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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-04-30 · Heft 18 (30.4.1915) · p. Seite 213

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 18 (30.4.1915)
Date
1915-04-30
Page
Seite 213 (sequence 9)
Language
German
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lei* solche, die er begehrt: die etwas derbe, einigermaßen d mmliche Tochter seiner Wirtsleute, eine sranzösische Schan- .dci'iii, eine Oberlehrerin und manche andere) ist Psychologisch i\ iv fein und höchst realistisch und drastisch dargestellt. Die innere Entwicklung des Helden ist recht bedeutsam: wunderi' lle Detailschilderungen, sinnreiche Allssprüche durchziehen i>- 5 Ganze. Wenn ich das Buch hier erwähne, so geschieht dies nicht r, weil es sich aus dem Troß der gewöhnlichen Unter- „ ltungsliteratur stark heraushebt und ich für mich das Recht Ansprüche, meine Leser auch auf allgemeine bedeutsame Erii eiuungen hinzuweisen, sondern auch deshalb, weil in dein ä nhc gelegentlich Juden Vorkommen. Der junge Krafft, der i on als Knabe zum fürstlichen Musiker erhoben, als tüchtiger > inpvnist anerkannt, ein brauchbares und unentbehrliches 'I üglied der fürstlichen Kapelle, eine Zeitlang sogar deren r tcr ist, verdirbt es schließlich durch seine eigenwillige, überl iiperamentvolle Art mit allen: mit Freunden, Kollegen, Krirn, dem Publikum, endlich auch mit dem Fürsten. Kurz r c seiner völligen Verlassenheit schließt er sich einer Gesellschaft c r „Jungen" an, die fast atisschließlich aus Juden besteht, die t c Zeitschrift herausgeben und sie mit ihrem Gelde bezahlen. > ilfft wirb zur Mitarbeit an dieser Zeitschrift veranlaßt. Er > ibt es freilich auch hier so arg mit seinen wütenden An- I, fsen gegen Sachen und Menschen, daß seine Beiträge zui< t nur stark verändert, d. h. gemildert erscheinen dürfen. " chdem er einen solchen Eingriff in sein geistiges Eigentum , aimt hat, trennt er sich von seinen Genossen. Während I ner Mitarbeit an der genannten Zeitschrift lernt er, in dessen v den Juden bisher keine Rollen gespielt hatten und der auch II. - ne Gelegenheit gehabt, sich irgendwie mit der Judensrage zu i> chäftigen, auch eine jüdische Familie kennen. Er gewinnt c : gewisses Interesse für die Tochter, das aber bald wieder a -laut. Diese Darstellung, bei» der man meinen möchte, daß >* visse Großstadtkreise — man ist geradezu versucht, au Berlin V denken — nach dem Leben porträtiert sind, obgleich das i' in je in einer kleinen rheinischen Residenz spielt, ist nicht eben n günstig für die Juden, obgleich neben ihren stark hervorge- :> >enen Vorzügen auch die Fehler keineswegs verschwiegen w rden. Als Jude hätte ich also keine Ursache dem Buche zu zürnen, d? seine Probleme hochstellt und eigenartig entwickelt, wohl a er als Deutscher. Denn um es kurz zu sagen: das Buch ist d rch und durch antideutsch, und es ist ein höchst bedauerliches (i ugnis unserer vor dem Kriege üblichen, ja geradezu zur 1 gend erhobenen Lauheit, unserer mit allem Fremden gell ebenen Abgötterei, daß man ein derartiges Werk nicht nur n - Deutsche übersetzt, sondern in alle Himmel erhoben hat. 2 tut der Held des Buches kommt — und das ist natürlich n ht nur seine eigene Anschauung, sondern die des Verfassers zu der Ansicht, daß die deutsche Musik, nicht nur die gegenu rtige, sondern auch die großen Klassiker, ein ödes Gestammel, d : die deutsche Schauspielkunst eitel Stückwerk und daß die butsche Dichtung, die vergangene ebenso wie die jetzige, wertlt ist. Diese nach unserer Ueberzeugung vollkommen verkehrte >t schaumig, die wir uns wirklich nicht von einem Franzosen drängen lassen wollen, wird bei dem Helden schon rege dl cch ein vertieftes Studium der Musik, der Schauspielkunst >t d der Dichtung, wird aber endlich bei ihm zum Glaubensw te, nachdem er französische Musik, Schauspielkunst und 2 chtung kennengelernt hat. „O Paris, komm mir zu Hilfe, n te