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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-07 · Heft 19 (7.5.1915) · p. Seite 218

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 19 (7.5.1915)
Date
1915-05-07
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
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218 unserer Weisen der Stätte der öffentlichen Belehrung der erste Preis. Kanzel und Katheder überragen im Judentum seit jeher alle anderen Anstalten. Die regelmäßige Vorlesung und Erläuterung aus dem Gesetz und den Propheten bildeten den Mittelpunkt des jüdischen Gottesdienstes. Nicht Andachterweckung und künstliche Erregung religiöser Stimmung, sogenannte Erbauung, war und ist Zweck (sogenannter) des jüdischen Gottesdienstes, sondern Belehrung, Verlebendigung der zugleich religiösen und sittlichen Wahrheiten, daß sie jedem einzelnen zu jeder Zeit gegenwärtig bleiben könnten. Aus diesen Vorlesungen gingen die Versionen, die Septuaginta und die übrigen griechischen Uebersetzungen, die Midraschim, die Homilie und die Predigt hervor. Es war ein fruchtbarer Keim, der viele Stämme, Zweige und Blüten trieb. Besonnene Belehrung, Erweckung der logischen Elemente in der Seele, Erfassung der Lehrwahrheiten mit dem Verstände sind eben für das Judentum typisch. Dagegen ist Gefühlsüberrcizung, Schwärmerei für das Religiöse, die so oft in Andächtelei und Mystik ausartet, durchaus unjüdisch. Die etvigen Muster für religiöse Erweckung, die Propheten, haben mit Logik operiert, vermöge des Verstandes auf das Gemüt gewirkt. Im Judentum herrschte stets eine lebendige Regsamkeit; eine unaufhörliche Geistesfriktion gab dem Studium stets neuen Aufschwung. Und überschaut man das Ganze des Judentums und seinen Entwicklungsgang, so wiegt neben dem tiefsten, innigsten Glauben eine scharfe Verstandesrichtung vor, das Judentum vor dem Einherschreiten auf den Stelzen einer Ekstase bewahrend, die sich in Visionen, Verzückungen und Unbegreiflichkeiten berauscht und ihren Triumph darin erblickt, den Verstand zu unterjochen. Das Judentum befiehlt nicht, „du sollst glauben" •— was allerdings nicht ohne Obskurantismus und Knechtung des Geistes angeht —, sondern befiehlt, „du sollst lernen und forschen". Im Judentum soll es nicht eine Gemeinde geben, die an dem L e i t s e i l eines g e i st l i ch e u H i r t e n g e l e i t e t w i r d, die Gemeinde soll nicht zum blinden Gehorsam sich h i n n e i g e n, noch G e i st l i ch e als höhere Kasten über sich haben; nur die wissenschaftliche B es äh ig u n g, der Fortschritt und die Vollkommenheit erteilen den Vorzug, erheben zum Lehrer. Daraus ist erklärlich, warum es im Judentum von jeher so schwer fiel, die Gemeinschaft durch die Autorität der einzelnen zu leiten, und es blieb daher auch vor List, Eigensucht, Betrug und Eigendünkel geschützt und bis zu diesem Tag der göttlichen Lehre und dem menschlichen Verstand unentrückt. Während viele Nationen durch Mysterien, heilig gehaltene Kasten und gesonderte Orden gezügelt wurden, stand Israel mit der Thora in der Hand, festen Blickes hineinschauend, gesunden Verstandes genau vergleichend, ob auch die Bestrebungen seiner Lehrer und Führer mit dem unverwüstlichen Wort Gottes vereinbar seien. Einsiedler blieben ihm fremd, magische und wundertuende Kreise hatten bei ihm keinen besonderen Wert. Da ferner das Judentum keine Geheimnisse hatte, so war der Zutritt zum Studium von selbst jedermann geöffnet, bedurfte es nicht der besonderen Weihe, um die heiligen Vorhöfe zu betreten. Diese Geistesfreiheit aber hat dem Juden von jeher seinen Glauben zu einer nimmer versiegenden Quelle geistiger Erfrischung und Stärkung gemacht. Denn wie das am Himmel leuchtende Gestirn infolge seiner gewaltigen Höhe uns überall hin folgt, wohin wir auch gehen, so schritt der jüdische Denker mit der jüdischen Wissenschaft