Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- Seite 212 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229177-3229196--71284-3283615- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Großkapital in verstärktem Maße zu den sozialen Lasten heranziehen wollte, was bei den Manchesterleuten erneut ans heftigen Widerstand stieß. Dieses Ziel Wagners, ein Schutz des Mittelstandes gegenüber dem Großkapital, verfolgte seinerzeit auch Stöcker mit seiner christlich-sozialen Partei, und Adolph Wagner suchte, als er sich ihm anschloß, in Stöcker einen Mitkämpfer dieser Ideen, unbekümmert darum, daß Stöcker auch Ziele verfolgte, die Wagner ferner lagen. Eng verknüpft mit den eben erwähnten Bestrebungen des Berliner Volkswirtes sind seine Kämpfe gegen leichte Spekulationsgewinne und gegen Uebervorteilung durch Wucherzinsen und dergleichen. Wagner hatte die große Schwindel- Periode nach dem Deutsch-Französischen Kriege miterlebt und bewußt beobachtet. Ihn wie jeden ehrlichen Menschen hatten die damaligen Machinationen gewissenloser Gründer empört, und er war bestrebt, darauf hinzuwirken, daß spekulative Betrügereien in Zukunft durch gesetzliche Vorschriften eingedäinmt würden. In seinen Vorträgen über Bank- und Geldwesen waren Anspielungen auf diese Zeit häufig, aber auch Andeutungen namentlich über Wuchergeschäfte auf die Zeit vor dem Kriege und auf noch weiter zurückliegende Zeiten. Wenn manche Antisemitensucher diese Vorträge Wagners gehört hätten, dann würden sie wohl mit vielen „Beweisen" bei der Hand sein, diesen Mann als Antisemiten zu stempeln. Denn Wagner unterließ es selten zu behaupten, daß vor allem jüdische Elemente Wuchergeschäfte abgeschlossen hätten. Durch wucherische Transaktionen seien in einzelnen Gegenden die Handwerker und die Bauern von den „Geldjuden" häufig hart bedrängt worden, wodurch zuweilen ein unaussprechlicher Haß gegen alle Juden und alles Jüdische entstanden sei, der hin und wieder in elementaren Judenverfolgungen zum Ausbruch kam. Anläßlich dieser Vorträge erwähnte Wagner auch fast immer, daß schmutzige Spekulativns- und Geschäftsgewinne ain meisten von Juden erzielt und Betrügereien im Verhältnis zu anderen Volksklassen häufiger von ihnen begangen würden. Aber Wagner hat es nie unterlassen, auf die Ursache n dieser Erscheinungen hinzuweisen. Stets kehrten in seinen Vorträgen die Anklagen wieder gegen Staatsgewalten, die den Juden eine freie wirtschaftliche Entfaltung unmöglich gemacht hatten, nicht nur dadurch, daß ihnen alle Aemter verschlossen wurden, sondern insbesondere dadurch, daß die Jnnungsstatuten die Aufnahme von Juden verboten. Nur eine Erwerbsmöglichkeit war den Juden vffengelassen: der Handel, der Handel mit Geld und mit Waren. Namentlich zu den Geldgeschäften wurden die Juden von den kleinen, gar zu häufig verschuldeten Fürsten und Edelleuten gern herangezogen, wodurch sie zuweilen eine Macht erlangten, die sie bei ihren bürgerlichen und bäuerlichen Gläubigern nur noch verhaßter machte. Zu verwundern sei es also nicht, wenn die Juden auf dem Gebiete des Handels mit vielen Schlichen und Kniffen vertraut seien, die ihren christlichen Mitbürgern oft unbekannt sind. Auch sei es erklärlich, daß die Juden den Vorsprung dieser Kenntnis im Kampf ums Dasein ausnutzen, was gerechtfertigt sei, solange sich die Ausnutzung in den von Treu und Glauben gezogenen Grenzen bewegte. Indem Wagner diese historischen Vorgänge, häufig mit herben Glossen versehen, vortrug, kam er stets auch auf andere als die erwähnten Charaktereigenschaften der Juden zu sprechen. Er schilderte ihre Vorzüge bei Abschlüssen großer Geschäfte, ihre Gewandtheit im Erfassen geschäftlicher Vorteile, die Verdienste, die sich jüdische Elemente um das neuere deutsche Wirtschaftsleben erworben haben, und ihre Anpassungsfähigkeit