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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-04-30 · Heft 18 (30.4.1915) · p. Seite 216

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 18 (30.4.1915)
Date
1915-04-30
Page
Seite 216 (sequence 12)
Language
German
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2l6 Svbbatbrvt mit der tzvtdgestickteii Decke umhüllt, während drüben, vom Tempel her, gedämpft die liebe Weise herüberktcmg: „Sei gegrüßt, Sabbat, du schöne Braut. . Dann waren die Männer aus dem Tempel gekommen, hatten eine Weile im Nachhausegehen miteinander gesprochen nnd sich getrennt. Ihr Alaun und ihr Schwager waren gerade, sie horte sie schon, unten an der Tür. Da ritt ein Trupp Kosaken um die Ecke. Ein Fragen und Fluchen — ihr Herz erzitterte — Stoßen und Peitschen — sie wankte in den Knien — die Tür flog von einem Tritt auf. Eine fürchterliche Stimme schrie nach einem Strick. Sie begriff noch kaum: sie sollte einen Strick —? Für — Aber schon schleuderte sie ein Fußtritt vorwärts. Auf den Knien, wie sie hingestürzt war, rutschte sie anflehend zu dem furchtbaren Kerl hin. Er schlug ihr mit der Knute ins Gesicht, ihr Blut taumelte davon. Strick, Strick horte sie, suchte wirr, fand einen. Und dann hingen sie dort an dem Balkon. Die Sabattlichter brannten noch und das Festbrot harrte ihres Segens — aber die Frau erkannte mit grausamer Deutlichkeit die verzerrten Züge ihres Mannes nnd ihres Schwagers. Und sie las die Worte erst laut und dann ohne Ton, ohne Kraft zur Klage: „Gehängt. . Und ihr Gesicht wurde steinern, ihr Blick starr und tot und war nicht loszulösen von dem Balkon, auf dem zwei Männer vierundzwanzig Stunden hingen. Die festliche Lichtfülle des Tempels gab ihm keinen Glanz noch ein Leben. Ter Tag neigte sich. Die langen Kerzen brannten herab. Die Luft war schwer lind schwül von dem Atem der betenden Menschen. Es kain die Stnilde, da die gesammelte Kraft der Andacht mit letzter Stärke den Himmel anstürmte, daß seine Tore sich öffneten und den Sündigen vergeben würde. Es ivar die große Stlurde der Urteilsfällnng. Und siehe, es war keiner unter den Männern, der nicht in festlicher Reinheit vor seinen Gott treten konnte. Es war, als ob all der Schmutz und die Niedrigkeit ihres Lebens von ihnen gefallen seien, als ob sie alle, bis zum kleinsten Schacherer und Trödler herab, verwandelt seien. Die Getretenen waren von einem fremden und hohen Glanz umhüllt und standen aufgerichtet. Und mancher war nicht wiederzuerkennen, weil die Züge seines Gesichts in dieser Stunde ganz anders waren, als ivie man sie in dumpfen Läden sah: freundlich verzerrt zu kriecherischer Demut oder erhitzt von der Erregung des Profits. Und es erschien mit wundersamer Deutlichkeit also, daß unter diesem in allen Wandlungen treuen und tiefen Volk noch in jedem Schacherer ein Priester und geweihter Märtyrer lebe. Aber keiner war zu erkennen, dessen Abstammung sichtbar ans die Makkabäer hinwies, die hochgemut auszogen und die Uebermacht der Feinde schlugen. Und keiner atmete ihres Helden Sinison heroischen Geist der Rache mehr, der an den Säulen des Philistertempels betete, daß ihm noch einmal die Kraft würde und er sich mit ihnen unter den Säulen begrabe. Betete keiner, daß er jener Russen, die ihrer spotteten und ihnen die Kraft der Augen und der Bewegung nahmen, Herr würde und die Säulen ihrer Macht zerbreche und sie unter den Trümmern zerschlage, auch wenn er mit ihnen fielet Jeder betete um sein Leben und um das Verderben der Bedrücker. Und es war Fanatismus in ihrem Gebet. Nun aber geschah es, daß die Posaune des Gerichts rief wie in der Stunde der Auferstehung, und alles Volk stehend mit dem Wort des Bekenntnisses siebenmal antwortete wie in der Stunde des Sterbens. Siebenmal rief alles Volk das gewaltige Wort, in dem Jahrtausende erzittern, in dem uralter