Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-04-30 · Heft 18 (30.4.1915) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 18 (30.4.1915)
Date
1915-04-30
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229196--71290-3283621
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

gemacht hat, stellt uns folgenden, für die Stimmung der dortigen Bevölkerung sehr charakteristischen Brief aus Russische-Polen zur Verfügung: . „21. Mürz 1915. .Viel habe ich von den Mördern gelitten. Fast jede Nacht klopften sie an unsere Tür, um Fürchterliches zu begehen. Deshalb ging ich nach Lodz. Bei der Belagerung Lodz' war ich in der Stadt. Ich hatte viel mit meiner Familie auszustehen. Wir haben hungern müssen, denn es war nirgends was zu bekommen Die hungrigen russischen Soldaten haben alles aufgegessen; sie entnahmen bei den Juden alles, was sie fanden. Es ist mir unmöglich, all die Leiden, die wir während drei Wochen zu ertragen hatten, zu beschreiben. Der Hunger war sehr groß. Ein Bauer hatte Kartoffeln zu verlausen, und wir Juden kauften sie bei ihm am Sonnabend und trugen sie selbst nach Hause. Von dem Wenigen, was ich zu essen hatte, mußte ich noch meiner Mutter und Geschwistern abgeben, die «alles während des Krieges verloren hatten. Als ich zu meiner Mutter fnm, erkannte sie mich nicht — und ich habe fürchterlich geweint ... So dauerte die entsetzliche Lage drei Wochen, bis die Deutschen die Stadt Lodz besetzt haben. Als die Deutschen in die Stadt kamen, wurden sogleich die Geschäfte geöffnet; man hat sofort Brot gebacken, und es wurde uns etwas leichter. Wir hatten keine Angst mehr, daß die Russen uns unser Brot rauben werden. Ich ü'lbst habe es gesehen, wie ein russischer Soldat einen armen Juden, der Brot trug, geschlagen hat und das Brot ihm wegnahm. Ich habe bis jetzt nicht den hundertsten Teil der Schrecken beschrieben, die wir erlebten. Ich fuhr dann nach.und öffnete meinen ärmlichen Laden, der schon von früher her durch den Boykott der Polen ruiniert war. Gott möge uns Juden vor den mörderischen Russen hüten und beschützen!" L2 Berlin, 27. April. Ein sehr erfreuliches Ergebnis hatte die auf Wunsch der mobilen Etappenkommandantur in Mlawa, Russisch- Polen. durch die Ehe w r a K a d d i s ch n G r o ß - B e r l i n veranstaltete Sammlung von neuer und gebrauchter Bett- und Leibwäsche sowie von Kleidungsstücken für das jüdische Lazarett in Mlawa. Durch ein Schreiben der deutschen Etappenkommandantnr an Dr. Arthur Kahn, als Vorsitzenden der Chewra Kaddischa, ließ sie allen Spendern ihren herzlichen Dank allssprechen. Da der Bedarf an Wäsche- und Kleidungsstücken, besonders für Kinder bis zu 14 Jahren, immer noch groß ist, so wird die zweite Sammlung bis zmn 12. Mai verlängert, nlld auch Geldspenden werden, an das Bureau der Ehcwra Kaddischa, Spandauer Straße 81, bis dahin noch eutaegeuaenommen. Da viele umfangreiche Kisten von auswärtigen Gemeinden oft lange unterwegs geblieben sind, so empfiehlt sich, derartige Sendungen direkt an die „M o b i l e deutsche Etappenk o m ln a n d a n t u r Mla w a" und mit „Heeressache" bezeichnet in n f r a nkiert 0 abmsenden. Tankend verdient erwähnt zu werden, daß die HosspeditionsNrma A. Warmnth (Berlin) die in der Ehewra Kaddischa aufgestapelten Gegenstände ans eigene Kosten nach ihrem Bestimmungsort versandt hat. Geldspenden werden für die drillgendsten Bedürfnisse der Kranken und Rekonvaleszenten verwendet und durch die EtaPPenkommandalltur an Rabbiner Segalowih allsgehändigt. 22 Berlin, 27. April. Vom „I ü d i s ch e n R u de r k l n b I v r i a" (Berlill-Niederschöneloeide, Berliner Straße 97/98) sind voll 88 Aktiven 82 zn den Fahneil geeilt. Die sechs in Berlin gebliebenen Mitglieder, die sämtlich mililärpflichtia sind, haben bald llach Kriegsansbrllch eine I ö g l i ll g s a b t e i l ll n a gegründet, inn einen brauchbaren Nachwuchs herailznbitdell lind die Kontinuität des Klubbetriebes zn sicherll. Bisher silld acht Zöglinge in die Geheimnisse der Rnderknnst eingeführt worden: in ben nächsten Wochen können noch, einige körperlich geeignete jililge Leute, nicht über 18 Jahre alt, in die Jvria ausgenommen werden. Anfragen sind an Fritz Schönheimer, X. 24. Oranienburger Straße 58, zn richten. - Bon den im Felde stehenden Mitgliedern hat llns der Krieg zwei geraubt, sechs sind aerwuudet, fünf durch Verleihung des Eisernen Krellzes ausgezeichnet worden. 