mich, rette meine Gedanken", das sind die letzten Worte, dl Hans Christoph in diesem weitschichtigen ersten Bande zu >l echen hat. Er reist nach Paris. Wie seine Entwicklung dort std weiter gestaltet, vermag ich, da ich die Fortsetzung nicht ft nie, nicht zu sagen. Ich bin der letzte, der den großen und in vielem Einzelnett wohltätigen Einfluß leugnet, den Frankreich in den letzten Jahrhunderten auf deutsches Wesen, deutsche Gesittung, auch zum Teil auf das deutsche Theater ausgeübt hat, aber es ist gänzlich unhistorisch und unwahr, einen wahrhaft belebenden Einfluß Frankreichs ans deutsche Musik und deutsche Dichtung anznnehmen und Frankreich in dieser Beziehung einen höheren Rang anzuweisen als Deutschland. Aber nicht nur in diesen absolut falschen Behauptungen des Verfassers, von einem Vorränge Frankreichs auf jedem Gebiete der Kultur und Kunst, zeigt sich das Antideutsche des Buches, sondern in unzähligen einzelnen Bemerkungen. Mitten unter geistvollen, anregenden, tiefen Gedanken stehen heftige, hämische Bemerkungen gegen deutsches Leben, die um so mehr befremden, als der Verfasser mit einer ganz außerordentlichen Gewandtheit die Schilderung einer deutschen Mittelstadt und ihrer Bewohner unternimmt. Er stellt naturwahr, manchmal liebevoll, oft spöttisch, aber eigentlich niemals gehässig dar. Aber die ganze Tendenz des Werkes ist eine Glorifizierung Frankreichs und eine Herabsetzung Deutschlands. Aus diesem Grunde muß ich, obwohl ich die Kraft und Begabung des Verfassers außerordentlich hoch stelle und an sehr vielen Stellen des Werkes meine reine Freude gehabt habe, den Standpunkt gründlich mißbilligen, von dem aus der Verfasser! deutsches Wesen beurteilt, und kann den Kultus nicht teilen,! den man nach übler deutscher Gewohnheit mit ihm, dem i Fremden und dem Feinde, getrieben hat, noch treibt und, wie zu fürchten ist, auch ferner treiben wird. Denn wann werden wir uns zu einem stolzen Selbstbewußtsein anfraffen, einem Selbstbewußtsein, das zwar nicht alles Fremde grundsätzlich abweist, aber nicht duldet, daß unsere Eigenart geschmäht und mit Füßen getreten wird? Mntzigjähriges Mbiläum der Lun?-SMuns. Von Dr. A l p h o n s I. S u ß n i tz k i. m 10. August 1864 wurde Leopold Zunz siebzig Jahre alt. Für den „Begründer der Wissenschaft des Judentums" bedeutete das nicht nur einen wichtigen Abschnitt des Lebensalters, sondern zugleich eine bemerkenslverte Wendung in den Daseinsbedingungen. Im Grunde hatte sich Zunz über eine Verkennung seiner ivissenschaftlichen Leistungen nicht zu beklagen. Verhältnismäßig früh war er als Autorität auf geistigem Gebiete geschätzt, und Gelehrte wie Abraham Geiger, Michael Sachs, Moritz Steinschneider und David Cassel erblickten in ihm ihren Meister. Wenn somit Steinthal in einer späteren Würdigung Zunz mit Ast, Schleiermacher, Bernhardy, Boeckh, Friedrich Schlegel, Jakob Grimm zu den Begründern der Literaturgeschichte und der Philologie zählt und ihn „als Schöpfer, so groß wie irgendeiner von den Genannten", preist, so hat er tatsächlich damit nur zum Ausdruck gebracht, was längst in der Gelehrtenwelt feststand und in weiten Kreisen der Gebildeten bekannt war. Allein diese Verehrung wahrte den Charakter einer „platonischen Liebe", die sich ganz in Passivität erschöpft. Zunz herrschte wohl im Reiche des Geistes, eisk Ummünzung seines Gedankenwerkes in materielle Güter schien ihm jedoch für immer versagt zu sein. Er bereicherte die Wissenschaft und blieb dauernd arm, er beschenkte die Menschheit mit herrlichen Gaben und mußte selbst ein Leben voller Entbehrung und nagender Sorgen führen. Kaum daß er längere Zeit hindurch ungestört seine Subsistenzmittel fand, aus dem Kampf ums Dasein ist er nie herausgekommen. „Ich will Privatstunden geben, selbst Buchhalter werden," schreibt er in einem Moment ernster Verzweiflung. „Der kleine Vorrat geht zu Ende, und kein reicher

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