Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1915)
- Date
- 1915-05-07
- Page
- Seite 225 (sequence 9)
- Language
- German
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225 ugend Strindbergs und weiter sein Leben qualvoll durchhütterte, sollte, wahrlich nicht sensationell, sondern einfach ut-wahrhaftig schon im Titel als Grundmotiv anklingcn. er Vater Strindbergs, ein begüterter Kaufmann, der freilich nitet: schwere Verluste erlitt, hatte ein Mädchen anderer Gell schastsschicht, dienenden Standes, geheiratet — Strindbergs iuttet. Da nun der Jüngling Johann (mit diesem Vornamen erlauscht der Held seinen eigentlichen, August), nachdem er e höchste Schulvorbildung genossen, als völlig mittelloser, m Haus aus nicht unterstützter Student der Philologie in :e bitterste Lage gerät, bleibt ihm nichts anderes übrig, als pfala zu verlassen und in Stockholm eine Volksschullehrerelle anzunehmen, um sich privatim zum Doktor vvrzubereiten. wer während ihn das jeder äußeren Not enthebt, duldet er tfür seelisch zwei Jahre lang das härteste Marthrium: er ihlt in sich, sei es durch Stand und Erziehung des Vaters, i es in Vorahnung seines eigentlichen Berufs, alle Hineigungen des aristokratischen Individuums und muß nun!i Aermsten der Armen unter Aufsicht einer noch völlig reckionüren Schulverwaltung täglich alles das Predigen, ja gealtsam einbläuen, was (seiner Ansicht nach) „die höhere Gellschaftsklasse lediglich erfunden hat, um die niedere ständig Dienst und Abhängigkeit von sich zu erhalten". Muß strau und züchtigen, wo vielleicht liebendes Verstehen am Platze äre; muß in furchtbare häusliche Verhältnisse blicken, die - gentlich jedes programmäßige Lehren und Befehlen schon erannisch und herzlos erscheinen lassen. Denn dies andere r wiederum bei aller Vorliebe für das Gepflegte und Sauberesthetische das nie unterdrückte mütterliche Erbe in ihm: in ursprüngliches Gefühl und Gewissen, daß es ihn von Natur ud Herkunft so auch stets zu den Kindern der Not und des lcnds gestellt habe, ihnen nicht wie ein Fremder und Außenchender, sondern als einer der Ihren zu begegnen — und eides zusammen ist es, was jahrelang in einenr Genius wie trindberg die empfindlichste seelische Reibfläche schuf, vielicht überhaupt den Grund zu mancher ja noch später oft ankhaft gesteigerten Reizbarkeit und Sensibilität legte. Denn .er, in solchem Hinundhergezerrtwerden, kam er sich häufig einig wie der schlimmste Ueberläufer und Verräter vor: da der ist es eben jener jüdische Arzt in Stockholm gewesen -essen Bekanntschaft ihm ein Freund vermittelt hatte), der das om Jüngling verschlossen mit sich herumgetragene Leiden erninte und ihm auf den Kopf zusagte, der dann weiter ihn so- >rt bewog, fein Studium zu wechseln, und selbst die Mittel ir ein neues wie gleichzeitig zur Lösung aller Schulbeziehunen aufbrachte, indem er ihm sein Haus als Wohnung anbot, aizig die Beaufsichtigung zweier Söhne ihm anvertrauend. Wenn nun auch das, wozu der Arzt riet: nämlich das medinische Studium zu ergreifen, noch keineswegs des Dichters tztes Wesen und hohe Bestimmung in Betracht zu ziehen ästen, so half ihm dieser Mann doch tatsächlich durch sein echtzeitiges Eingreifen die iveitaus fundamentalere Krisis iner Jugend einerseits überwinden; andererseits war auch trindbergs Vorliebe für alle Naturwissenschaften eine längst » Keim begründete, der er also damals die erste positive und kindliche Nahrung zuführen konnte, was für den späteren aturphilosophen bekanntlich von höchster Wichtigkeit wurde, eradezu entscheidend auch nach der poetischen und ästhetischen Ante hin wurde aber endlich seine Uebersiedlung in die Fanlie, in das jüdische Haus als solches: Strindberg lernte, wie c sich ausdrückt, hier ein Mittleres, eine „Mittelklasse" keneti, gewissermaßen einen Ausgleich und neutralen Boden wischen den seit Ewigkeiten blutig ringenden