Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- Seite 215 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229196--71287-3283618- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
215 Gern;i; xch ihren eben, wi te. '. be Un i, Exil'»] ichen «t immt l)ii xmm ln egan; ji ienfti dk Dr.; eli ilge : ul) >d sie an rchfu vtc mdec ec >or ei i\ anifci m ein; .. in§et:i;i( iernii io ßeife in Tätdlci lerös ul er zi er Her er zun »er I. lir lg W U’b nune ie trbci: ei WlM 1|0 Ha. i'ti itter i ii;»l wie ii „Tal in Heilung des Lebens und Wirkens von Leopold Zunz ist eine literarische Forderung, die längst hätte erfüllt sein müssen. Schon vor nahezu fünfundzwanzig Jahren bemerkte Ludwig Geiger am Schlüsse interessanter Mitteilungen aus Leopold Zunz' 'Nachlaß (in der „Zeitschrift für die Geschichte der Juden"): „ Zunz' hundertster Geburtstag wird in drei Jahren begangeir werden; eine würdige Biographie wäre die schönste Feier dieses Gedenktages." Tatsächlich hat die Zunz-Stiftung sich der Sache mit Eifer angenommen: Namentlich war es Geheimrat Veit Simon, der leider inzwischen verstorbene zweite Vorsitzende des Kuratoriums, der dem Gedanken liebevoll nachging. Aus hier nicht näher anzugebenden Gründen konnte jedoch der Plan bis jetzt nicht zur Ausführung gelangen. Gleichsam als Leistung itter Abschlagszahlung ist nun die Stiftung seit einiger Zeit dabei, eine Neuausgabe der Schriften Zunz' zu veranstalten. Sie „Synagvgale Poesie" ist bereits im Druck; ihre Verösfentichnng wäre ja eine herrliche Festgabe der Stiftung aus Anas; der Jubelfeier. Leider machte sich infolge des Krieges ine — allerdings nur vorübergehende — Verzögerung der i rheiten notwendig, der Druck wird eifrig fortgesetzt. Der erste Präsident der Zunz-Stiftung war ihr Mitegründer Sanitätsrat N e u m nun. Seine Tätigkeit fiel hauptächlich in die Zeit, als noch der Ertrag der Stiftung der iamilie Zunz als Ehrengabe zugeführt wurde. Später gevann er in Felix Liebermann eine wertvolle Kraft, der ihn »letzt auch ganz in der Leittmg ablöste. Mit Eifer und Umsicht mt Herr Professor Lieb e r in a n n die Geschäfte der Stiftung »esorgt und durch eine beträchtliche Steigerung ihres Vernögeus ihre Ziele wesentlich gefördert. Vor einem Jahre legte t' sein Amt nieder, nachdem er die Zunz-Stiftung mit einer edentenden Schenkung bedacht hatte, deren Betrag er in der iolge auf das Doppelte erhöhte. In Anerkennung seiner Verdienste wurde er zum E h r e n p r etfibente n der Zunz- Stiftung ernannt. Der jetzige Vorsitzende des Kuratoriums H der Direktor der Deutschen Bank Oscar W a s s e r m a n u, in feiner Kenner des jüdischen Schrifttums, der ungeachtet einer starken beruflichen Inanspruchnahme noch immer Muße uidet, seine wertvolle Kraft mä,zenhaft in den Dienst der Visseuschaft zu stellen. lemii in Bere^ lii LRos N! hichti Weis: flc gfacl mi »er Z ii] eolvg cl> je Gc -iet »rititi in' :rteu Är de U ter scheu tz> indsä lii r t)i. in sitgel nd geuc i einer »er. >» cher in 'eistu d' orsitzc id k rüh iii stung ui selbst ei« e abe i Eine Tu G' Pogrom in Polen. Von Joachim Friedenthal. ^anz hoch schwang die Stimme des Vorbeters. Als wollte sie mit singender Inbrunst den Himmel selber creichen, daß ein Tor sich auftäte und die Gnade winke, ns; ein Ohr mild würde und die Qual mitten ins Herz cs Ewigen herüberschalle und es erzittern mache. So schwang nie Rab Chajims Stimme mit der uralten nelodie auf, selbst nicht an einem Versöhnungstage. Und die Stimmen i»er Männer fielen ein. Und stürzten uh mit anklammernder Gewalt in die Höhe und in die Tiefe, nie ihre schmerzvolle Verzweiflung zu Höhen sich türmte und »meßbare Tiefen aufriß. Kein kunstvoller Triller, kein hmeichelndes Flehen, wie des Vorbeters Stimme noch in Schmerz und Inbrunst sie fand — ein Schrei, ein mit alten Horten gesungener Schrei zerpeinigter Seelen kam ihm ans er Gemeinde zurück. Die Männer standen in weißen Sterbegewändern, wie es ich ziemte. Das silberbetreßte Gebettuch hatten sie über den lopf geschlungen, ihn