Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- Seite 214 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Jude unterstützt die Wissenschaft. Ich hätte das früher nicht geglaubt, daß ein Mensch, der etwas gelernt hat, so schwer den kümmerlichen Unterhalt findet; ich brauche noch dazu sehr wenig." Und es hört sich wie Galgenhumor an, wenn er eininal bissig bemerkt: „Vielleicht wäre es am geratensten, ich ändere meinen Lebensberuf, werde Kollekteur oder Ignorant, dann würde ich schon im Rate der Weisen sitzen, hätte Geld und mithin auch Freunde. Wenn auch Religion und Philosophie trösten rind erheben, so bilde ich mir nicht ein, daß deren Kraft sich überall an mir bewährt." Das alles vermochte zwar seine Arbeitskraft nicht zu lähmen, verdüsterte aber doch in erheblichem Maße sein Gemüt. An der Grenze des biblischen Alters machte sich jedoch auch hierin in Zunz' Leben eine günstigere Wendung bemerkbar. Es schien, als sollte denl Altmeister jüdischer Wissenschfat für sein langes Leiden endlich Genugtliung widerfahren, als sollte an seinen:Lebensabend wenigstens ihmeine freundlichere Sonne leuchten und das trübe Dasein durch einige warme Strahlen verklären. Kurz bevor Zunz sein siebzigstes Lebensjahr erreichte, schlossen sich einige seiner Freunde und Verehrer z:i einem Komitee zusammen, um durch Veranstaltung einer Sammlung die Mittel zur Gründung einer Zunz-Stiftung zu gewinnen. Sie versandten infolgedessen ein Rundschreiben an eine Anzahl jüdischer Notabeln Berlins, in welchem sie sie zur Leistung eines Beitrages ailfforderten. Dieses Zirkular, das sich nur noch in wenigen Exemplaren im Zunz-Archiv befindet und bereits historische Bedeutung hat, fei hier wiedergegeben. Es hatte folgenden Wortlaut: „<Confidenticll.) Tr. Zuuz feiert am 10. August dieses Jahres seinen siebzigsten Geburtstag. Wie keiner sonst unter den Zeitgenossen, hat derselbe um jüdische Literatur und Wissenschaft sich glanzende Verdienste erworben und hohe Anerkennung auch austerhalb des jüdischen Kreises gefunden: er ist der eigentliche Schöpfer derjenigen wissenschaftlichen und kritischen Richtung, welche nach und mit ihm viele jüdische Gelehrte der Gegenwart mtf den verschiedensten Gebieten fruchtbar angeivendet haben, er ist mit einem Worte der Lehrer unserer Lehrer. Sein schöpferischer Genius hat Werke geschaffen, lvelche seinen Namen unsterblich inachen. Wie sehr aber seine Tätigkeit, gemäß seiner edlen Natur, stets ans das Ganze »nd Große gerichtet gewiesen, so hat er doch inmitten . unserer Stadt als Lehrer durch Vorträge verschiedener Art den Jüngern und Wißbegierigen die Schätze seines Wissens reichlich gespendet. Wenn nun der bevorstehende Geburtstag schon in den entferntesten Gegenden die Aufmerksamkeit der Kenner und Verehrer jüdischer Wissenschaft und des hochstehenden Mannes erregt, wenn von fast allen Hauptstädten Europas Anfragen rejp. Vorschläge in dieser Angelegenheit hierher ergangen sind, so werden die Inden Berlins, in deren Mitte Zunz seit beinahe fünfzig Jahren lebt und wirkt, gewiß nicht zurückstehen wollen, wenn es gilt, ihrem überall gefeierten Genossen einen Beweis ihrer Verehrung zu geben. Es hat sich daher ein Komitee gebildet, um den Ausdruck dieser Gesinnung in angemessener Weise vvrzubereiten, und hat man es für zlveckmäßig gehalten, vorläufig in einem engeren Kreise unserer Glaubensgenossen eine Sammlung zu veranstalten. Der Ertrag derselben, für Errichtung einer Zunz-Stiftnng bestimmt, soll in der Art verwendet werden, daß die Zinsen bei Lebzeiten Zunz' imb seiner Frau denselben zusallen, später für die Wissenschaft des Judentunls zur Verlvendung kommen." Das Rundschreiben war vom 22. Mai 1864 datiert und war gezeichnet von Berthold Auerbach, Gerson Bleichröder, M. Kirschstein, Meyer Magnus, Salomon Reumann, Leonor Reichenheim, Moritz. Steinschneider und Professor Traube. Die eingeleitete 'Aktion blieb nicht ohne Erfolg, und schon nach ziemlich kurzer Zeit war ein Betrag von rund 20 000 Mark aufgebracht. Die Vorbereitungen