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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-07 · Heft 19 (7.5.1915) · p. Seite 224

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 19 (7.5.1915)
Date
1915-05-07
Page
Seite 224 (sequence 8)
Language
German
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224 Unordnung aufmarschieren. Ein solches Verfahren ist ungerechtfertigt, es wäre besser gewesen, wenn eine chronologische oder geographische Folge in gewisser Weise gewahrt worden wäre. Tie Einteilung des Buches ist folgende Unser Wesen; Kunst, Kultur und Wissenschaft; Geschichte, Staat, Allgemeinheit; Unser Heer; Kaiser Wilhelm 11.; Made in Germany. Gegen die Einteilung ist nichts Besonderes zu bemerken, dagegen muß ich tnbelii, daß die Quellen so ungenau angegeben werden. Meist lvird nur der Autor, nicht einmal seil! Werk genannt, häufig lvird das Fahr, in dem der Ausspruch getan isthinzngefügt; es lväre notwendig gelvesen, nicht nur den genauen Titel des Buches, sondern auch Balld und Seite anzug-eben, wo der Ausspruch zu finden ist. Während die abgedruckten Stellen meist voll Lobes sind, geben die zahlreichen, meist französischen Karikaturen den ganzen Spott und zum Teil den vollen Ingrimm der fremden Völker über deutsche Zustände lvieder; rnanche der Karikaturen verspotten allerdings auch einzelne Zustände und Eigenschaften, z. B. die Ruhmredigkeit ihres eigenen Landen. Tadelnde Aussprüche finden sich selten. Recht beherzigenswert ist das Wort eines Engländers (S. 5.1) über die Schnelligkeit, mit der die Deutschen im Ausland ihr eigenes Wesen vergessen und die Nationalität und Eigenart der Fremden annehmen. Das letzte hier anzusührende Buch ist der zlveite Band eines Sammelwerksjl), den ersten habe ich nicht gesehen. Es beginnt mit dem *2*J. August und schließt mit dem 31. Dezember 1914. Neben diesem Hauptteil, in welchem Berichte französischer, englischer, amerikanischer, auch Schweizer Blätter mitgeteilt werden, folgt als eine Art Anhang eine „chronologische Ilebersicht über die Kriegsereignisse aus derselben Zeit nach amtlichen deutschen Quellen". Tie Lügen, die in dem Hauptteil zusanuuengedruckt werden, sind teillveise von einer Ungeheuerlichkeit, die jeder Beschreibung spottet. Deutsche Greueltaken, deutsche Niederlagen, Hochherzigkeit der Gegner werden in bunter Reihe aufgetischt. So erniedrigend auch die Lektüre solcher Erbärmlichkeiten wirkt, so ist es doch gut, sich derartiges zu merken, nicht nur um die Qualität der Gegner zu erkennen, mit denen umn es zu tun hat, sondern vor allem auch um diese Aeußeruug später einmal den Deutschen eutgegenzuhalteu, die sich in der Rachahnmng und Beweihräucherung des Auslandes nicht genug tun können. August Strindberg und wir Juden. Von Dr. E r n st Sa m u e l - R u e st. 3rt einem vornehmen Theater Berlins^ sieht man jetzt fast allabendlich ein Drama von Strindberg: eins jener tief aufwühlenden, von vielen noch immer so gefürchteten Seelengemälde, in denen der letzte und schonungsloseste Bekenner der Menschennatnr den schlimmsten und ewigen Krieg der bösen Herzenstriebe enthüllt einen so schrecklichen Krieg, daß ihm der Mensch (diese Betrachtung drängte sich mir unwillkürlich auf!) zuweilen nur durch das sittlicheLäuterungsbad äußeren Schreckens und furchtbaren Todesdrohens zu entrinnen vermag! Ja, dieses Stück „Rausch", 1899 geschrieben, spricht wohl noch scheinbar von einer Periode tiefsten Friedens, weil nur vom Rausch der Leidenschaft und vom Rausch des Ruhmes die Rede ist; aber wie ein Alptraum an der Grenze des Erwachens zeigt es alle natürlichen Verhältnisse plötzlich verkehrt, alle Fäden des Lebens verwirrt, ertappt unser Handeln, Sprechen, Lieben auf Unwahrheit, unsere heimlichsten Gedanken auf Mord und Sünde, und da endlich lvieder alles eingerenkt und äußerlich im Gleise, so ist doch irgend etlvas in uns selbst zerbrochen. Wir ahnen, über was für Abgründe nur eigentlich ständig wandeln, und jähes Erschrecken warnt uns eine Weile vor jenen Kompromissen, mit denen wir alle, alle ein letztes Feigsein und Bangen ver- ") Am Pranger. Der Lngenfeldzug unserer Feinde. Eine weitere Gegenüberstellung deutscher, englischer, frauZösischer und russischer Nachrichten, n. a. der W. T. B.