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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-07 · Heft 19 (7.5.1915) · p. Seite 219

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 19 (7.5.1915)
Date
1915-05-07
Page
Seite 219 (sequence 3)
Language
German
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219 0 e ft ft d> c r K rr egsscha u P l atz. Auf der weiteren Verfolgung der auf Riga flüchtenden Russell i beuteten wir gestern vier Geschütze, vier Maschinellgewehre und n lchteli südlich Mi tau wieder eintausendsiebenhundert Gefangene, so d ß die Gesamtzahl der Gefangenen auf dreitausendzweihundert ge-- n egen ist. — Russische Angriffe südwestlich von Kalwarja miße lickten unter starken Verlusten für den Gegner; die Russen wurden i! »er die Szeszupa zurückgeworfen und ließen dreihundertdreißig eZangene in unserer Hand. — Auch nordöstlich von Skierniewice , gen sich die Russen eine schwere Niederlage zu, wobei sie neben rier großen Anzahl an Toten einhundert Gefangene verloren. S ü d ö st l i ch e r Kriegsschauplatz. Im Beisein des Oberbefehlshabers Feldmarschalls Erzherzog iedrich lmd unter der Führung des Generalobersten v. Mackensen! öen die verbündeten Truppen gestern nach erbitterten Kämpfen die . nze russische Front Westgalizien von nahe der ungarischen Grenze l > zur Mündllng des Dunajec in die Weichsel an zahlreichen Stellen l rchstoßen lind überall eingedrückt. Diejenigen Teile des Feindes, l e entkommen konnten, sind im schlelnligsten Rückzüge nach Osten, ' »arf verfolgt von den verbündeten Truppen. Die Trophäen des leges lassen sich noch nicht annähernd übersehen. Der Bericht der Obersten Heeresleitung von heute, dem Mai, lautet: Die Offensive zwischen Waldkarpathen und oberer r Zeichsel nahm guten Fortgang. Die Beute des ersten Tages beläuft sich ans 21 500 befangene (nach dem Bericht der österreichisch-nnr arischen Heeresleitung ist die Zahl inzwischen auf der 30 000 gestiegen), 16 Geschütze, 47 Maschinenewehre und zurzeit noch unübersehbares Kriegsge- U aller Art. Wir freuen uns des glänzenden Sieges und sehen hofsnngsvoll den weiteren amtlichen Berichten entgegen. Der „Berliner Börsen-Courier" schreibt: Antisemitismus im russischen Heere. „Rjetsch" :?ndet sich gegen einen Artikel des echtrussischen Blattes „Senrtzschiua", dem augeraten wird, sämtliche Inden aus der russischen Armee zu itferneu, weil sie Verräter und Feiglinge seien und der Armee mehr Jaden als Nutzen brächten. Wenn sie schon im Lande schädlich seien, unten sie noch weniger an der Front nützlich sein, wo sie die russi- K'iT Truppen demoralisieren und regierungsfeindliche Propaganda ieben. „Rjetsch" fragt, wie derartige Aeutzerangen möglich seien, denn ■im hätte ja Deutschland recht mit der Erklärung, daß es die Unterwelten Nationalitäten befreien wolle. Auch in Deutschland und rankreich gäbe es antiseuritische Blätter, aber solche Auslassungen '.en dort undenkbar. Wo bleibe die russische Zensur, die solchen lättern derartiges zu schreiben gestatte? Die wirklichen Verräter des aterlandes seien die echtrussischen Leute. * Eine sehr düstere Schilderung enthält die „München-Augsilrger Abendzeitung": Das Ghetto von London. Der Osterspaziergang des Londoner Elendsheeres, nll. Eine eindrucksvolle Schilderung des grenzenlosen Londoner rbeiterelends gibt Marcello Prati, der Londoner Berichterstatter der -taurpa", in einem Bilde, das in seiner nngeschnünkten Anschaulichkeit i einer furchtbaren Anklage gegen das industrielle Ausbeutringssystem ird, dem England im allgemeinen und seine Hauptstadt im besonderen men Reichtum verdanken. „Er ist nach Osten gezogen", sagt man in ondon von einent Menschen, der zum alten Eisen der inbitftrialifierien wilisation gelvorfen loorden ist und in die Reihe der Ausr-angierten, r Hungerleider und vom Leben Zermalmten tritt. Der Osten Londons i schlecht und recht das „East End", das riesenhafte Elendsghetto der Metropole; aber in die Ghettos der alten Zeit verbannten die Städte ir die ärmsten der Inden, während, heute in London die nicht mehr . istungsfähigen Arbeiter unterschiedslos ins Ghetto gebannt sind. Denn des Jahr werden andere Armeuquartiere der Riesenstadt im hygienischen Interesse von ihren Bewohnern gesäubert, und so kommt es, daß immer neue Massen von Taglöhnern nach dem East End abgedrängt werden. Das Ghetto breitet sich mehr und mehr ans, bevölkert sich, immer mehr, und damit steigert sich von Jahr zu Jahr das Gist der Ansteckung und Zersetzung, das von ihm ausgeht. Heute hausen hier zwei Millionen Arbeiter, in drangvoll fürchterlicher Enge Zusmnmengepsercht. Und wenn man seine Schritte nach dem Osten Londons lenkt, so ist man fast dazu rettungslos verurteilt, die soziale Treppe bis zur letzten Sprosse zertretener Menschenwürde hinabzusteigen. Der wimmelnde Hause elender Menscheutrümmer, die bis zur untersten Stufe des Elends hinabgestürzt sind, bildet ein jammervolles Bild des Hungerelends und der Entartung. Es ist ein eiterndes Krebsgeschwür, das Fäulnis, Bertiernng und Rnill kündet. Die Neuangekommenen, die wohlgenährt und mit noch elastischen Lungen diese Hölle betreten, unterliegen denr Zersetzungsprozest erst allmählich. Aber sie unterliegen ihm mit tödlicher Sicherheit. Sie werden an langsainem Feuer gebraten, und erst die nächste oder dritte Generation gelangt ans Ende der Pein. Denn das Gewimmel zusmnmengepferchter Menschen gestattet faimt zu atmen; das Brot schmeckt hier herber und bitterer, und jedes sittliche Gefühl, jede Lebenshofsimna, jede Unternehmrmgslust geht langsam in der Nacht dieses Grauens zugrunde. Und die Zahl dieser auf dem Schlachtfelde des Elends verkommenden Lebenskämpfer geht Jahr für Jahr in die Hunderttailsende, die der Wohltätigkeitssport der Protzen und die verstiegene Propaganda menschensrenndlicher Ideologen vergeblich mit dem Leben auszusöhnen und durch schöne Phrasen für den Mangel an Lust und Brot zu entschädigen suchen. Es ist wohl gut für das Wohlbehagen der behäbigen Londoner Herrschaften, daß diese Schmutzwelle der Hungerleider und der Entgleisten das ganze Jahr in dem Hexenkessel des Ghettos fest verschlossen gehalten wird. Aber alljährlich gibt es zwei oder drei Tage, an denen die Welle über den Kessel hinausspritzt, um sich 24 Stunden lang durch die Straßen der Hauptstadt und über die grünen Fluren des Bannkreises, der Stadt zu ergießen. Es sind das die sogenannten „Bankseiertage", au bimat sich dir Londoner Verkehrsadern zu Abflußrohren dieses menschlichen Unrats verwandeln. Mit besonderer Vorliebe ergießt sich der Strom dieser jammervollen Ausflügler in der Richtung nach Haurpstead Heath, einer weit ausgedehnten, von Bäumen bestandenen Hügelkette im Norden der Stadt. An den jüngsten Osterfeiertagen hatte die Landpartie des Elendsheeres eine besonders starke Beteiligung aufznweisen. In der Masse dieser Ausflügler war aber noch immer, die soziale Abstufung zu erkennen. Es gab Leute, die trotz ihrer Not die zwei Pence für die Untergrundbahn bezahlen konnten, die sie ins Freie führt. Aber ungleich zahlreicher als diese Glücklichen wa-ren selbstverständlich die vertrete:!, die den ganzen Weg zu Fuß zurücklegen mußten. Sie waren vor Sonnenaufgang bereits aus ihre:: Hungerquartiereu ausgerück-t, mit Kind und Kegel und in Begleitung des besten Stückes ihres Hausrats, das sie aus Furcht, die Habsucht der Zurückgebliebenen zu erwecken, nicht zu Hause lassen wollten, eines Stückes, das gewöhnlich ein Holzkäsig ist, in dem traurig ein schwindsüchtiger Kanarienvogel hockt. Diese Ausflügler werfen sich, sobald sie aus dem Häusermeer heraus sind, nieder ins Gras, wo sie stumpf und teilnahmslos liegenbleiben. Aber man sah unter den Elenden auch solche, die ein urplötzlicher Glücksfall, just als die Not am größten war, ans der Nacht ins Licht emporgehoben hatte, der Glücksfall eines oder zweier Goldstücke, um die sie ihren Jammerlohn durch Ueberstnnden bereichert hatten. Es waren das diejenigen, die die Reife nach Hampstead auf dem Verdeck eines Omnibusses machten, und die unter der lachenden Frühlingssonne das Glück ihrer Kindheit wiedergefunden zu haben schienen. Diesen Glücklichen in der Lumpenarmee hat der Krieg mit seiner lieberfülle fieberhafter Tätigkeit zu Arbeitsgelegenheit und Gewinnen verholsen, die in den Angen dieser leidgewöhnten Menschen fabelhafte Dimensionen annehmen. Ja, der Krieg hat denen, die im Frieden strauchelten und fielen, freundlich die Hand gereicht, und der Totenkopf des Knochenmanns hat sich zum freundlichen Grinsen verzogen. Aber wie lange wird dieses Lächeln, das ihnen das Leben verheißt, dauern? Heute überlassen sie sich blind denr Glück, der Rückkehr ihrer Kinderfreunde. Männer und Frauen drehen sich zum Klang einer kurzatmigen Harmonika im Tanz, und die Frauen, die jeden weiblichen Reizes bar sind, bemühen sich sogar, ihre schmutzigen, zerlunrpten Röcke gar zierlich im Tanze zu schwenken. Und die Kinder wissen nicht, was sie vor Uebermut anstellen sollen, und das Herz krampst sich zusammen, wenn man bedenkt, daß auch sie zu dem Hungerleben verurteilt sind, von denr die tiefliegenden Augen der Erwachsenen erzählen. Ja, alle diese Leute haben trotz aller Mühe nicht genug, nur sich satt zu | essen, und das in denr reichsten (?) Lande der Welt, das, wie Llovd! George so stolz verkündet, den Krieg kraft seiner finanziellen Stärke ins

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