Außer mir waren noch weitere Kameraden jüdischer Konfession, doch herrschte gleich von Anfang an ein durchaus harmonischer Ton, der bald zur kameradschaftlichen Verschmelzung führte. Als wir Anfang Oktober zur