-, Reuter-, Havas- und P. T. A.-Telegraurme über den Weltkrieg 1914/15. Bon Reinljold Anton. Verlag von Otto Gustav Zehrfeld in Leipzig-N. 1915. h Theater in der Königgrätzer Straße: „R a u s ch", Schauspiel in vier Akten von August Strindberg. Ilebersetzt von Emil Schering. Spielleitung Karl Meinhard. schleiern. August Strindberg, ein Wahrheitsucher erste! Ranges, eine tief-religiöse Natur, die ihren großen sittliche! Läuterungsprozeß charakteristisch auch einmal unter de» hohen Namen „Jakob ringt" beschrieben hat, hat seine ge samten zahlreichen Werke, die alle von der feinsten Blüte mv derner Kultur und raffinierter Geistigkeit widerwillig Zeug nis ablegen, genau während der langen Epoche tiefsten euro päischen Friedens schaffen können (1870—1910); wenn mu fast unmittelbar über seinem Grabe die Waffen rasselten, di Schwerter ans der Scheide fuhren, so ist das keineswegs be ziehnngslos. es ist nur sein lebenslanger Kampf gegen di Lüge der Gesellschaft, gegen Heuchelei und Unnatur, gegen herzlosen Rationalismus und Atheismus wieder einmal audem Symbol in die Tat übersetzt! Denn immer, immer still es ja zuletzt Ideen in der Weltgeschichte, welche kämpfen „Der bewußte Wille in der Weltgeschichte" — diesen, fas jüdisch (prophetisch!) klingenden Titel trug noch eins seine spätesten Bücher. Und seltsam zu sehen, zu denken: nun sitze» allabendlich vor dem hochkünstlerischen Stück und Spiel mitte» in einem eleganten Publikum, das wohl nur eine Stunde die bösen Gedanken des Krieges hinwegtränmen möchte, bleichl und rauhe Gestalten, genesende Krieger, harte eckige Bauern schädel oder Söhne oft des allerärmsten Volkes"). Gewiß, di da so andächtig lauschen, folgen wohl nur dem äußeren Fade» merken das sinnlich-bunte Spiel und Theater; aber wem Strindberg selbst sie heute so erblickte, ihm, der in allem cii geistiges Omen fand, wäre vielleicht, als sei die „Unterklasse' — die hier in ihrer Geradheit und Einfachheit dem haltlos ge wordenen Kulturmenschen gegenüber-gestellt wird — nun plötz lieh in Person vor der „Oberklassc" erschienen, um in eine Stunde der gewaltigsten äußeren Entscheidungen Mitleid un- Warnung zugleich davonzutragen: Mitleid für jedes verirrt! und verworrene Gefühl überhaupt und Warnung, nicht selbs: einmal den schlimmen Lügenfirnis der Kultur gegen die ehr liehe Arbeiterfaust und das wehrhafte Waffenkleid heute z» vertauschen. Es gibt noch viele andere Konflikte und Probleme in diesen- Stück, zum Beispiel eines, das wieder schon unsere Väter vs! und mächtig erregt hat, inwiefern nämlich die bloße Wunsch und Gedankensünde bereits die göttliche Weltordnung ansechte und der Mensch daher mit aller Willenskraft hauptsächlich de» Jezer Hora in seiner Brust zu besiegen trachten müsse: aber ich möchte jüdische Leser heute vor allein auf dieses soziale Grund Problem des großen schwedischen Dichters hinlenken, das, wie hier noch den Fünfzigjährigen, mit weit größerer Schärfe und Bitterkeit schon den jungen Studenten in Upsala geplagt hat und aus dem einen Ausweg zu finden und erste Schritte der Versöhnung anzubahnen, die Familie eines jüdischen Arztes i» Stockholm (wie wenigen bekannt sein dürste) ihm einst geholfen hat. Und zwar ist dies keineswegs -etwa eine sinnloaus seinem Leben aufgeklaubte und herausgerissene Episode sondern damit in engster Verbindung stehen überhaupt die gesamten Anfänge von Strindbergs dichterischem wie natnr philosophischem Schassen, dessen besonders schmerzhaften gei stigen Geburtswehen dieser jüdische Arzt — sein Name wirk nicht genannt — treu und aufopfernd zur Seite gestanden hat gleichsam wie physischen! Wie aber auch Strindberg wiederui» zeit seines Lebens der unverbrüchlichste und dankbarste Freund bleiben konnte, beweist er schon damit, daß er selbst für dies alles nun unser Hauptgewährsmann ist — in sein ein autobiographischen Werk nämlich, „Der Sohn einer Magd" (1886)"). Sohn einer Magd: der ganze soziale Konflikt, der die ft Viele Berliner Theater sind jetzt für alle Krieger unentgeltlich geöffnet. ft Vgl. Anglist Strindbergs Werke. Deutsche Ausgabe unter Mitivirkung von Emil Schering als Uebersetzer vom Dichter selbst veranstaltet. München und Leipzig bei Georg Müller.

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