zu verhüllen in der marternden Stunde, u der dort oben das große Gericht entschied, ob sie eingeschrieben würdeit mit ihren guten Taten in das Buch des Lebens oder ausgelöscht in die Finsternis; in der aber unten, zur selben Stunde, mordgierige Kosaken vielleicht schon stan- \ den und nicht fragten nach dem großen Gericht und dem Buch! des Lebens. Und die Männer warfen betend die Arme in die j Höhe, ihren Gott anstürmend, mit ihm ringend um seine j Gnade und seine allgegenwärtige Hilfe, ihn nicht lassend auf j seinem ruhevollen Throne, denn er habe sie befreit und erlöst, i Jahrtausende beteten mit. Jahrtausende, die auf dem; Rücken dieser Polnischen Inden lasteten und sie gekrümmt; hatten, Jahrtausende der Not, Schmach und Verfolgung, des i ahasverischen Fluches ewiger Umhergetriebenheit — die Jahr- '■ tausende schienen sich an diesem geheiligten Tage aufzurichten mit den gekrümmten Rücken und sich emporzurecken mit den j Gott anstürmenden Armen der Beter und widerzuhallen in i den gesungenen Worten, die von ihnen selber kündeten . . . Von solch inbrünstiger Gewalt war das Gebet der russischen i Juden an diesem Versöhnungstage des Welthasses und de» Krieges. Die Frauen aber, nach altem Brauche abgesondert sitzend i auf dem zum Altar hin hufeisenförmig gebogenen Balkon, getrennt noch durch einen durchsichtigen Schleier — die Frauen aber weinten still in sich hinein. Manchmal drängte ein , Schluchzen laut hervor und schnitt erschütternd in die leisere j Melodie des Weinens ein. Und sie weinten lange und ohne aufzuhören, wie es die Frauen an Gräbern Pflegen. Jede hatte irgendein Grab in sich, jede trug den Friedhof mit sich herum, den großen Friedhof der Seelen mit all dem im Aufblühen schon erstickten Leben. Abglanz von der schweren Melancholie dieses Friedhofs der Seelen war die dunkle, hoffnungslose Weite ihrer Augen. Auch die jungen Frauen und Mädchen, die an solchem Tage des Fastens und Betens mit den Blicken nach Abwechslung griffen, nach dem Blick eines Mannes, abwägend nach dem Schmuck einer Frau — auch der Mädchen Blicke glichen heute Tränenschleiern über dem Friedhof. lind sie summten alle die alten hebräischen Melodien und Liturgien mit. Vielleicht, daß der Sinn der vermoderten Worte nicht ihr Sinn war, vielleicht, daß ihn manche gar nicht verstanden und nur die Melodie sie ihnen vertraut und heilig machte — es war doch, daß auch die vermoderten Worte Leben ivurden, »veil sich ihre Herzen mit aller Kraft in sie hiueini hängten, sie zärtlich und inbrünstig wiegten und sie ganz i erfüllten mit dem fiebernden Odem ihrer Angst, ihrer Qual, ihrer Verzweiflung. Irrte aber tvirklich ein Blick aus der tiefen Andacht ab, dann traf er nach ganz kurzer Weile unfehlbar das versteinerte Gesicht der Frau Riwkele Kalischer. Der, die aus Klodvwa zu ihrer Mutter geflohen war. Und daun zuckte dieser Blick jäh zusammen, senkte sich tiefer, hing i sich noch flehentlicher an die Worte, die Gott um Hilfe baten, j Frau Riwkele Kalischer aber betete die Worte nicht mit, I obgleich sich ihre Lippen unaufhörlich bewegten. Sie formten! lautlos andere Worte, die hießen: „Gehängt, weil sie ein Dreirubelstück nicht wechseln wollten." i Und ihr Blick war starr und tot. Er drang unempfindlich j durch die festliche Lichterfülle des Tempels und konnte sich; nicht vor dem Bilde schließen, das in ihre Seele eingegraben war. Seit jenem Freitagabend vor drei Wochen. Zwei Männer hingen erschreckend und gespenstisch an dem Balkon ihres eigenen Hauses. Und vierundzwanzig Stunden hatten sie und alle Juden der Nachbarschaft, denen geboten war, | während dieser Frist die Fenster aufzuhalten, Zeit gehabt, sich! zum letztenmal die verzerrten Züge der beiden Männer ein- .zuprägen. Und sie hatten Zeit, den Zettel zu lesen, der auf ihren Kleidern von den Kosaken angeheftet war: „Gehängt, weil sie ein Dreirubelstück nicht wechseln wollten." Nicht wollten — hatte sie nicht friedlich den Abendtisch bereitet, mit frommem Gebete die Lichter angezündet, das