22 Königsberg i. Pr., 28. April. Im Jahre 1756 erbauten die hiesigeli Juden ihre erste Synagoge, die aber bei dem großen Brande int Jahre 1811 mit von den Flammen verschlungen wurde. In folge der Schwere der Napoleonischeu Kriege konnten die Fertigstellung und Einweihung des Neubaues erst im April 1815 erfolgen. Sie vollzog sich im Beisein der Behörden in feierlichster Weise, und bei dieser Feier wurden auch die jüdischen Jünglinge eingesegnet, die sich als Freiwillige für den Krieg gegeil den von Elba zurückgekehrteu Napoleon gemeldet, hatten. Am 18. April waren hundert Iah r e seit dieser Feier verflossen, und die' Gemeinde feierte die Wiederkehr dieses Tages in der würdigsten Weise, wenn sie auch 1896 ein zweites Gotteshaus eingeweiht hat, da die alte, noch heute überaus reizvoll anmutende Stätte des Gebets für. sie zu. klein geworden ist. Jetzt wird dieses ältere Gotteshaus von den Gemeindemitgliedern benutzt, die ohne Orgel unb Ehorgesang zu beten wünschen. Mit Rücksicht aus die erneut so schwere Zeit für Ostpreußen war jedes Hervortreteu nach außen vermieden. Für die Feier war die Zeit des Minchagottesdienstes gewählt, und in die altehrwürdigen Gebete waren hebräische und deutsche Gesänge eingeschaltet, bei denen Herr Oberkantor B \x n - b a u m seine weitbekannte Meisterschaft Zeigte. Den Höhepunkt der Feier bildeten aber die überaus gediegene Festpredigt von Herrn Rabbiner Dr. V o g e l st e i n und ein prachtvolles Gebet für Kaiser und Reich von sperrt! Rabbiner Dr. Perles. Unendlich ergreifend wirkte außerdem die mit der Feier in Verbindung gebrachte Vereidigung einer großen Zahl von jüdischen Soldaten, so daß dieser Teil fast wie die Fortsetzling jener Einsegnung schien, seit der nun schon hundert Jahre verflossen sind. W. Posen, 23. April. Am 19. d. M. fand auf dem hiesigen israelitischen Friedhose die Beisetzung des ans dem Felde der Ehre gefallenen Kriegsfreiwilligen Rudolf L e w i n statt. Derselbe war bei Ausbruch des Krieges Oberprimaner des hiesigen königlichen Friedrich- Wilhelm-Gymnasiums: der siebzehnjährige junge Mann, Sohn des Kaufmanns Louis Lewin in Kurnik, trat bei der Mobilmachung als Kriegsfreiwilliger sofort in ein Infanterieregiment ein. Wo er aus entern Patrouillengange den frühen Tod fand. An dem Begräbnis nahmen das ganze Schirlkollegium sowie eine große Zahl von Schülern der Anstalt teil. Infolge Kommandanturbefehls vom Tage war von der Beerdigung Kenntnis gegeben worden. Mauuschafteu vom Ersatzbataillon des 188. Jnfanterieregimellts stellteil die Leicheuparade. Tie Kapelle der Fußartillerie war zur Stelle befohlen worden. Ein Kamerad aus Metz, Heinrich Wulfs, ließ einen Kranz mit Widmuugsschleife auf das Grab niederlegeu. Herr Gemeinderabbiner Dr. F r ei m a tut hielt die Trauerrede. Nach dem üblichen Trauergebete trugen Mannschaften beit Sarg zu Grabe, währenddem blies die Kapelle „Ich halt' einen Kameraden". Die Teilnahme au der Beerdigung war auch von auswärts sehr groß. m. Hamburg, 23. April. Der Tod hält reiche Ernte unter den altbewährten Mitgliedern unserer Gemeinde. Erst wenige Wochen seit dem Tode des Oberkantors Süßkind sind dnh ingegangen und wieder ist ein Mann aus dein Leben geschieden, der seit Jahrzehnten mit der Hamburger Gemeinde eng verknüpft war. Adolph M. H e y m a n n , seit mehr als einem halben Jahrhundert erster Beamter der Gemeinde, ist im 83. Lebensjahre zu seinen Vätern heimgegangen. Der Verstorbene, einer alten Hamburger Familie entstammend, deren Mitglieder schon in drei Generationen, im Dienste der Gemeinde standen, wurde im Jahre 1861 als Nachfolger des Herrn Z. H. May zum Gemeindebeamteu gewählt. Bis zum Jahre 1918 war er unermüdlich tätig und hat er sich unvergängliche Verdienste um die Entwickelung der Gemeinde und ihrer Institutionen erworben. Mit dem Verewigten ist vielleicht der beste Kenner der Hamburger Gemeindeverhältnisse ins Grad gesunken, es war ihm nicht mehr vergönnt, eine Geschichte der Hambllrger Gemeinde herauszugeben. In den letzten Jahren seiner Amtstätigkeit stand Herr Syndikus Dr. N. M. Nathan, der jetzt sein berufener Nachfolger ist, ihm treu zur Seite. Auch als Vorsitzender der Hachnassath - Kallah - Vereinigung und anderer Wohltätigkeitsinstitutionen hat er eine segensvolle Tätigkeit entfaltet. Zur Trauerfeier, die im Sterbehaine, Parkallee 10, stattfand, hatte sich eine große Trauergemeinde eingesunden. Der greise Präses der Gemeinde, Herr L e v i n L i o n, und sämtliche Gemeindevorsteher waren erschienen, auch das Repräsentantenkollegium mit seinem Vorstand hatte sich vollzählig eingesunden. Abgeordnete vieler Gemeindeinstitntionen und hervorragende Persönlichkeiten der Hambllrger und Nnchbargemeinden wohnten der Trauerfeier bei. Die Gedenkrede hielt Herr Oberrabbiner Dr. Spitzer, der, anknüpfend an ein Schriftwort, ein getreues Lebensbild des Entschlafenen entwickelte, der mit unermüdlicher Treue mehr als ein Menschenleben seinem Amte Vorstand. Seine Verdienste um unsere Gemeinde sind unvergänglich, und wird sein Andenken noch in späteren Geschlechtern

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.