Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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79. Jahrgang Nr. 18 Berlin, 30. April 1915 Der Gemeindebote. ^Beilage zur „Allgemelnen Leitung dr§ IudentumK". Sorrek-mvrnsm und Mschrichten. Lmtschland. Berlin, 27. April. Der in der Nacht zum 22. d. Al. verorbene Professor A b r a h a m. Berliner wurde am 1. Mai 1833 i Obersitzko in der Provinz Posen geboren und zählte zu jenen weiten jüdischen Gelehrten, die sich als Autodidakten ihr immenses wissen angeeignet hatten. Er mußte bereits in jungen Jahren, nach : ein Tode seines Vaters, seine Studien unterbrechen und eine Lehrerrlle in seiner Vaterstadt annehmen, um so für den Unterhalt seiner u utter und Geschwister sorgen zu können. Aber auch neben den vielen nforderungen, die diese Stelle an den Jüngling stellte, fand er noch sit, sein jüdisches Wissen zu vertiefen; er lernte fleißig bei dem Rab- ^ner seiner Gemeinde, Rabbi Michael Struck, dem Großvater des be- : unten Malers Herman n Struck, der ihm nicht nur zum Lehrer, ndern auch Zum väterlichen Freunde wurde, zum Vorbild für alle Eiten und edlen Eigenschaften. Mit der Tochter seines Lehrers verband ■ sich später fürs Leben, die ihm vor einer Reihe von Jahren im ade vorangegangen ist. In Arnswalde, wohin der junge Gelehrte n Alter von 25 Jahren als Rabbiner berufen wurde, fand er Muße, in Erstlingswerk auszuarbeiten, das bei seiner Veröffentlichung n Jahre 1866 großes Aufsehen erregte: es war dies die Neuausgabe s Raschi-Kommentars zum Pentateuch mit einer Erklärung „Schor Abraham" ausgestattet, in dem hauptsächlich ein Quellennachweis die im Raschi-Kommentar enthaltenen Ausführungen gegeben ird. Mit diesem Werke hatte sich Berliner einen Denkstein für sige Zeiten gesetzt und auch bald Anerkennung gefunden. Die Leipger philosophische Fakultät ernannte ihn daraufhin zum Doktor moris causa. Diesem Werke hatte Berliner auch eine Beifung als Lehrer an die „Chewras Schaß" in Berlin zu verdanken, ort konnte er nun von einem geistigen Verkehr mit seinen Freunden :id Kollegen profitieren und sich auf der Universität mit Fleiß dem indium der Geschichtswissenschaft widmen. Im Jahre 1873, als Israel ildesheimer das Rabbinerseminar begründete, wurde Dr. Berner Dozent für jüdische Geschichte und Literatur an dieser Anstalt, ld Berliner verstand es, in jahrelangem Mühen die jüdische Gesichtswissenschaft, die bis dahin gering geschützte Disziplin, unter den abbinatskandidaten Uneber zu Ehren zu bringen. Im Jahre 1873 lternahm Professor Berliner seine erste Reise nach Italien; er bechte fast alle loisseuschaftlicheu Bibliotheken. Auch wurde ihm, dessen elehrtenruf durch sein Raschi-Werk bereits nach Italien gedrungen >nr, in die Bibliothek des Vatikans Zugang gewährt. Dort saß erliner Tag und Nacht über bestaubten Manuskripten und entdeckte lter ihnen eine Reihe nächtiger Schriften, deren Kenntnis unsere ’ dische Literatur in wertvoller Weise bereichert hat. Im Vatikan ud er auch die Kommentare von R. Chananel und R. Gerschom zum! .bhlonischen Talmud, die er später heransgab. In Parma entdeckte die Massora zum Targum Onkelos und andere wertvolle' Schriften', e er nachher veröffentlichte. Bereits früher (1871) hatte er ein Werk rvffentlicht über „das innere Leben der Juden in Deutschland zur eit des Mittelalters", das seither in zweiter Auflage erschienen und ich ins Hebräische übersetzt worden ist. In dieser Schrift ü Professor Berliner den Geschichtsforschern neue Wege luiefen und uns von dem inneren Leben unserer ater im Mittelalter einen richtigen Begriff gegeben, erliner unternahm später noch zwanzig Forschungsreisen nach rschiedenen Städten Italiens, ferner nach Paris, Oxford, Leyden sio. Durch seinen Aufenthalt in Italien angeregt, widmete sich erliner auch der Geschichte der Juden in Italien und veröffentlichte a. im Jahre 1893 seine „Geschichte der Juden in Rom". Er wurde >s Anerkennung für dieses gründliche Werk zum Cavaliere della >rona italiana ernannt. Es ist unmöglich, hier die Titel aller seiner sincke aufzuführen; einige sind in dieser Nummer an anderer Stelle igegeben. Auch seine kleinen historischen Arbeiten wie viele Hunderte an Aufsätzen in verschiedenen Zeitschriften sind von bleibendem Werte, tuen bedeutenden Ruf genoß Berliner auch als Bücher- und Handchriftenfammler. Seine Fachbibliothek, die später nach Frankfurt 1 in Main kam, gehörte zu