Parteien der when und Niederen, der Herren und Sklaven, der Besehlen- -fn und Dienenden, die das einzelne Individuum zu zermalmen drohen. Dieser „Boden" war ja gleichsam nicht zu fassen, er bestand nur in einer Atmosphäre, einer geistigen Luft der Bildung und Geselligkeit, einer Luft, in der aber ein Elender und Verfolgter — und sind z. B. Juden in der Welt nicht oft genug Aeußerlich-Elende gewesen? •— genau so glücklich und gut gedeihen konnte wie ein Freier und Fürst. Der Arzt, der sich Strindbergs annahm, war kein trockener Fachmensch, sondern interessierte sich für alle Gebiete kulturellen Lebens; besonders aber auch die Frau scheint eine große Liebhaberin der Poesie und Künste gewesen zu sein, sie wußte literarische Zirkel um sich zu sammeln und hohe oder anmutige Gespräche in Fluß zu bringen, bei denen es dem noch dunkel-strebenden Jüngling wohl und klar wurde — doch lassen wir ihn nun selbst erzählen:') „Bei den Heimatlosen, den Israeliten, fand Johann jetzt sein neues Heim. Sofort schlug ihm eine neue Lust entgegen. Keine Erinnerung ans Christentum: man quälte weder sich selber noch andere . . . Was wollen die, welche an die Bedeutung des Christentums in der Entwicklung glauben, von einem Volk sagen, das zweitausend Jahre der Weltgeschichte ohne Christentum gelebt und sich zu einer solchen Kulturhöhe wie die anderen erhoben hat, daß es beinahe vollständig in die christliche Gesellschaft hat übergehen können! Sollte vielleicht die europäische „Weltgeschichte" das Christentum entbehren können: Kirchenversammlungen, Päpste, Inquisition, Dreißigjährigen Krieg, Luther? Sollte vielleicht das Christentum ganz einfach eine Periode der Vermenschlichung gewesen sein, die eintreten mußte und mit der Entstehung der Kirche lediglich zusammenfiel, aber nicht von i h r a b h ä u g i g war? Der Mohammedaner und der Buddhist können ja ebenso human sein wie der Christ, trotzdem die ersten den letzten nur treffen, wenn von Menschlichkeit keine Rede ist: nämlich in Kriegszeit. Hier ist gut sein, dachte Johann; das sind befreite Menschen, die aus den Kulturen aller Länder das Beste geholt haben, ohne das Schlechte haben mitnehmen zu müssen. Sie waren viel aus Reisen gewesen, hatten Verwandte im Ausland, sprachen alle Sprachen, empfingen Ausländer im Haus. Alle großen und kleinen Angelegenheiten des Landes wurden besprochen und mit den ausländischen Originalen verglichen; dadurch bekam man einen größeren Gesichtskreis und konnte das Vaterländische richtiger einschätzen. Die patriarchalische Leitung der Familie hatte nicht die Form von Familientyrannei angenommen; im Gegenteil behandelten die Kinder ihre Eltern mehr wie ihresgleichen, und die Eltern waren zärtlich, ohne kleinlich zu sein ... Die Kinder Israel nehmen eine eigentümliche Ausnahmestellung in sozialer Hinsicht ein. Sie haben die Messiasverheißung vergessen und glauben nicht daran. (?) In den meisten Ländern Europas sind sie Mittelklasse geblieben. Unterklasse zu werden, war ihnen wohl verweigert, wenn auch nicht in der Ausdehnung, wie nmn gewöhnlich glaubt. Oberklasse zu werden, ebenfalls. Darum fühlen sie sich nicht verwandt mit der Unterklasse und auch nicht mit der Oberklasse. S i e sind A r i st o k r a t e n aus G e w o h n h e i t und Neigung, haben aber dasselbe Interesse tu i e die Unterklasse: nämlich den Stein, der oben liegt und drückt, ab zu heben." Nachdem Strindberg noch eine interessante soziologische Hypothese eingeflochten, wonach, ohne festen Staat und Nation zu sein, vielleicht gerade den Vorteil mit sich bringe: „daß die Intelligenz immer am Leben erhalten wird"; denn „unaufhörliche Wachsamkeit, beständige Beobachtung, neue und reiche Erfahrungen bieten sich dem Wandernden, während der Stillh Ans „Der Sohn einer Magd" von August Strindberg. Verdeutscht von Emil Schering. München und Leipzig bei Georg Müller, 1909.