dauerten indessen noch fast ein Jahr, so daß erst an: 3. April 1865 die Stiftung offiziell als gegründet bezeichnet und zur Anmeldung gebracht werden konnte. Zunz' Frau erfreute sich etwa ein Jahrzehnt des Gemäß der ihr und ihrem Manne ausgesetzten Ehrenrente. Rach ihre» Tode verlor Zunz die Lust am Schaffen und am Leben, ivi er sich überhaupt fortan nur „der selige Zunz" nannte, übe es dauerte doch noch elf Jahre, ehe er dahinging. Un i> war es in der Tat ein Segen, daß er wenigstens ohne Exisi -iij sorgen seinem Ende entgegensehen konnte. Solange Zunz lebte, war von einer wissenschaftlichen Ae tätigung der Stiftung natürlich nicht die Rede. Imme i,i> wurde schon damals die Herausgabe seiner gesamm in Schriften von ihr besorgt. Nach seinem Tode jedoch began si j eine überaus reiche und segensreiche Tätigkeit iin Dienst: de Wissenschaft des Judentums zu entfalten. Es fügte sich sehr gut, daß damals Herr Professor Dr. j eli Liebermann dem Kuratorium beitrat, der in der Folge rid] nur die ganze Last der Verwaltung auf sich nahm und sie m, peinlichster Sorgfalt und in vorbildlicher Weise durchs:: ne sondern sich auch die Vergrößerung des Vermögenstande-: bk Institution zur Ausgabe machte. Das erschien ihm vor o. w als Notwendigkeit, weil die Zunz-Stiftung keine Organist .m ist, die Mitglieder ausweist und Jahresbeiträge einz hl sondern, ganz aus ihr Kapital beschränkt, mit dessen Zinsen n: Haushalten muß. In der Tat gelang es ihm, das Verna sie: der Stiftung mehr als zu verdoppeln und auf diese Weise l>r Leistungsfähigkeit beträchtlich zu steigern. Im wesentlichen erblickt die Zunz-Stiftung ihre Täti lei darin, durch Gewährung einer Subvention die Verös ui lichung wissenschaftlicher Arbeiten zu ermöglichen oder z: er leichtern. Wirklich ist dank ihrer Unterstützung die Her u» gäbe zahlreicher, zum Teil überaus wertvoller Werke zust. nD gekommen. Die Liste der mit ihrer Hilfe im Laufe der I iit publizierten Schriften ist sehr groß. Ihre Aufzählung w n) zu weit führen, und ich will mich daher auf die Nennung x wichtigsten oder interessantesten beschränken. Sv wurden di Schriften von Dalman, Strack, Freiherr v. Gall, Wü:>. lie Fürst, Kayserling, Bacher, S. Bäck, S. Funk, I. Ha. :»l S. Krauß, I. Müller, A. Poznanski, M. Stern unters iiit Ferner wurde die Edierung von Monumentalwerken wie n Jehndas „Thesaurus linguae hebraicae", Luncz' „Tal m Hierosolymitanum", Rainers Arbeiten zum Jerusalems ici Talmud, Guttmanns „(ä1 a vi s Talmudica",I. Theodors „Bertx lii :abba",J. H. Weiß' „Geschichte der jüdischen Tradition",Ros m „Geschichte der Juden in der Türkei", Neumarks „Geschichte de jüdischen Philosophie des Mittelalters" in erheblicher Weis: zc fördert. Auch verschiedene Zeitschriften wurden mannigfach iti Zuwendungen bedacht. Man sieht, das Arbeitsfeld der Z »l Stiftung ist ein recht weites und umfaßt ebenso das theolva dl und philosophische wie das philologische und historische Gc x Nur in einem Punkte ist sie unerbittlich: in der Forderung de voraussetzungslofen Wissenschaftlichkeit der eingelieserten >lr beiten, die als Grundbedingung für jede zu gewährende TI to: stützung gilt. Demgemäß bleiben Schriften apologetischen z» Halts, mögen sie an sich noch so wertvoll sein, grundsä x aus ihrem Wirkungsbereich ausgeschaltet. Darüber hi. mi aber herrscht in der Leitung der Geschäfte die weitestgel »d Gesinnungsliberalität. So werden christliche Autoren genau i unterstützt wie jüdische, orthodoxe wie die Anhänger einer :»: deinen Richtung, Ausländer genau so wie Inländer, l» jahrelang saß im wissenschaftlichen Beirat ein christlicher treter, der Leipziger Professor L. O. Fleischer, dessen Leist:: ä mir erst vor kurzem noch der frühere Kuratoriumsvorsitze ud Herr Professor Liebermann, in den höchsten Worten rühud Seit Jahren trägt sich die Leitung der Zunz-Stiftung »» dem Gedanken, neben der Unterstützung von Autoren selbst ei» literarische Aktion in die Wege zu leiten. Was läge abe > diesemFalle näher als eineBiographieLeopoldZunz-? Eine 2 a: