Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1915)
- Date
- 1915-05-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229197--71294-3283626- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
9. Jahrgang Nr. 19 Allgemeine Berlin, 7. Mai 1915 eitung des Judentums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements«preis; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen fftr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Ierusaleiiier Küraße 4M9, zu richten. Verlag von Rudolf Blosse, Berlin. Tinholt* Glauben und Wissen. Von Dr. B. Seligkowitz, Köthen.— yilljull« Die Woche. — Jofua Horowitz. Von Rabbiner Dr. Rosenberg in Thorn. — Kriegsliteratur. Von Ludwig Geiger. — August Strindberg und wir Juden. Von Dr. Ernst Samuel-Ruest. — Reue Erwerbsmöglichkeiten. Von Fanny Cohn. — Feuilleton: Der lange Rock. Roman von Anna Golds chm idt. — Die'messianische Zeit. Von Lotte Kn oller. — Büchereinlauf. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königsberg, Osterode (Ostpr.>, Schwersenz, Breslau, Hamburg, Aschaffenburg, Kopenhagen, Wien. — Von Nah und Fern. Glauben und Millen. Dr. B. Seligkowitz, Köchen. er Verstand ist in religiösen Dingen nicht beliebt. Er stört den Genuß des Sichhingebens an fromme Jllusivnen. Er gestattet nie, das Alte und wegen seines Alters Liebgewordene mit ungeteilter Verehrung festzuhalten. Er zwingt! fortwährend zu der Anstrengung und zu der Gefahr, sich auf neue Bahnen zu wagen. Und doch, was sollte aus der Religion werden ohne diese anhaltende Kritik des Denkens in Hinsicht auf den Glauben? Nicht allein, daß die höher Entwickelten alles religiösen Glaubens verlustig gehen würden, auch i die große Menge wüvde auf die Dauer nicht aus Ueberzeugung der Religion treu bleihen können. Dix Wissenschaft, so manches Mal als die gefährliche Feindin der Religion hingestellt, erweist ihr den besten Dienst dadurch, daß sie die Religion immer wieder zwingt, sich auf die Höhe der Entwicklung der Zeit zu stellen. Die Schwierigkeit ist nur, den Anteil des Verstandes an der Religion auf das rechte Maß zu bringen und dabei zu erhalten. Denn wenn er dieses überschreitet, wenn er, statt nach mitivirkender Dienstleistung, nach autoritativer Herrschaft strebt, so leidet die Religion Schaden. Der Intellektualismus wird allezeit verhängnisvoll für die Gesundheit und die Kraft des echt religiösen Lebens. Allerdings ist im Gefühlsleben allezeit ein geheimer Wider- N'ille gegen die Einmischung des Verstandes vorhanden. Gefühlserregung, wie ideal sie auch sei, trägt stets in etwas den Charakter des Genusses an sich, und für den Genuß ist die Einmischung des Verstandes ein Hindernis schon aus dem Grunde, >veil er die Unmittelbarkeit stört, die eine Bedingung ungeteilten Genusses ist. Eins der allgemeinsten Merkmale aller Mystik ist das Streben nach unmittelbarer Beziehung zu dem Gegenstand der Verehrung. Daher die merkwürdige Neigung nach pantheistrscher Weltanschauung bei den Mystikern. Sie dulden eben nicht, daß etwas zwischen sie und die Gottheit trete, sie wollen diese direkt umarmen; ein Wunsch, dem von seiten des Verstandes mit seiner Methode der Zergliederung und Begriffsbildung nicht entsprochen werden kann. Durch die begriffsbildende Verstandstütigkeit kommt der Gegenstand der Verehrung für das Gefühl niemals in das Licht unmittelbarer Anschauung, sondern er wird durch den dazwischeutreteuden Verstand in die Ferne gerückt. Ferner wird der Genuß um so bequemer, je mehr das Geistige in sinnliche Form gekleidet ist. Das Bild wirkt und ergreift viel stärker als der Begriff. Auch darin läßt der Verstand das Gefühl unbefriedigt. Es ist eben nicht anders möglich; er muß immer wieder die sinnbildliche Vorstellung zu zergliedern suchen, um ihren Wahrheitsgehalt zll bestimmen, und damit verursacht er dem Gefühl Schmerz, da es nur erregt werden will und deshalb mehr auf die Form als auf den Inhalt gibt. Die Folge davon ist, daß das Gemtttsleben der Zucht des Verstandes am liebsten entflieht, und je mehr dies der Fall ist, desto ernster die Gefahr, daß das gesunde Gefühl in krankhafte Schwärmerei lind Fanatismus ausartet. Wo daher die Religion als eine bloße Gefühlssache genommen wird, wo alles Religiöse nicht gedacht, sondern empfunden werden soll, da ist ein Verschwimmen aller religiösen Gedanken unausbleiblich, da ist bei aller Kefühlsseligkeit doch jede innere Haltung und Festigkeit, jeder wahre Gewinn au Inhalt und Tat verloren, da ist auch Schwärmerei und Fanatismus wie von selbst gegeben mit ihrem ganzen unheilschweren Reich. Wer, mag er auf anderen Gebieten noch so klar denken, in der Religion nur eine Befriedigung von Gcfühlen und eine Anregung der Phantasie sucht, wird allen möglichen Verirrungen ausgesetzt sein und, ehe er es sich versieht, von fanatischen Schwärmern oder geschickten Betrügern ins Netz gelockt. Darum ist es für den Fortbestand der Religion eine unerläßliche Bedingung, daß sie niemals der Aufsicht des Verstandes sich entziehe. Denn das ist gerade die große Gefahr aller Gefühlsorthodorie, daß sie von der Vernunft Untcri werfung verlangt und damit ihre Bekenner wehrlos gegenüber j allen krankhaften Gefühlsregungen hinstellt, j Es ist ein großer Vorzug der israelitischen Religion, daß sie! den ganzen Menschen, den einheitlichen Geist beansprucht, daß j sie ihren Beweis und ihre Wirksamkeit in der Harmonie des Verstandes »nd des Herzens, des Denkens und des Fühlens findet. Es ist hierfür charakteristisch, daß die bedeutendsten Denker des Judentums, ein Maimonides, ein Gabirol, ein Jehuda Halebi, die schärfste Berstandsentwicklnng mit der innigsten Gläubigkeit vereinbar fanden. Ein vernunftgemäßes Denken in religiösen Dingen bildet von jeher ein starkes Element des Judentums, und eine natürliche Folge dieses Hineinziehens des Denkens in den Bereich der Religiosität war, daß das Studium für jedermann eine ebenso heilige Verpflichtung war, wie die religiöse praktische Hebung selbst. Unter allen religiösen Anstalten und Institutionen, die die edlen Zwecke verfolgen, das geistige und leibliche Wohl und Heil der Menschen zu fördern, gebührt nach der Anschauung