Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- Seite 211 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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211 Adolph Wagner und das Judentum. Von Dr. Paul Jacobs, Berlin. eber die Stellung des nunmehr 80 jährigen Adolph Wagner, des Altmeisters der deutschen Volkswirte, zum Judentum ist im großen Publikum säst nur eine Meinung vertreten: Wagner, der Antisemit. Doch nicht immer ist Volkes Stimme Gottes Stimme, und namentlich in der Beurteilung von Personen war die Stimme des Volkes, das heißt der Zeitgenossen, leider nur zu häufig von der Wahrheit weit entfernt. Insbesondere aber war die Meinung des Publikums oft falsch, die es sich gebildet hatte über Persönlichkeiten, deren Lebensweg ein ewiger Kampf war und ist. Eine solche Kampfnatur ist Adolph Wagner. Es duldete ihn nicht in der stilleil Studierstube, um abseits vom öffentlichen Meinungsstreit schweren Problemen nachzuhängen und nach langen Erwägungen durch Aussätze in wenig gelesenen wissenschaftlichen Zeitschriften manchen Tagespolitikern Anregungen zu großen Reden zu geben. Nein, er trat heraus aus seinem Büchermeer und wendete sich direkt ans Volk, an alle Klassen des Volkes. Und wie wendete er sich ans Volk! Er mied es, die breiten, ivohlgepslasterten Straßen der Parteipolitiker zu ziehen. Er seichte neue Ziele zu erreichen, neue Ideale zu verwirklichen und stieß dadurch nicht selten heute seine Parteifreunde von gestern vor den Kopf. Wagner geht seine eigenen Wege und kann daher nicht von einer politischen oder wirtschaftlichen Partei reklamiert werden. Er hat den meisten Parteien etwas gegeben, aber auch bei allen Opposition getrieben und ist daher nirgends recht heimisch geworden. Wenn er trotzdem von 1882 bis 1885 im preußischen Landtag als konservativer Abgeordneter saß, so hat er den Parteiangehörigen doch wenig Freude gemacht. Denn nie hat er sich bei seinen Reden und in seinen Entschließungen vom Parteistandpunkt leiten lassen, vielmehr immer den nationalen Standpunkt, immer das Wohl der Allgemeinheit, namentlich auch das des vierten Standes, im Auge gehabt. So schwer Wagner sich (wenn auch nur äußerlich — innerlich überhaupt nie!) einer Partei anschließen konnte, so leicht war er bereit, mit den Verfechtern einer Idee, die er als richtig erkannte, gemeinsame Sache zu machen. Dabei war es ihm ziemlich gleichgültig, welche Personen diese Idee vertraten. Und gerade die nicht immer genügend sorgfältige Auswahl seiner Umgebung hat vieles dazu beigetragen, falsche Meinungen über Wagner und über seine Ansichten zu verbreiten. Im allgemeinen wird die Stellung Wagners zum Judentum mit zwei Momenten charakterisiert. Erstens werden einzelne Aeußerungen Wagners wiedergegeben, die seine Abneigung gegen das Judentum dartun sollen, und zweitens wird angeführt, daß Wagner seinerzeit mit Stöcker zusammen den Antisemitismus großgezogen habe. Von den Aeußerungen Wagners sind viele in Umlauf. Kürzlich wurde mir gegenüber als Zitat aus einer seiner Reden das Wort entgegengehalten: „Die Hosen handelnden Jünglinge mit den schwarzen Locken können mir nicht imponieren." Die Richtigkeit dieser Aeußerung muß dahingestellt bleiben, denn zu einer Nachprüfung fehlt mir jede Möglichkeit. Trotzdem muß betont werden, daß die Aeußerung wohl „wagnerisch" sein kann, denn Wagner liebt es zuweilen, in krassen Bildern seine Zuneigung oder seine Abneigung auszudrücken. Wer wollte aber aus solcher Aeußerung und ähnlichen Worten dieses Mannes folgern, daß Adolph Wagner das Judentum bekämpft? Sicherlich niemand, der Wagners Persönlichkeit und die Ideen dieses im wissenschaftlichen wie im politischen Leben gleich angesehenen Mannes kennt. Leider sind aber gerade diejenigen, die von Adolph Wagner nichts Äs Schlagwörter wissen, die Verbreiter der