fort und sah sich doch von der Sonne seiner Religion begleitet. Die bedeutendsten und schärfsten Denker in Israel haben die schärfste Verstandesentwicklung mit der innigsten Gläubigkeit vereinigt. So bildet das vernunftgemäße Denken ein so starkes Element des Judentums und ist es der Schöpfer eines so energischen Bewußtsein .', daß wir seine Wiederkehr in das Judentum nicht hoch genuz anzuschlagen und fest genug zu halten haben. In der ganzen Thora ist kein einziges Wort, das „Glauben" bedeutet; d e Propheten bedienen sich mit auffallender Vorliebe des An druckes „Gotteserkenntnis". Nur die tiefe Ueberzeugung un ) die aus dieser erfließende Gesinnungstüchtigkeit schaffen eil? wahre und dauernde Begeisterung für das Judentum. T.• bloße Gefühlsseligkeit und das ungebundene Spiel der Phai taste führen zu allen möglichen Auswüchsen und Verirrunge; des Geistes. mt Woche. Berlin, den 4. Mni 1018. un ist bereits der zehnte Monat des furchtbare > Weltkrieges herangekommen, und ein Ende ist noch go nicht abzusehen. Man kann freilich sagen, daß man in eine ne» Phase eingetreten ist. Denn der schöne Erfolg in Flander von dem in.der letzten Nummer berichtet werden konnte, b zeichnet den Beginn einer neuen und starken Offensive. Trc; aller Abschwächungsversuche der gegnerischen Presse läßt si i dieser Erfolg nicht leugnen; die Bemühungen der Feinde, d> gewonnene Gebiet den Deutschen zu entreißen, sind erfolgt: geblieben. Freilich gegenüber der Zähigkeit, der Menge un der Wut der Feinde ist es nur ein kleiner Schritt, aber es i ein Schritt vorwärts. Auch gegen Dünkirchen ist man i» Bomben losgegangen, und die Franzosen selbst gestehen erheb liche Verluste zu, die sie erlitten haben. Auch in Rußland ist ein Vorstoß erfolgt, weder in der Kar pathengegend, wo die Russen einstweilen zum >Schweigen g bracht sind, noch in der Umgegend Warschaus, woher man st: vielen Wochen nichts vernimmt, sondern in den russischen Ostseprovinzen. Es wird gemeldet, daß die Deutschen die Eisen bahnlinie Libau — Düna bürg erreicht und daß sic Kämpfe in der Mitte dieser Linie bei Szawle (oder Szwale) cn wickelt haben. Möglicherweise besteht die Absicht, Mitau zu ec reichen; beabsichtigt und teilweise erreicht ist die Besetzung de westlichen Teils des Gouvernements Kowno. Die Folge diese hoffentlich mit starken Kräften unternommenen Zuges könnt die sein, daß damit jeder Versuch eines neuen Angriffs de Russen gegen Ostpreußen verhindert, anderseits aber auet ein Einfluß aus die Kämpfe in den Karpathen und Südos! galizien geübt wird. Da auch die Unterseeboote wacker bei der Arbeit sind, d ferner die Türkei sich kräftig ihrer Haut wehrt, alle Angris auf die Dardanellen abgeschlagen und den Feinden sehr schwer Verluste beigefügt hat; da ferner neue Gegner nicht ausgetreten die schlimmen Gerüchte über Italien für den Augenblick der stummt sind, so ist die Lage etwas hoffnungsreicher. Aber der Friede, den alle ersehnen, ist noch in weiter Fern- Sv viel man auch von Kampfesmüdigkeit und Erschöpf»» Frankreichs spricht, so eifrig man auch die Stimmen zählt, dt sich in England gegen den Krieg erheben, so viel man auch vo dein dringenden Friedensbedürfnis Rußlands redet — no sind keine bestimmten Tatsachen vorhanden, aus denen me schließen könnte, daß der Friede nahe sei. Nach den letzten Versuchen des Winters, noch einmal zu Herrschaft zu kommen, hat der Frühling sich durchgesetzt un sein Regiment angetreten. Alles grünt und blüht, die Sonn strahlt in voller Pracht. Möge sie bald aufhören, über blutie Schlachtfelder ihr strahlendes Licht zu verbreiten, und nu fangen, Friedensanstrengungen zu verklären und Frieden: werke zu fördern. Vorstehendes war geschrieben und gesetzt, als die folgend Nachricht von glänzenden Erfolgen durch die Oberst Heeresleitung verbreitet wurde:

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