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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-14 · Heft 20 (14.5.1915) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 20 (14.5.1915)
Date
1915-05-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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? >. Jahrgang Nr. 20 Berlin, 14. Mai 1915 ♦ Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Vegründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson I f»- «-dak.,°n Unter Leitung des Expedition sind an die Adresse: Verlag der Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger ’Ä Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 I *>en »ttHn. Diefc Zeitung erscheint wächentUch. A bonnements«ssre)s; durch den Buchhandel oder die ssost (in Berlin und vorigen durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 IN. — Postscheckkonto 324i. Toleranz. Von Dr. V. Seligkowitz, Köthen. — Die Woche. — Ein Prachtwerk über die Essener Synagoge, an L. G. — Monumenta talmudioa. Von Rudolf L esz yn sky. — Karl pitteier und wir. Von Ludwig Geiger. — Eine „jüdische Trauung" us dem Resitenzschlosse eines regierenden deutschen Fürsten. Von Adolf chweitzer, Architekt in Dessau. — Feuilleton: Der lange Rock, oman von Anna Goldschmidt. — Das Judenmädel. Von Maria oponiucka. Deutsch von S. Horowitz. — Lesefrüchte. — Literarische 'Mitteilungen Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judenmrs"). Berlin, Posen, Görlitz, Altona, Magdeburg, Minden i. W., Nürnrg, Mannheim, Wien, London. — Von Rah und Fern. Tolrrsn?. Von Dr. B. Seligkowitz, Köthen. Zum W o ch e n f e st. eligion gehört zu den subjektiven Aeußerungen der Menschennatur, ist Sache des Gefühls, des Gemütes,; 's Herzens. Perlen sucht man in der Tiefe des Meeres, eligion sucht man in der Tiefe des Herzens. Was aber mein nneres tief ergreift, die Saiten der Seele in rhythmische chwingungen bringt, muß nicht immer in dem Herzen eines i nderen eine gleichergreifende Wirkung erzielen. In seinem : benbild schafft sich der Mensch seine Gottheit. Nur das, was i r in seinem Selbstbewußtsein entwickelt hat, wird ihm zum 'and zwischen dem Sinnlichen und Uebersinnlichen, das heißt >r Religion. Obgleich die Religion ein Erbteil der Väter ist, i iüssen wir sie uns dennoch erst erwerben, um sie unser volles esitztum zu nennen; jeder aber erwirbt sie sich in anderer rt, in anderem Grad. Vor der Gottheit beugt sich der Bettler; ie der König, der Glückliche wie der Unglückliche. Dennoch t Gott „jedem ein anderer". Das Kind, der Mann, der « reis, der Arme, der Reiche, der Leidende, der Hoffende, der ugendhafte, der Reuige, der Sterbende — sie alle haben einen 1 ott, aber nicht denselben. „Ich ruse Himmel und Erde zu Zeugen an, daß alle, , sraelit oder Nichtisraelit, Mann und Frau, Sklave lind Magd,! ach Maßgabe und Reife ihres Lebens und Handelns die Offen- - arung Gottes empfangen." (Tanna debe Elia rabba 9.) Aus den Einzelentwicklungen resultiert die Gesamtentwick- > mg. Religion ist die edelste Manifestation des Volksgeistes,! ,'ht im innigsten Zusammenhang mit dem Volksleben und (er Eigenart der Volksnatur. Wie aber die Individualität ( 's Menschen ihrem Grundcharakter nach bei jedem Volke in Olderer Eigentümlichkeit sich gestaltet, so gewinnt auch die eligion, die das Wesen des Volksgeistes am schärfsten aus-; lägt, bei jedem Volk eine andere Eigenart, einen anderen 1 harakter. In solchem Sinn darf man sagen, daß jedes Volk 'ine eigene besondere Offenbarung von Gott empfangen hat. ■ r ist aber nicht minder groß, weil er von jedem Volk anders ' rfaßt, in jeder Zeit und von jedem Geschlecht anders angcbetet wird. Ein alter jüdischer Lehrer vergleicht die Verschiedenheit der Religionsmeinungen unter den Menschen mit der Mannigfaltigkeit in Form, Ausdruck und Bildung des menschlichen Gesichts. „So wenig ihre Gesichter, so wenig sind ihre Gedanken gleich." Das Gleichmäßige und Einförmige ist etwas Ungehöriges und Unschönes, der gesamten Naturordnung, dem offenkundigen Plan des Schöpfers zuwider. In jedem Glauben und in jeder Philosophie ist eine Mischung von Wahrem und Unwahrem. Die vollere Einsicht aber liegt in der Erkenntnis, daß gerade der Kampf der Meinungen die höchste Wahrheit sei. Jede Unduldsamkeit dagegen und jeder Fanatismus, auf welcher Seite sie sich auch zeigen mögen, stören immer den Wettkampf der Geister, in dem allein die Wahrheit ihr Leben betätigt. Das lehrt ein großer, weiter Blick in die Geschichte. Leben und Blüte in Wissen und Glauben zeigen uns nur solche Zeiten, in denen sich die Meinungen aneinander reiben; die Zeiten dagegen, in denen alles in gleicher Weise auf einen Kodex schwört, sind immer Zeiten der Erstarrung. Die Religion selbst lehrt, daß dem Menschen die absolute Wahrheit, das Antlitz Gottes, ewig verhüllt bleibt. Nur die menschliche, die relative Wahrheit vermag er sich zu erringen. „Wahrheit ist der Name und das Siegel Gottes." Daher bleibt sie dem Menschen, als zeitlichem Wesen, seinem von Raum und Zeit eingeschlossenen Denken und Begreifen ewig entrückt. Wie erhaben und ergreifend schildert die Heilige Schrift die Sehnsucht des größten Propheten und Gesetzgebers, das Antlitz Gottes ungetrübt, in seinem vollen Glanz, in der majestätischen Reinheit, ohne die Verhüllung zu erschauen, die die Beschränktheit des menschlichen Denkvermögens bedingt! Nur jene Seite des göttlichen Bildes, das sich im großen All widerspiegelt, war ihm zu sehen vergönnt. Die Religion hat nur das Gute und dessen Uebung, die Gestaltung des Lebens zum Segen, als Aufgabe. Nur das soll sie lehren, nur darüber die Menschen unteriveisen. Diese Begrenzung des Lehrgebietes der Religion ist nicht etwa modern, sie ist so alt wie die Lehre Moses. Der große Gesetzgeber erklärt selbst die Religion nicht anders. „Siehe, ich lege vor dich das Leben und das Gute, den Tod und das Böse, wenn ich dir das Gebot gebe." — Die Antithese Religion und Unreligiou ist also: Leben und Tod, Segen und Fluch, oder was dasselbe: das Gute und das Böse — nicht aber: die Wahrheit und die Lüge. Diese bleiben der Gedankenarbeit des Menschen anheimgegeben, der zu diesem Zweck mit Geist ausgestattet ist. Die Wahrheit, auch die menschliche, relative, ist ausschließend, darum unerbittlich und oft hartherzig. Allein das Gute, der Segen, darf nie in Widerspruch zum Humanen geraten. Wo das geschieht, hört das Gute auf, Segen zu sein. Die Religion ist dann nicht mehr Religion, weil es mit ihrem eigensten Wesen, der Liebe, sich nicht verträgt, wenn sie die Heiligtümer anderer gering achtet.

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