antisemitischen Version über ihn. In Beziehung auf derartige Aeußerungen ist Adolph Wagner allerdings ein dankbares Objekt; denn in seinen unzähligen politischen Reden hat er nicht jedes Wort vom wohlerwogenen Konzept abgelesen, sondern diese Kampfnatur liebte es und liebt es noch jetzt, auf plötzliche Einfälle, die ihm während des Sprechens kommen, einzugehen und sie weiterzuspinnen. Daß unter solchen Umständen manches im politischen Tageskampf gesprochene Wort eine zweifache Auslegung zuläßt, ist erklärlich. Gerade deswegen aber ist es nötig, die Stellungnahme Wagners nicht nach einzelnen Aussprüchen zu beurteilen, sondern sich ein Bild zu machen von seinen ganzen Jdeenvorstellungen und von den Zielen seiner Kämpfe. Dies ist um so notwendiger, weil Wagner sich nie in einzelne Ideen verbiß und verhältnismäßig leicht bereit war, etwas zu verwerfen, sobald er es als falsch erkannte, selbst wenn er früher anderer Meinung gewesen war und diese geäußert hatte. Darum mögen hier in kurzen Strichen einige Anhaltspunkte über die Lehren Wagners und über die Ziele, die er erstrebte, angeführt werden, soweit sie mit seiner Stellung zum Judentum zusammenhängen. Wenn man aufmerksam Adolph Wagners Gedanken, die er auf dem Lehrstuhl der Universität oder in öffentlichen Versammlungen vortrug, analysiert, so wird man zu dem Ergebnis kommen, daß er mit manchen Seiten der Entwicklung, die das deutsche Wirtschaftsleben in den letzten Jahrzehnten genommen hat, nicht recht einverstanden ist. Seine stillen Wünsche gingen trotz der sozialistischen Tendenzen seiner Bestrebungen doch immer dahin, eine freie Entfaltung des Individuums zu ermöglichen. Diese freie Entfaltung sollte jedoch dort ihr Ende haben, wo die Zusammenhäusung von wirtschaftlicher Macht in einer Hand die Gefahr hevaufbeschwor, daß andere Individuen von solcher privaten Machtentsaltung in der Entwicklung gehemmt würden. Mit anderen Worten: Adolph Wagner ist gegen die in den letzten Jahrzehnten bei uns hervorgetretene Ansammlung von Kapital und damit von wirtschaftlicher Macht in einzelnen Händen und . für einen starken Mittelstand. Mit bissigen Worten und herben Glossen wendete er sich gegen den wirtschaftlichen Egoismus, den er im Manchestertum verkörpert sah. Gerade seine Agitation gegen die Gefahren der Kapitalkonzentration, der Anhäufung von wirtschaftlicher Macht in einzelnen Privathänden und der Ausbeulung der niederen Klassen brachte Wagner die scharfe Gegnerschaft der liberalen Freihändler (im Sinne von laissez faire — laissez aller) ein, die vornehmlich in Ludwig Bambevger, Eduard Lasker usw. ihre Wortführer fanden. Diese Gruppe bekämpfte er sowohl aus den angeführten wirtschaftlichen als auch aus nationalen Gründen. Denn Wagner sah in ihnen Leute, für die das Deutschtum keine Kulturgemeinschaft bedeutete, sondern der Boden für die Erzielung großer Gewinne war, ja Personen, die dem Deutschtum durch ihre Entnationalisierungstendenzen gefährlich werden könnten. In den häufig sehr hitzigen Parteikämpfen mit dem Manchestertum ist Wagner allerdings mit den im Wirtschaftsleben an hervorragender Stelle stehenden Juden zuweilen scharf ins Gericht gegangen. Insbesondere warf er ihnen wirtschaftlichen Egoismus und Ausbeutung der Angestellten und Arbeiter vor, was natürlich ihm als einem der Vorkämpfer unserer jetzt als so segensreich empfundenen sozialen Gesetze besonders verwerflich erscheinen mußte. Wohl erkannte Adolph Wagner die Gewerbefreiheit als die eigentliche Quelle dieses Nebels. Wenn er trotzdem nicht die Wiederherstellung der Innungen in ihrer früheren Gestalt befürwortete, so hatte er seine guten Gründe dafür in der Unmöglichkeit, die Innungen den neuen Verhältnissen anzupassen. Wohl aber suchte er für den Handwerkerstand und für die Arbeiter dadurch bessere Verhältnisse zu schaffen, daß er das