Kampf und Nvt und Völkerschicksal erschütternd ringen, das ihnen aus Triumph und Sieg zur Schmach und Verdammnis unter den anderen Völkern wurde, und das immer wieder aufsteht und sich selber verkündet — siebenmal. steigernd die Kraft des Tones, rief alles Volk wie aus einer Munde: „Der Ewige ist Gott, der Ewige ist einzig!" Und di Schofar - Posaune ertönte schallend und durchdringend mü unheimlichem sagenhaften Klang wie am Tage des jüngste, Gerichts. Es erschien allen, daß Gottes Stimme, die in der gleichen Posaunenklang. Jerichos Mauern umgestürzt 'hatte, selber ertönt war im Mund der Posaune, Verzeihung de, Sündern, Erlösung und Gnade machtvoll zu künden. Un > alles Volk zitterte wie in der Stunde des großen Sterben Aber der Schall der Posaune war noch nicht ausgeklunge, die Gnade des Ewigen, ihres Gottes, hatte noch nicht gar; die Stirnen der Beter berührt — da gellte jäh ein Schrei dr zwischen, ein Knabenschrei: „Die Kosaken! Die Kosaken! Sie haben den Tempel un zingelt!" Der grelle Knabenschrei fiel wie ein Richterschwert. De,: Vorbeter schnitt es die Stimme im süßesten Tone ab. Totei stille angehaltener Herzen war einen Augenblick. Dan : stürzten Fragen bebender Angst durcheinander. Stimme überschlagen sich. Arme krampsten sich durcheinander i wilder Erregung. Ein Körper fiel dumpf. Und auf den Scha hin, da die Blicke chm nachflogen wie ein Schwarnr verängstie ter Vögel vor dem Sturmstoß, sah nmn eine Frauenhand fit in die zurückgerissene Gardine des Balkons krallen. Jeman schrie, man solle sich verstecken. Und alle duckten, losgerisse: aus jeder Andacht, die sie schön gemacht und erhöht hatte, m entstellten Gesichtern schnell die Köpfe, instinktiv, ohne z' wissen wohin. Da legte sich die Stimme des alten Rabbiners Zaddik w eine beruhigende Hand auf ihre Stirnen. Er sagte, sie sollte: getrost sein und weiterbeten und ihren Gott nicht im StA: lassen. Auch werde ihnen nichts geschehen. Denn -höchste, sei er selber es, den die Kosaken suchten, nicht die anderen, > aber sei in Gottes Hand wie alle. (Schluß folgt.) Mchereinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Kriegskochbuch für die rituelle Küche. Herausgegeben von d- Frauenvereinigung der Frankfurt-Loge unter Benutzung des Kor!, buchs der Lebensmittelkommission der Stadt Frankfurt a. M. Begu achtet und mit einer Einleitung versehen von Hofrat Professe v. Noorden. Druck und Verlag von Englert u. Schlosser in Fraufurt a. M. Jsak Noa Mannheimer. Aus seinem Leben und Wirken von T M. Rosenmann,, Rabbiner und Prediger an der israelitischen Kultu gemeinde in Wien. Zweite, erweiterte Auflage. Wien 1915, N. Löwi. Verlag. Preis 1,80 Mark. Philanthropin, Realschule und Lyzeum der israelitischen Gemeind zu Frankfurt a. M. Jahresbericht Ostern 1915. Inhalt: Schulnac! richten. Von Direktor Dr. S. Adler. Frankfurt a. M., Druck ve Kumpf ii. Reis. 1915. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. B gründet von Z. Frankel. Organ der Gesellschaft zur Förderung d< Wissenschaft des Judentums. Herausgegeben von Dr. M. Braue 58. Jahrgang. Neue Folge, 22. Jahrgang. Breslau, Koebnersck Verlagshandlung 1914. September/Dezember 1914. Das Gesetz, durch welches wir den Frieden erzwingen und ttf; seitige dauernde Wohlfahrt erreichen würden. Urheberschaft und Der lag: Zentralstelle der Neutralpartei, Berlin-Halensee, Ostern 1915. Recht oder Unrecht? Ein Disput über den Völkerkrieg zwische Edward und Mehemed. Von Dr. Mehemed Emin Efendi. Dresde. 1915. Verlag von Richard A. Giesecke. Kriegsfürsorge in Groß-Berlin. Ein Führer, herausgegeben vor der Zentrale für private Fürsorge, Berlin W 35, Flottwellstraße 4 Berlin. 1915. Verlag von W. u. S. Loewenthal. Preis 75 Pf. Alfons Paquet, In Palästina. Erstes bis drittes Lausend. Der legt bei Eugen Diederichs in Jena 1915.

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