an die verschiedensten Lagen im Wirtschaftsleben. In keinem Vortrag über Bankwesen unterließ es Wagner, auf die Bedeutung der Juden für die Ausgestaltung dieses Zweiges in wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Hinsicht aufmerksam zu machen. In wirtschaftlicher Hinsicht verwies er auf die vielen „Hofbankiers", die in früheren Zeiten für den Staatskredit von außerordentlicher Bedeutung gewesen sind und zumeist Juden oder doch zum wenigsten jüdischer Abkunft waren. In wissenschaftlicher Hinsicht zeigte er, welche Förderung ein Mann wie , David Ricardo der Bankilnd Geldlehre durch seine Schriften angedeihen ließ. Er hob hervor, daß die scharfe Logik, durch die sich die Werke Ricardos auszeichnen, sehr häufig bei Juden zu finden ist und daß er, Wagner selbst, Ricardo manches verdanke. Wenn also aus den angeführten Jdeengängen und wirtschaftlichen Zielen Wagners ein Schluß auf die Stellung dieses Gelehrten zum Judentum gezogen werden soll, so kann es nur der sein, daß Wagner nie die Juden als solche bekämpft hat. Sein Zusammengehen mit Stöcker, das ihm wohl am meisten von den Juden verübelt worden ist, entsprang seinem Kampf für den Mittelstand, gegen das Manchestertum und gegen leichte spekulative und schmutzige Geschäftsgewinne, nicht aber einem Haß gegen eine ganze, seit Jahrhunderten in Deutschland ansässige Volksklasse. Dies hat Wagner, wie eben kurz gezeigt, durch seine Reden wie auch durch sein Leben bezeugt. Denn er hat die Menschen, die in seinen Kreis traten, nicht nach deren Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion oder Rasse beurteilt, sondern nach deren Fähigkeiten und Leistungen. In sein Seminar wurde jeder ausgenommen, der die wissenschaftliche Reife hatte, unbekümmert darum, ob Christ oder Jude. Ja, mancher Jude rvird gern an diese Seminarzeii denken, wenn der Altmeister bei der Kritik der Arbeiten „die scharfe Logik, die den Juden häufig eigen ist", hervorhob. Darum mag nochmals betont werden: Wagner ist Nationalist, steht in religiöser Hinsicht auf streng-christlichem Boden, ist aber nie ein Bekämpfer des Judentums, nie ein Antisemit gewesen. Somain Solland'. Bon L u d >v i g Geiger. or dem Ausbruch des Weltkrieges hatte man mit dem französischen Schriftsteller Romain Rolland in Deutschland, wie üblich, einen großen Kultus getrieben; in den ersten Wochen oder Monaten des Krieges wurde ein heftiger deutschfeindlicher Brief des französischen Autors veröffentlicht, der zu einer männlichen Entgegnung Gerhard Hauptmanns führte; seitdem ist, wenn ich nicht irre, der Franzose zu einigermaßen sympathischeren Gefühlen zurückgekehrt. Ich hatte, da ich nicht den Ehrgeiz besitze, alle Tagesberühmtheiten kennen zu lernen, sobald sie austauchen — denn solche Eintagsfliegen verschwinden ebensoschnell wie sie erscheinen —, bisher vernachlässigt, etwas von Rolland zu lesen; auf einer Reise habe ich den ersten dicken Band (er umfaßt 801 Seiten und dürfte im Original mehrere Bände füllen) mit Interesse durchgenommen. Der Roman ist ein sehr interessantes Werk, das die Kindheit und Jugendgeschichte eines frühreifen Menschen Johann Christoph Krasft beschreibt. Großvater und Vater sind entsprechend ihrem Namen Kraftmenschen, eigensinnig, dem Trunk ergeben, aber tüchtige Musiker. Der Sohn bzw. Enkel ist ein Genie, das seine eigenen Wege wandelt. Die Schilderung dieser Entwicklung in Glauben und Sittlichkeit, in Freundschaft und Liebe, die letztere zuerst zu einem adligen Fräulein, dann zu einer schönen Händlerin, endlich zu einem hübschen, derbsinnlichen Ladenmädchen (daneben kommen noch andere Beziehungen zu Frauen vor, teils solche, die ihn anschwärmen, I Romain Rolland: „Johann Christoph, Kinder- und Jugendjahre." Roman, 4—6. Tausend. l!114. Literarisch.' Anstalt Nutten n. Loening, Frankfurt a. M.