den größten und wertvollsten ihrer Art. An Anerkennung seines verdienstvollen wissenschaftlichen Wirkens hat es dem bescheidenen, nur seinen Forschungen lebenden Gelehrten nicht ganz gefehlt. Die Regierung verlieh ihm außer dem Professortitel mehrfach Reisestipendien, die ihm seine ausgedehnten Forschungen in den Bibliotheken Frankreichs und Italiens ermöglichten. — Die Trauerfeier für den Heimgegangenen Gelehrten fand am Freitag mittag in der Synagoge der Gemeinde Adaß Jisroel statt, der viele Freunde, Verehrer und Schüler des Verstorbenen, darunter mehrere auswärtige und hiesige Rabbiner und Gelehrte, beigewohnt hatten. Der Vorstand und die Repräsentanten der Gemeinde sowie das Kollegium des Rabbinerseminars waren vollzählig erschienen. Tie Gedächtnisrede hielt Rabbiner Dr. Ai. H i l d e s h e im e r. Tann gedachte der Rektor Dr. Hoffmann des Verstorbenen als bedeutenden Forscher und Lehrer. Nach Schluß der Feier wurde die Leiche nach dem Friedhof der Gemeinde, Falkenberger Chaussee in Weißensee, zur Beisetzung übergeführt. Am Grabe sprachen noch Rabbiner Dr. Munk und Oberrabbiner Dr. L e r n e r , Altona. B. T. Berlin, 27. April. Tie G e n c r a lversa m m l u n g d e s Vereins M ä d ch e n Hort in Berlin fand jüngst im Hause der Vorsitzenden, Frau Emilie Mosse, statt. Nach Begrüßung der zahlreich erschienenen Anwesenden durch die Vorsitzende erstattete Stadtschulrat Tr. F i s ch e r den Jahresbericht. Die Arbeit des Vereins hat trotz des Krieges einen erfreulichen Fortgang genommen. Der Krieg, der so große Menschenopfer fordert, hat den Wert des Kindes erhöht und macht die Erziehung des jungen Geschlechts zur ernsten nationalen Pflicht. So entstanden überall im Reiche Kriegs* horte, die den Frauen der Wehrmünner die Sorge um die Erziehung und Verpflegung ihrer Kinder abnehmen oder wenigstens erleichtern wollten. Ebenso wie die Gemeinden, die zu den erhöhten Lasten der Kinderhortvereine bereitwilligst beitrugen, hat auch der preußische Staat durch Einstellung von Mitteln in den Etat und durch ausgedehnte Besprechungen im preußischen Abgeordnetenhause die Einrichtung der Kinderhorte als einen notwendigen Bestandteil der Jugendfürsorge anerkannt, Aus dem besonderen Leben des Vereins ist zu erwähnen, daß die auf der vorigen Generalversammlung vorgenommenr Statutenänderung vom Oberpräsidenten der Provinz genehmigt ist. Ten erhöhten Anforderungen des Krieges hat der Verein Mädchenhort durch Angliederung von 22 Kriegshorten an seine schon bestehenden 23 Anstalten und durch die Eröffnung zweier neuer Horte, im Südosten, Waldemarstraße 77, und im Norden, Zechliner Straße 4, entsprochen, so daß jetzt in 25 Mädchenhorten und 24 Kriegshorten fast 3000 Kinder beaufsichtigt und erzogen werden. Tie Stadt Berlin bewilligte neben freien Räumen, Beleuchtung und Heizung wieder einen laufenden Beitrag von 14 000 Mark und ans einem Fonds der Stiftnngsdepntation 3000 Mark. An sonstigen größeren Beträgen gingen dem Verein zu aus der Besichtigung der Mossc-Galerie 1122 Mark, durch Herrn Rudolf M o s s e aus Sammlungen 4000 Mark, vom Hansabund durch Geh. Rat Rießer 3000 Mark, von Frau v. Bleichröder 500 Mark. In den Horten wurde gekocht und den Kindern täglich eine warme Mahlzeit verabreicht. Ter Verein verausgabte dafür als Verpflegungszuschuß 4485 Mark. 483 Kinder kamen in Ferienkolonien, davon 56 in das eigene Erholungsheim des Vereins D y r o tz bei Wustermark. Auch eine reiche Fülle von Kriegsarbeit wurde in den Horten geleistet, teils durch Anfertigung von Liebesgaben und Verschickung an die Front und die Lazarette, teils durch Einrichtung von Näh- und Strickstuben für arbeitslose Frauen. Eine große Zahl freiwilliger Helferinnen, Aerzte, Zahnärzte, Lehrer und Lehrerinnen, Rektoren und Geistliche, haben sich wieder in den Dienst der Hortsache gestellt und durch ihre opferfreudige Hingabe die Bewältigung der großen Arbeitslast ermöglicht. Nach dem vom Schatzmeister Tr. I. Ginsberg erstatteten Kassenbericht betrugen die Einnahmen 42 083,94 Mark, die Ausgaben 39 604,32 Mark. Nach erteilter Entlastung des Schatzmeisters wurden einige Wahlhandlungen vollzogen sowie eine kleine Statutenänderung einstimmig angenommen. Nach Dankesworten an den Vorstand für die geleistete große Arbeit schloß die Vorsitzende die Versammlung. Berlin, 27. April. Der bekannte Berliner Maler Hermann Struck, der vor kurzem eine Reife nach Russisch-Polen